ALLIANZ IM FOKUS: Navigieren im Orkan

MÜNCHEN (dpa-AFX) - Seit fünf Jahren steuert Allianz-Chef <DE0008404005> Oliver Bäte Europas größten Versicherer - und hat die Gewinne stetig nach oben getrieben. Doch die Corona-Krise wirbelt auch bei dem Münchner Dax-Konzern einiges durcheinander. Von seinem Gewinnziel für 2020 hat sich der Vorstand verabschiedet. Eine millimetergenaue Punktlandung in einem Orkan könne die Allianz beim besten Willen nicht versprechen, erklärte Bäte bei der Online-Hauptversammlung vergangene Woche.

DAS IST LOS BEI DER ALLIANZ:

Wenn die Allianz am Dienstag (12. Mai) ihren Bericht über das erste Quartal vorlegt, sind die wichtigsten Botschaften schon bekannt. Wegen der aktuellen "pandemiebedingten Unsicherheiten für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung" und aktualisierter Planzahlen kassierte das Management sein erst im Februar ausgegebenes Ziel, in diesem Jahr einen operativen Gewinn von 11,5 bis 12,5 Milliarden Euro zu erreichen.

Bisher ist Bätes Bilanz glänzend. Seit seinem Antritt an der Konzernspitze trieb er den operativen Gewinn des Konzerns - langsam, aber stetig - von 10,7 Milliarden im Jahr 2015 bis auf knapp 11,9 Milliarden im Jahr 2019 nach oben. Selbst 2017, im schweren Naturkatastrophenjahr für die globale Versicherungsbranche, gelang der Allianz eine leichte Steigerung. Unter Bätes Führung hatte sich der Konzern aus der Absicherung von Naturkatastrophenrisiken ein gutes Stück zurückgezogen.

Doch die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus erwischt auch die Allianz an vielen Fronten. Den Turbulenzen an den Kapitalmärkten kann sie sich mit der von ihr und ihren Fondsgesellschaften verwalteten Billionensumme nicht entziehen. Ob der massenhafte Ausfall von Großveranstaltungen, die wochenlange Schließung von Betrieben oder erhöhte Todesfallraten in der Lebensversicherung: Unternehmen wie die Allianz sind dafür da, Menschen und Unternehmen gegen solche Risiken zu versichern - und haben dafür im Zweifel hohe Prämien kassiert.

Im ersten Quartal bekam der Konzern die Auswirkungen bereits zu spüren. Den Eckdaten zufolge, die die Allianz Ende April vorab veröffentlichte, fiel der operative Gewinn mit 2,3 Milliarden Euro 23 Prozent niedriger aus als ein Jahr zuvor. Der Überschuss sackte um rund 30 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro ab. Ob diese Entwicklung im Rest des Jahres so weitergeht, wagte der Vorstand nicht zu sagen. Ein neues Gewinnziel will er erst veröffentlichen, wenn er seine Planungen überarbeitet hat.

Finanziell sieht sich die Allianz für die Turbulenzen allerdings gut gerüstet. Bei der im Internet durchgeführten Hauptversammlung stimmten die Aktionäre vergangene Woche wie erwartet dafür, die Dividende für 2020 auf 9,60 Euro je Aktie zu erhöhen. Zudem will die Allianz im Gegensatz zu ihrer Münchner Nachbarin, dem Rückversicherer Munich Re, auch weiterhin eigene Aktien zurückkaufen.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Der Aktienkurs des Versicherungskonzerns ist seit Februar voll in den Abwärtsstrudel an den Börsen geraten. So gehört das Allianz-Papier bisher zu den größten Verlierern unter den deutschen Standardwerten im Corona-Crash, der die Aktienmärkte seit 24. Februar im Griff hat. Noch bis 21. Februar hatte das Papier seinen Höhenflug der vergangenen Jahre bis auf 232,60 Euro fortgesetzt. Zum Vergleich: während der Weltfinanzkrise 2008/09 war der Kurs bis auf fast 45 Euro eingebrochen.

Im Zuge des Corona-Crashs ging es zwar nicht ganz so weit nach unten, mit rund 117 Euro Mitte März kosteten die Papiere aber nur noch weniger als halb so viel wie vor dem Börsenbeben. Seither konnte sich der Kurs zumindest ein Stück weit erholen. Zuletzt wurde das Papier zu rund 157 Euro gehandelt und damit rund ein Drittel unter Vor-Corona-Mehrjahreshoch.

Mit einem Börsenwert von zuletzt rund 66 Milliarden Euro gehört der Allianz-Konzern aber immer noch zu den Schwergewichten im deutschen Leitindex Dax.

DAS SAGEN ANALYSTEN:

Branchenexperten sind der Allianz-Aktie überwiegend zugetan. Von den elf im dpa-AFX-Analyser erfassten Analysten, die ihre Einschätzung seit Ende März aktualisiert haben, empfehlen sieben das Papier zum Kauf. Drei tendieren mit der Empfehlung "Halten" dazu, lieber abzuwarten, nur Gordon Aitken vom Analysehaus RBC rät zum Verkauf der Allianz-Titel.

Allerdings hat sich ein wesentliches Argument für sein Votum inzwischen vorerst erledigt: Er hatte gefürchtet, dass sich die Allianz der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa beugen und die Dividende streichen könnte - was aber nicht passiert ist. Zusammen mit Branchenexperte Johnny Vo von der US-Bank Goldman Sachs hat Aitken mit 165 Euro auch das niedrigste Kursziel für die Allianz-Aktie auf dem Zettel. Vo hatte mit einer Kürzung der Dividende gerechnet.

Am optimistischsten schätzt UBS-Analyst Johny Urwin die Zukunft der Allianz-Aktie ein. Zwar senkte er sein Kursziel von 255 auf 235 Euro, nachdem die Konzernführung ihr Gewinnziel für 2020 gestrichen hatte. Das erste Quartal des Versicherungskonzerns ist aus seiner Sicht allerdings wohl im Rahmen der Erwartungen verlaufen. Er sieht den Versicherer gut genug aufgestellt, um die Viruskrise zu meistern.

Im Schnitt schreiben die Analysten der Allianz-Aktie absehbar einen Kursanstieg auf rund 204 Euro zu. Das wäre aus jetziger Sicht ein Zuwachs von rund 30 Prozent.