Kein Deutscher! Charr gesteht Pass-Lüge

Tobias Wiltschek, Nadine Anna Münch, Sportinformationsdienst (SID)
Manuel Charr hat keinen deutschen Pass

Seinen bislang größten Fight im Boxring hat Manuel Charr vergangenen Samstag gegen Alexander Ustinow gewonnen. Doch der anschließende Kampf um seine Anerkennung als deutscher Staatsbürger basiert auf einer Lüge.

Nach dem tagelangen Verwirrspiel um seine Nationalität beendete der 33 Jahre alte WBA-Champion am Mittwochabend alle Spekulationen selbst: Er habe keinen deutschen Pass - und derzeit auch keinen beantragt.

"Ich möchte mich beim deutschen Volk entschuldigen. Ich habe mich in den letzten zwei Jahren auf die Arbeit und Aussagen meiner Anwälte verlassen, die sich um das Verfahren kümmern wollten", sagte Charr dem Kölner Express: "Dass ich jetzt einen neuen Antrag stellen muss und auch werde, versteht sich von selbst."

Der Kölner habe 2015 einen Antrag gestellt, dieser sei aber abschlägig beschieden worden. Seitdem habe Charr keinen neuen Antrag mehr gestellt.

Charr verstrickt sich in Widersprüche

Dabei hatte er wenige Stunden zuvor im TV bei Sky Sports News HD noch das komplette Gegenteil behauptet: "Ich habe einen deutschen Pass. Der liegt im Auto. Den lege ich euch allen vor, damit ihr alle glücklich seid", sagte er - und widersprach damit seinen eigenen Aussagen im Express.

Denn da wurde der WBA-Champion mit den Worten zitiert: "Mein Einbürgerungsverfahren liegt wegen eines möglichen Strafverfahrens auf Eis. Das wird gerade von meinen Anwälten geklärt, und dann hoffe ich, meinen Pass endlich abholen zu dürfen. Aber letztlich ist es nur ein Stück Papier. Was zählt ist, dass ich mich vom Herzen her als Deutscher fühle".

"Pass noch nicht abgeholt"

In einem Bild-Interview hatte der gebürtige Libanese wiederrum anders geklungen. "Ja, ich schwöre es!", hatte der 33-Jährige auf die Frage geantwortet, ob er einen deutschen Pass besitze und damit der erste deutsche Nachfolger von Box-Legende Schmeling sei.

"Durch meine ganzen Ereignisse wie das Attentat, meine Hüft-Operation, bin ich nur noch nicht dazu gekommen, ihn beim Amt abzuholen."

Manager kann Aufregung nicht verstehen

"Ich finde die Diskussion ehrlich gesagt armselig und typisch deutsch", hatte Charrs Manager Christian Jäger versucht, die öffentliche Debatte zu mildern. Der Österreicher kann die Aufregung um das Thema nicht verstehen: "Für mich ist Manuel Charr Deutscher durch und durch, er lebt seit 28 Jahren hier."

"Ich fühle mich vom Herzen her schon lange als Deutscher", sagt auch Charr, der im Alter von fünf Jahren mit seiner Mutter und fünf Geschwistern aus dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Libanon nach Deutschland floh. Sein Vater war dem Krieg zum Opfer gefallen.

Verwirrung kostet Sympathiepunkte

"Die Menschen hier haben mir nach der Flucht mit meiner Familie ein Dach über dem Kopf gegeben. In Deutschland durfte ich in die Schule. Hier haben uns Sozialarbeiter von der ersten Sekunde an unglaublich unterstützt, uns Hilfe geleistet", so Charr, der nach Anordnung des Weltverbandes WBA seinen Titel gegen den Puerto Ricaner Fres Oquendo verteidigen muss.

Seine schier unglaubliche Lebensgeschichte bietet genug Stoff, um das hiesige Publikum zu fesseln: Im September 2015 wurde er in einer Imbissbude in Essen angeschossen, im Mai dieses Jahres bekam er zwei neue Hüftgelenke eingesetzt - jetzt das starke Comeback.

Die verwirrenden Aussagen um seine Staatszugehörigkeit dürften Charr allerdings die mühsam erkämpften Sympathiepunkte bei den Box-Fans kosten.

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