Wirtschaft und Wissenschaft fordern mehr Klimaschutz von neuer Bundesregierung

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Windräder in Brandenburg (AFP/Christof STACHE)

Anlässlich der Sondierungen in Berlin haben Klimaforscher sowie fast 70 deutsche Unternehmen konkretere Maßnahmen für den Klimaschutz von einer neuen Bundesregierung gefordert. Deutschland müsse auf einen "klaren, verlässlichen und planbaren Pfad zur Klimaneutralität" gebracht werden, hieß es in dem am Montag veröffentlichten Appell der Unternehmen. Eine Reihe von Forscherinnen und Forschern forderte außerdem mehr Tempo beim Klimaschutz, um Deutschland bis 2045 zur Klimaneutralität zu bringen.

Zu den Unterzeichnern der Unternehmenserklärung gehörten Firmen mit insgesamt mehr als einer Million Beschäftigten in Deutschland. Darunter waren Unternehmen wie die Allianz Versicherungen, Bayer, Adidas, General Electrics, die Deutsche Post, Ikea und mehrere Energieunternehmen sowie Supermarktketten. Die Unterzeichner forderten von der neuen Bundesregierung innerhalb der ersten 100 Regierungstage eine "Umsetzungsoffensive für Klimaneutralität". Initiatorin des Appells ist die Unternehmerinitiative "Stiftung 2 Grad".

"Der Klimaschutz war bei der Bundestagswahl das wahlentscheidende Thema und muss von den Parteien bei der Bildung einer neuen Bundesregierung ganz oben auf die Agenda gesetzt werden", erklärte der Präsident der Stiftung und Aufsichtsratvorsitzende der Otto Group, Michael Otto.

Insbesondere betonten die Unternehmen in ihrem Appell den Ausbau der erneuerbaren Energien und der dafür erforderlichen Stromnetze. Bis 2030 müssten mindestens 70 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland mit erneuerbaren Energien gedeckt werden. Die installierte Kapazität an Windkraft und Photovoltaik müsse dafür nahezu verdreifacht werden.

Damit sollten auch die Voraussetzungen für einen Kohleausstieg "deutlich vor 2038" geschaffen werden. Erforderlich dafür seien klimafreundliche Industrieanlagen und ein Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, forderte die Firmenallianz. Darüber hinaus seien auch weitere Schritte bei der Gebäudesanierung notwendig.

Einen ähnlichen Fokus setzten auch die Forscherinnen und Forscher des vom Bundesforschungsministerium finanzierten Kopernikus-Projekts Ariadne am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer am Montag veröffentlichten Studie analysierten sie zehn unterschiedliche Szenarien, wie Klimaneutralität bis 2045 erreicht werden könnte.

Um dieses Ziel zu erreichen, müsse die neue Bundesregierung "sehr schnell sehr viel auf den Weg bringen", erklärten die Forschenden am Montag. So müsse die Stromgewinnung aus Wind und Sonne bis 2030 etwa 50 Prozent höher sein als bisher geplant. Der Kohleausstieg müsse bereits um 2030 erfolgen und "erhebliche zusätzliche Kraftanstrengungen" in den Sektoren Industrie, Gebäude und Verkehr seien notwendig.

"Klimaneutralität erreicht man nicht von heute auf morgen", erklärte der Vize-Leiter des Ariadne-Projekts, Gunnar Luderer. Um Maßnahmen zu ergreifen, die bereits in einigen Jahren Wirkung zeigen sollen, gebe es "kaum kurzfristige Spielräume". In der Politik werde noch immer unterschätzt, "wie tiefgreifend der notwendige Umbau zur Klimaneutralität 2045 ist".

Für den Gebäudesektor forderten die Forschenden eine Erhöhung der jährlichen Sanierungsrate bis 2030 auf 1,5 bis zwei Prozent. Fünf Millionen Wärmepumpen müssten außerdem installiert und 1,6 Millionen Gebäude neu an das Fernwärmenetz angeschlossen werden. Im Verkehrssektor müssten außerdem "bedeutende Schritte in der Antriebswende" gegangen werden.

Nötig sei jedoch auch ein Umstieg der Verbraucher auf alternative Verkehrsmittel. Angesichts der Transformationen und der damit einhergehenden steigenden Nachfrage nach sauberem Strom sei der Ausbau der erneuerbaren Energien außerdem besonders wichtig.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) würdigte die Ariadne-Studie als "wertvollen Beitrag" zu den Handlungsoptionen für ein Erreichen der deutschen Klimaziele. Die Studie mache deutlich, "dass wir ein breites Spektrum an Technologien brauchen, um alle Wirtschafts- und Lebensbereiche klimaneutral zu gestalten", erklärte sie. Sie forderte außerdem "neue, klimafreundliche Prozesse in der Industrie" und die Einführung von grünem Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen als "wettbewerbsfähige Energieträger".

SPD, Grüne und FDP starteten am Montag ihre vertiefenden Sondierungen zur Bildung einer Ampelkoalition. Als Hauptstreitpunkt gilt neben der Steuer- und Finanzpolitik auch der Klimaschutz.

fho/hcy

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