Altmaier legt deutlich höhere Stromverbrauchsprognose vor

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Windrad in Schleiden

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat eine neue, deutlich höhere Prognose für den Stromverbrauch im Jahr 2030 vorgelegt. Altmaier erklärte am Dienstag in Berlin, die Neufassung des Klimaschutzgesetzes und "unsere neuen ambitionierten Klimaziele" erforderten eine Anpassung der Analysen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erklärte, es sei gut, dass Altmaier "endlich" eine realistische Prognose vorgelegt habe - damit gestehe der Minister einen Fehler ein.

In der Analyse der Prognos AG im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums gehen die Forscher davon aus, dass im Jahr 2030 rund 14 Millionen Elektroautos auf Deutschlands Straßen fahren und sechs Millionen Wärmepumpen Gebäude heizen. Benötigt wird zudem Strom für die Produktion von "grünem" Wasserstoff, der fossile Stoffe ersetzen soll. Insgesamt werden 2030 laut einer ersten Abschätzung zwischen 645 und 665 Terawattstunden (TWh) verbraucht (eine Terawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden). Vor der Corona-Krise im Jahr 2019 lag der Verbrauch bei 577 TWh.

Noch im September 2020 hatte die Bundesregierung bei der Verabschiedung der Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) einen Bruttostromverbrauch von 580 TWh zu Grunde gelegt. Dieser Wert ist "maßgeblich für die Ausbaupfade im EEG", wie das Wirtschaftsministerium am Dienstag erläuterte: 65 Prozent des Bruttostromverbrauchs sollen 2030 durch Erneuerbare gedeckt werden. Ein zu gering veranschlagter Stromverbrauch bedeutet daher auch einen weniger ehrgeizigen Ausbau der erneuerbaren Energien.

Altmaier sagte nun am Dienstag, der Ausbau von Windenergie an Land und auf See sowie der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen müssten beschleunigt werden. Dafür müssten auch Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Er rechne damit, dass bis Anfang der 2030er Jahre auch "mindestens eine, wenn nicht zwei" zusätzliche große Stromtrassen gebaut werden müssten.

Auch Scholz forderte, die Ausbauziele für erneuerbare Energien "massiv" anzuheben. Wo erforderlich, müssten auch zeitnahe Gesetzte angepasst werden. In Zukunft sei viel mehr Strom aus erneuerbaren Energien nötig: "Das zu ignorieren, war fahrlässig mit Blick auf unseren Wohlstand", kritisierte er Altmaier.

Das SPD-geführte Bundesumweltministerium mahnte, den höheren Stromverbrauch realistisch anzuerkennen, sei nur der erste von zwei Schritten. "Wind- und Solarenergie müssen in diesem Jahrzehnt doppelt so schnell ausgebaut werden wie bisher", erklärte Staatssekretär Jochen Flasbarth. Nur so könnte Deutschland seine Klimaziele erreichen.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) erklärte, je länger mit dem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien gewartet werde, desto eher drohe eine "Ökostromlücke". "Spätestens ein erstes 100-Tage-Programm einer neuen Bundesregierung" müsse den "Erneuerbaren-Turbo in allen Sektoren" einschalten, forderte BEE-Präsidentin Simone Peter.

Die Grüne Energie-Politikerin Julia Verlinden kritisierte die bisherigen Annahmen der Bundesregierung zum Stromverbrauch als "unseriös". "Für die Union kamen die unrealistischen Annahmen zum Stromverbrauch gerade recht, um den Erneuerbarenausbau in unverantwortlicher Weise auszubremsen", erklärte sie. Der von der Koalition gedeckelte Ausbau der Erneuerbaren reiche vorne und hinten nicht. "Wir brauchen ein Vielfaches an Sonnen- und Windenergie" erklärte sie. Dafür brauche es "jetzt klare Rahmenbedingungen".

Auch der Energie- und Klimapolitiker der Linksfraktion im Bundestag, Lorenz Gösta Beutin, kritisierte Altmaier und die Union für eine "stotternde Energiewende" und dafür, dass sie sich "seit Jahren von Windkraftgegnern statt Energiewendeexperten beraten" ließe. Er forderte einen Kohleausstieg bis 2030 und eine hundertprozentige Versorgung mit Ökostrom bis spätestens 2035.

fho/ilo

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