Alphabet kann nicht überzeugen


Die Reaktion kam schnell und deutlich: Nach Vorlage der Quartalszahlen brachen die Klasse-A-Aktien von Google-Mutter Alphabet im nachbörslichen Handel um bis zu 3,3 Prozent auf 966 Dollar ein. Während der offiziellen Börsensitzung war der Wert in Erwartung guter Zahlen bis auf über 1000 Dollar angestiegen. Nun stellen sich Investoren die bange Frage, ob die Kursschwäche nur Alphabet oder den ganzen Tech-Sektor treffen wird. Ist der Tech-Markt vielleicht einfach schon zu „heiß“, die Bewertungen zu hoch?

Eigentlich war alles besser als erwartet. Der Umsatz im abgelaufenen Quartal lag mit 26,01 Milliarden Dollar (22,4 Milliarden Euro) um 21 Prozent über dem Vorjahreswert und auch über den Erwartungen der Wall Street. Der Nettogewinn hatte schwer gelitten, aber das war bekannt. Eine EU-Strafe von fast 2,8 Milliarden Dollar forderte ihren Tribut.


Ein Einbruch von 23 Prozent bei den „Cost per Click“, also das, was Werbekunden bereit sind für eine Anzeige auf einer Google-Webseite zu bezahlen, überraschte die Anleger allerdings. Die Analysten hatten mit nur 15 Prozent weniger gerechnet. Hier macht sich offenbar ein anhaltender Trend bemerkbar: Der Werbemarkt wächst hauptsächlich auf mobilen Geräten und bei Youtube. In beiden Bereichen sind die Margen schwächer als im PC-Werbesegment. Die Kosten für die Weiterleitung von Surfern durch Partner auf Google-Webseiten kletterten ebenso stärker als erwartet auf 5,09 Milliarden Dollar.

Außer den bekannten Allgemeinplätzen, wie gut das Geschäft laufe, gab es in punkto Youtube kaum genauere Details. Finanzchefin Ruth Porat räumte im Analystengespräch sogar ein, intern werde nicht darüber nachgedacht, Youtube-Zahlen in der Zukunft separat zu veröffentlichen.


Porat bestätigte ebenfalls, dass ein Anstieg von 15 Prozent beim Betriebsergebnis in erster Linie einer Absenkung der Investitionen in den Internet-Anbieter Google Fiber zu verdanken ist. Fiber hat große Mühen, gegen die Konkurrenz von Comcast und AT&T Internetanschlüsse zu verkaufen.

Wenig Erhellendes gab es zum Cloud-Computing. Nachdem Rivale Microsoft mit einem Wachstum von 97 Prozent bei seiner Cloud-Plattform „Azure“ die Messplatte hochgelegt hatte, war es an Google zu zeigen, dass man den Kampf um Platz zwei noch nicht aufgegeben hat. Aber Fakten blieben aus.


Widersprüchliche Signale aus dem Technologiesektor


Das alles, zusammen mit der ungelösten Frage wie sich der Streit mit der EU weiterentwickeln wird, veranlasste Anleger offenbar, Gewinne mitzunehmen. Die Aktie hatte seit Jahresbeginn rund 25 Prozent zugelegt.

Die Regulierungsbehörden weltweit gehen mittlerweile immer stärker gegen Tech-Firmen aus dem Valley vor. Start-ups wie Uber und Airbnb, aber auch Giganten wie Google oder Amazon werden mit immer weniger Respekt behandelt.

Dazu kommen widersprüchliche Signale aus dem Technologiesektor. Netflix zeigte vergangene Woche starke Zahlen und Kursgewinne, IBM dagegen war mit dem 21. schwachen Quartal in Folge eine Enttäuschung.

Microsoft zeigte eine gemischte Performance mit besser als erwarteten Zahlen für das abgelaufene Quartal, aber einem gedämpften Ausblick auf das laufende Vierteljahr, was den Kurs ebenfalls drückte. Unter den Tech-Giganten werden nach der Google-Mutter nun in dieser Woche noch Facebook und Amazon ihre Zahlen melden.


Mit ihnen hat Alphabet eines gemeinsam. Sie arbeiten unter Hochdruck daran, ihre Geschäftsmodelle auf künstliche Intelligenz umzustellen, um in einer digitalen Welt aus Cloud-Computing, Internet der Dinge und mobilem Internet wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn die Menschen werden in Zukunft nicht mehr hauptsächlich auf dem PC- oder Smartphone Informationen, Angebote und Lösungen suchen, sondern per KI mit smarten Assistenten, selbstfahrenden Autos oder ihrem persönlichen Bot kommunizieren. Dieses Rennen ist weit offen.

Google hat seinen Erfolg bisher nur einem einzigen Algorithmus zu verdanken, dem „Page Rank“ für Suchergebnisse. Jetzt zielt CEO Sundar Pichai auf einen vertikal voll integrierten Konzern, basierend auf künstlicher Intelligenz. Der Weg ist noch weit, die Konkurrenz groß und Tech-Aktien befinden sich auf Rekordhoch. Da ist Vorsicht angesagt. Patzt Facebook, dann ist der Boom in ernster Gefahr.

KONTEXT

Die EU-Wettbewerbshüter und Google

Februar 2010

EU-Wettbewerbskommissar JoaquÁ­n Almunia startet eine Wettbewerbsprüfung nach der Beschwerde von Microsoft über eine Benachteiligung bei der Internet-Suche.

November 2010

Die Kommission eröffnet ein förmliches Verfahren. Es geht unter anderem darum, dass Konkurrenten wie Preissuchmaschinen zugunsten eigener Google-Dienste benachteiligt worden seien.

Juli 2012

Google schlägt erste Zugeständnisse vor. Der Konzern betont zugleich stets, man mache Dienste für Nutzer, denen man die besten Ergebnisse anzeigen wolle - und nicht für andere Suchmaschinen.

Februar 2013

Google legt einen ausführlichen Vorschlag zur Beilegung der Ermittlungen vor. Mehrere Beschwerdeführer fordern jedoch ein härteres Vorgehen der EU-Kommission.

April 2013

Wegen Wettbewerbsbehinderung reichen Microsoft, Nokia und einige andere Wettbewerber Beschwerde gegen Googles Geschäftspolitik beim Mobil-System Android ein.

Februar 2014

Google weitet seine Zugeständnisse bei der Web-Suche aus. Der EU-Kommissar Almunia strebt eine Beilegung des Verfahrens auf der neuen Basis an.

Juni 2014

Unabhängige Musikfirmen reichen eine Beschwerde gegen Googles Videoplattform YouTube ein. Sie werfen dem Dienst Druck bei Rechteverhandlungen vor.

November 2014

In der neuen EU-Kommission übernimmt die dänische Politikerin Margrethe Vestager den Posten als Wettbewerbskommissarin.

April 2015

Die Kommission wirft Google formell Wettbewerbsverstöße bei der Shopping-Suche vor. Zugleich leitet EU-Kommissarin Vestager ein Verfahren zu Android ein.

Juli 2016

Die Kommission wirft Google vor, anderen Suchmaschinen Steine in den Weg zu legen. Die Vorwürfe zur Shopping-Suche werden bekräftigt.

Juni 2017

EU-Kommissarin Vestager brummt Google wegen der Shopping-Suche eine Rekordstrafe von 2,42 Milliarden Euro auf.