Alles nur geklaut? Das ist der umstrittenste Star der NBA

·Lesedauer: 5 Min.
Alles nur geklaut? Das ist der umstrittenste Star der NBA
Alles nur geklaut? Das ist der umstrittenste Star der NBA

Superstar Russell Westbrook hat vergangene Woche in der NBA mit dem 182. Triple-Double seiner Karriere Geschichte geschrieben. (Alles Wichtige zur NBA)

Bei der Niederlage seiner Washington Wizards bei den Atlanta Hawks (124:125) kam der 32-Jährige auf 28 Punkte, 21 Rebounds sowie 13 Assists und ließ damit den legendären Oscar Robertson (181) hinter sich.

Der Triple-Double-Rekord galt lange Zeit als ein unerreichbares Kunststück. Robertson selbst sagte einmal, dass er dachte, es sei der eine NBA-Rekord, der nie gebrochen werden würde.

DAZN gratis testen und die NBA live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Und er hatte jedes Recht, das zu glauben. Schließlich kam niemand je auch nur in die Nähe dieser Marke - bis Westbrook das Unmögliche möglich machte. (Spielplan der NBA-Saison 2020/21)

Aber damit nicht genug: Der Point Guard hält im Grunde jeden Triple-Double-Rekord, den man sich vorstellen kann. Die meisten Triple-Doubles in einer Saison, die meisten aufeinanderfolgenden Triple-Doubles in einer Saison, und Westbrook ist der einzige Spieler neben Robertson, der einen Triple-Double-Schnitt über eine ganze Saison hingelegt hat - was er im Übrigen noch dreimal wiederholte.

Westbrook - der umstrittenste Profi der NBA

Während seiner MVP-Saison 2016/17 erzielte Westbrook durchschnittlich 31 Punkte, zehn Rebounds und zehn Assists und war damit der beste Scorer der Liga.

2019 gelang ihm sogar ein sogenanntes 20/20/20-Spiel mit geradezu wahnwitzigen 20 Punkten, 20 Rebounds und 21 Assists. Dieses Kunststück war zuvor nur Wilt Chamberlain gelungen - mehr als 50 Jahre zuvor.

Die Statistiken sprechen für sich. Und dennoch ist Westbrook der wohl umstrittenste Spieler in der NBA. Er gilt als egoistischer Zahlen-Jäger, für den Mitspieler wie Steven Adams zu OKC-Zeiten nur den Raum sperren, damit er Rebounds aufsammeln kann. Viele seiner Rebounds wären quasi geschenkt oder gestohlen.

Im Zusammenhang mit seiner Spielweise wird auch nicht selten von Aggressivität und Rücksichtslosigkeit gesprochen.

Doch wie konnte es zu diesem Punkt kommen, dass ein solcher Superstar so negativ gesehen wird von vielen?

Kein typischer Spielmacher

Westbrook verkörpert alles andere als das typische Point-Guard-Ideal. Seine Stärken liegen nicht darin, ein Team zu führen.

Gerade in kritischen Situationen gegen Spielende fallen häufig seine im Vergleich zu anderen Spielmacher-Superstars geringen Qualitäten in Bezug auf das Playmaking auf - und führen bis heute immer wieder zu Kritik.

Und dann wäre da noch ein weiterer Kritikpunkt: Obwohl "Brodie" bereits unzählige Rekorde auf dem Konto hat, reichte es bisher nicht für einen Meistertitel. Dies liegt vor allem daran, dass es im Zusammenspiel mit anderen Superstars nie so recht klappen wollte.

Westbrook auch mit Durant ohne Titel

Zur Erinnerung: Acht Jahre lang hatte Westbrook bei den Oklahoma City Thunder an der Seite von Kevin Durant gespielt. Weil der große Wurf ausblieb, wechselte der Forward 2016 zu den Golden State Warriors und erfüllte sich dort den Traum vom NBA-Champion.

Nach dem Abgang von "KD", was für einige auch Westbrooks Schuld war, wurde dem Spielmacher mit Paul George kurze Zeit später der nächste Superstar zur Seite gestellt. Aber auch dieses Duo konnte OKC - auch aufgrund von Verletzungsproblemen - nicht zum Erfolg führen. "PG13" suchte daraufhin ebenfalls wieder das Weite.

Zu einem ähnliches Ergebnis führte die Wiedereinigung mit James Harden in Houston, der mit Westbrook bereits in den ersten Jahren bei OKC zusammengespielt hatte. Westbrook zeigte dabei vor allem in der zweiten Saisonhälfte oft unglaubliche Leistungen - doch das gelang nur, wenn Harden sich zurücknahm oder gar nicht spielte.

Zeitweise sah es so aus, als hätten beide vor dem Spiel vereint, wer wie oft den Ball nach vorne dribbeln und zum Abschluss kommen darf. Ein richtig harmonierendes Zusammenspiel sieht anders aus, was die Los Angeles Lakers ihnen in den Playoffs auch schnell deutlich machten.

Das sagen Westbrooks Teamkollegen

Einfach scheint das Zusammenspiel mit Westbrook für viele seiner Mitspieler nicht zu sein. "Es hat nicht immer Spaß gemacht mit ihm zu spielen", sagte der frühere OKC-Profi Royce Young einst gegenüber ESPN. "In den ersten Jahren war es noch lustig, dann geriet alles immer mehr außer Kontrolle."

Auch andere Ex-Teamkollegen beklagten sich über die übertriebene "Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit" des Point Guards.

Doch nicht alle (Ex-)Kollegen denken so über Westbrook. "Jeder tut so, als wäre Russell ein ballhungriger Stat-Jäger. Das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Er weiß und versteht, wann er einen Schritt zurücktreten muss und sein Spiel ein wenig drosseln muss", machte der ehemalige Wizards-Guard Antonio Daniels gegenüber der Washington Post deutlich.

Dem pflichtete auch der frühere OKC-Profi Earl Watson bei und erklärte, Westbrook sei "einer der großzügigsten und nettesten Menschen auf der Welt." Wegen seines Verhaltens auf und neben dem Spielfeld bezeichnete er den Wizards-Star sogar einmal als "den am meisten missverstandenen Spieler in der NBA".

Führt Westbrook Wizards in Playoffs?

Ob missverstanden oder nicht - die Kritik an Westbrook wird vermutlich erst abflachen, wenn er sein Team zum großen Erfolg führen kann.

Derzeit belegen die Wizards im Osten nur Rang zehn - trotzdem gehören sie zu den heißesten Teams in der NBA. 13 der vergangenen 17 Partien endeten mit einem Sieg für Washington. (Tabellen der NBA-Saison 2020/21)

Beflügelt vom neunmaligen All-Star hat sich das Team aus der US-Hauptstadt aus dem Tabellenkeller der Eastern Conference - nach den ersten 15 Spielen standen nur drei Siege zu Buche - noch auf Rang acht vorgekämpft. Dieser berechtigt zur Teilnahme am Play-In-Turnier und damit zum Kampf um das letzte Playoff-Ticket.

Mit der Unterstützung von Bradley Beal, der um die Topscorer-Krone kämpft, ist für die Wizards zumindest die erste Playoff-Runde möglich. Seine Kritiker werden sich trotzdem bereits voller Vorfreude die Hände reiben, denn das Wizards-Team ist trotz Westbrook und Beal sehr wahrscheinlich zu schwach für einen großen Playoff-Run.

Westbrook hat im Jahr 2021 dennoch gezeigt, dass er als Spielmacher ein Team führen kann - ob das aber auch für ein Meisterteam gilt, muss die Zukunft zeigen.