"Das alte System VW lebt": So schaffte es Arbeiterführer Bernd Osterloh im zweiten Versuch zum Einkommensmillionär

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Bernd Osterloh
Bernd Osterloh

Kürzlich feierte Bernd Osterloh sein 44. Dienstjubiläum. Im Jahre 1977 fing er bei VW an und machte dann als Betriebsrat schnell Karriere. Zum obersten Arbeitnehmervertreter verhalf ihm eine Sex-Affäre. Denn im Jahr 2005 kam heraus, dass der Konzern seinem Vorgänger Klaus Volkert heimlich Bordellbesuche finanzierte. Seitdem steht Osterloh an der Spitze des Betriebsrates und stieg in den Jahren darauf zum mächtigsten Arbeiterführer der Republik auf.

Doch die starke Stellung als Betriebsratsboss reichte Osterloh nie aus. Er sah sich von Anfang an als Co-Manager, der auf Augenhöhe mit dem Vorstandsvorsitzenden verhandelt und nicht nur die Interessen der Arbeitnehmer vertritt, so wie es in anderen Unternehmen üblich ist. Nun ist ihm der Sprung ins Top-Management geglückt. Am vergangenen Freitag räumte Osterloh sein Betriebsratsbüro und wird zum 1. Mai Personalvorstand bei Volkswagens Lkw-Tochter Traton in München.

Vom Arbeiterführer zum Vorstand: Der ungewöhnliche Aufstieg ist das Tuschel-Thema im Konzern und in der Branche. Öffentlich traut sich bislang kaum jemand diesen Vorgang zu kritisieren. Intern herrscht aber mancherorts Kopfschütteln bis hin zu Bestürzung. Denn der 64-Jährige bekommt zum Abschluss seiner Karriere einen lukrativen Drei-Jahres-Vertrag, der ihm rund sechs Millionen Euro einbringen wird. Vom gekauften Betriebsrat will Osterloh aber nichts wissen: "Mir geht es nicht ums Geld", sagte er in einem Interview mit dem "Manager Magazin". Er wollte demnach noch mal zeigen, dass er auch als echter Manager etwas taugt – und nicht nur als Co-Manager.

Für Osterloh war der Traton-Job wohl die letzte Chance, doch noch zum Einkommensmillionär zu werden. Sein erster Versuch war bereits vor sechs Jahren fulminant gescheitert, wie Business Insider erfuhr. Damals stand noch Martin Winterkorn an der Konzernspitze und suchte einen neuen Personalvorstand. Die offene Stelle kam wie gerufen für Osterloh, auch Winterkorn war einverstanden.

Der Wechsel des Betriebsratschefs auf den Vorstandsposten galt als ausgemacht, bis die Eigentümer-Familien Porsche und Piëch im letzten Moment noch ihr Veto einlegten. Die Familiensprecher Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch wollten den polternden Gewerkschafter nicht auf dieser Schlüsselposition haben. Ihr Verhältnis zu Osterloh war angespannt, zudem hielten sie nichts von einem derartigen Seitenwechsel. Die Abfuhr der Eigentümer verschwieg Osterloh und behauptete später, er habe das Job-Angebot wegen des Dieselskandals ausgeschlagen. Angeblich, weil er die Belegschaft nicht im Stich lassen wollte.

Nun, sechs Jahre später, gaben die Porsches und Piëchs grünes Licht für seinen Sprung ins Top-Management. Warum? Das Verhältnis hatte sich zuletzt nicht spürbar verbessert, sie trauen dem Gewerkschafter weiterhin nicht über den Weg. Doch jetzt kommt ihnen das Karrierestreben von Bernd Osterloh sehr gelegen. Denn es ist aus Sicht der Eigentümerfamilien ein eleganter Weg, dem lähmenden Zweikampf zwischen dem Betriebsratsboss und dem VW-Chef Herbert Diess ein elegantes Ende zu setzen.

Immer wieder sind die beiden Alphatiere aneinander geraten, lieferten sich spektakuläre Machtkämpfe, teils auf offener Bühne. Der Höhepunkt war im vergangenen Jahr, als Osterloh gleich zweimal die vorzeitige Vertragsverlängerung von Diess verhinderte und den Konzernchef auf diese Weise düpierte. Ohne Osterloh, so das interne Kalkül, könne Diess die schwierige Transformation zum Tech-Unternehmen deutlich schneller schaffen. Und so ist Diess durch den Osterloh-Aufstieg seinen schärfsten Rivalen losgeworden.

Es gibt erstaunlich viele Gewinner bei der Osterloh-Personalie. "Nur die Moral ist auf der Strecke geblieben", sagt ein Top-Manager. Auch wenn der umstrittene Wechsel nicht gegen das Betriebsratsverfassungsgesetz verstoßen hat (so etwas ist dort auch gar nicht vorgesehen), lässt sich der Vorgang nur schwer mit dem von VW propagierten Kulturwandel vereinbaren.

Nach Sex-Affäre und Diesel-Skandal hatten die Wolfsburger Besserung gelobt, sogar ein eigenes Vorstandsressort für Recht und Integrität geschaffen. "Der Fall Osterloh zeigt, dass das alte System VW weiterlebt, die Kungeleien zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite", so ein langjähriger Vorstand. Auch die Führung der IG Metall hält vom Osterloh-Deal nicht besonders viel und fürchtet ums Image der Gewerkschafter: Denn der Eindruck, Betriebsräte könnten käuflich sein, ist Gift für jede Arbeitnehmervertretung. In einem Statement bleibt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann aber diplomatisch: "Bernd Osterloh hatte in den vergangenen Jahren wiederholt Angebote für Top-Positionen auf Vorstandsebene. Jetzt (...) will er es in neuer Rolle noch einmal wissen."

In einer Aufsichtsratssitzung stellte Osterloh seine soliden Ziele als neuer Personalvorstand von Traton bereits vor. Eine Position, die es in der personalschwachen Holdinggesellschaft bis vor Kurzem gar nicht gab und von der nicht jeder in Wolfsburg eine Ahnung hat, wozu es sie überhaupt gibt. "Bernd kann jetzt wenigstens jeden Morgen allen seinen Mitarbeitern die Hand geben", spottet ein hochrangiger Top-Manager.

Bei aller Kritik und Häme könnte der Osterloh-Coup aber auch noch ein juristisches Nachspiel haben. Demnächst startet nämlich der Prozess gegen ehemalige VW-Manager, weil sie angeblich dem langjährigen Betriebsratschef ein viel zu hohes Gehalt eingeräumt hatten. Mit dem Wechsel in den Vorstand tritt der Konzern aber nun auch den Beweis an, dass es sich bei Osterloh um eine Top-Führungskraft gehandelt hat, die auch top bezahlt werden muss.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit der Justiz musste es Osterloh sogar hinnehmen, dass VW zeitweise sein Gehalt von bis zu 750.000 Euro radikal kürzte. Der jetzige Gehaltssprung auf zirka zwei Millionen Euro pro Jahr sollte Osterloh aber dabei helfen, über die damaligen Einbußen hinweg zu kommen.

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