Alte Liebe rostet nicht: „Eine Fahrt über die Landstraße ist wie ein Kurzurlaub“

Claudio Tescari aus Esch hat einem englischen Daimler zu alter Form verholfen.

Dass seine Arbeitsstätte noch zu Köln gehört, ist Claudio Tescari zumindest eine freudige Feststellung wert. Erst hinter seiner Werkstatt beginne der Rhein-Erft-Kreis, stellt er klar. Der 52-Jährige hat die alte Sinnersdorfer Mühle mitten in den Feldern im Grenzland zwischen Köln-Esch und Pulheim-Sinnersdorf gemietet. Hier hat er als Restaurator von Oldtimer-Lenkrädern und Edelholz-Interieur eine Nische – und ein beschauliches Fleckchen Erde – erobert.

Hier hat er aber auch seine große Leidenschaft ans Laufen gebracht: einen stattlichen Daimler EL 24 von 1937. Claudio Tescari öffnet eine Scheunentür und setzt seinen englischen Zweisitzer an die Sonne – das richtige Wetter für eine Landpartie im Luxus-Cabrio. Der Hersteller Daimler England baute ab 1891 die Benzinmotoren von Gottlieb Daimler in Lizenz, daher der Firmen-Name. Die Kundschaft gehörte zur High Society, der EL 24 kostete so viel wie drei Einfamilienhäuser.

Dafür gab es dann Spielereien wie die zentrale Wagenhebeanlage, die das 1,4 Tonnen schwere Ungetüm über eine Hydraulik zwecks Radwechsel anhebt. „Das ist Maschinenbau vom Feinsten“, sagt Tescari, setzt eine Fliegerbrille auf und braust los.

Deshalb habe ich ihn:

Seit ich 18 bin, habe ich immer mit alten Autos gespielt. Wobei ich mich auf Sportwagen der 1950er und 1960er Jahre konzentriert habe. Aber so richtig begeistert war ich immer nur von Vorkriegs-Autos. Viele Leute wissen gar nicht, wie fortschrittlich die Technik damals schon war. Für mich war es aber lange Zeit schwierig, das richtige Modell zu finden. Entweder war es zu teuer, nicht verfügbar oder ich hatte keine Zeit für ein Restaurierungs-Objekt.

Ein Freund hat mich dann auf die Idee gebracht, von den renommierten und entsprechend hoch gehandelten Marken abzukommen und mich an den Rändern umzuschauen. Die Marke Daimler England war zwar immer mit Luxus und Renommee verbunden, war zum Beispiel bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Hoflieferant für das englische Königshaus. Aber hier zu Lande interessiert sich kaum jemand dafür. So kam ich dann zu einem günstigen Daimler, den ich 2006 auf einem Schrottplatz in Leicester gefunden habe.

Der stand da mit Fahrgestell und kompletter Technik, die Karosserie allerdings war abhanden gekommen. Mich begeistert die alte Technik mit den vielen guten Ideen und auch die Leistung, die für den heutigen Verkehr völlig ausreichend ist. Und mich haben auch die großen Herausforderungen fasziniert, die mit dem Wiederaufbau eines solchen Wagens verbunden sind. Literatur oder Werkstatt-Handbücher gibt es nicht, das Daimler-Werkarchiv ist in den 1960er Jahren abgebrannt. Nur eine alte Bedienungsanleitung konnte ich noch auftreiben.

Das kann er:

Man kann wunderbar mit kleiner Drehzahl fahren und hat trotzdem immer genug Leistung. Der alte Motor hat extrem viel Drehmoment, das die begrenzte PS-Zahl mehr als kompensiert. Bei schönem Wetter bin ich König der Landstraße, bei Regen allerdings eine arme Sau. Ein Verdeck gibt es nämlich nicht. Die Engländer haben wenig Probleme, ungeschützt durch ihr Schmuddelwetter zu fahren. Ich kann gut darauf verzichten. Wenn die Sonne allerdings scheint, ist eine Fahrt über Landstraßen wie ein Kurzurlaub.

Das kann er nicht:

Dieses Modell hat extreme Probleme mit dem Zylinderkopf, weshalb von den wenigen noch existierenden Exemplaren viele nicht fahrbereit sind. Ich lasse den Zylinderkopf nun mit Hilfe moderner Computertechnik leicht verändert nachgießen, die Konstruktionsfehler sind damit hoffentlich behoben. Der Bremsweg ist – wie damals üblich – nicht zu vergleichen mit modernen Autos, das Lenken im Stand ist kräftezehrend, und der Wendekreis ähnelt dem eines Tankers. Ohne Verdeck, Kofferraum und mit den winzigen Türen ist der Daimler auch weder praktisch noch alltagstauglich. Und wartungsintensiv ist er obendrein. Alle 1500 Kilometer muss er an 30 Stellen geschmiert werden. Aber der Verbrauch ist mit 20 bis 25 Litern mittlerweile akzeptabel. Angefangen habe ich mit 40 bis 50 Litern. Das Problem habe ich dann mittels Vergaseroptimierung weitestgehend in den Griff bekommen.

Das habe ich für ihn getan:

Wäre ich nicht im Winter 2006 auf dem englischen Schrottplatz aufgekreuzt, wäre der Wagen heute verloren. Was noch da war, habe ich bis zur letzten Schraube zerlegt und aufgearbeitet, habe Teile nachgebaut oder auf englischen Teilemärkten zusammengetragen. Die Karosserie habe ich mit viel Herzblut und Geduld nachgeformt. Der Tragrahmen besteht aus Eschen-Holz, worauf ich dann Sperrholzplatten genagelt habe, die ich anschließend mit Vinyl-Kunstleder bezogen habe. Nur die Motorhaube und die Kotflügel bestehen aus Aluminium. Das ist die typische Bauart von Vorkriegs-Fahrzeugen.

Das haben wir erlebt:

Nach 6000 Stunden Arbeit, vor allem nach Feierabend und am Wochenende, habe ich zusammen mit meiner Frau am 1. Oktober 2012, zufällig mein Geburtstag, die erste Fahrt unternommen. Mit ein paar Tränen der Rührung im Auge. Als wir nach einer kurzen Ausfahrt zurück in den Hof einbiegen wollten, hat uns ein Freund eingewiesen. Beinahe hätte ich ihn über den Haufen gefahren, weil plötzlich die Bremsen versagten. Der Bremskraftverstärker hatte sich mit Benzin gefüllt, wir mussten also sofort wieder zurück in die Werkstatt. Die ersten Touren haben immer wieder Nachbesserungen nach sich gezogen. Wer nicht ein Kenner in allen Gewerken ist, sollte die Finger von so einem Auto lassen. Sonst stehen die Kosten in keinem Verhältnis mehr. Der Wert eines solchen Fahrzeugs entspricht auch nicht ansatzweise dem Restaurierungs-Umfang.

Das haben wir vor:

Wir wollen unbedingt mal mit dem Daimler über die Alpen zur Mille Miglia fahren, dem legendären Oldtimer-Rennen, das jedes Jahr im Mai in Brescia startet. Mitfahren dürfen wir dabei allerdings nicht, weil nur Fahrzeuge zugelassen werden, die bei der ursprünglichen Rallye bis 1957 dabei waren. Aber nach Italien auf eigener Achse zu fahren ist schon Spaß genug.

Aufgezeichnet von Tobias Christ

Daimler EL 24

Baujahr: 1937 

Hubraum (ccm): 3300 

PS: 120

Zylinder: 6

km/h (max.): 160 

Verbrauch: 20-25 Liter

Gebaute Exemplare: 710 

Neupreis (D-Mark): n.b....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta