Alles auf Angriff

Die Deutsche Telekom kauft für ihre Österreich-Tochter T-Mobile Austria ein Festnetz. Das stärkt deren Marktposition deutlich und legt die Grundlage für den nächsten Mobilfunkstandard 5G.


Eines der Lieblingswörter von Telekommunikationsmanagern überall auf der Welt ist in diesen Tagen: Konvergenz. Dahinter versteckt sich die Hoffnung, Kunden stärker an sich zu binden und mehr an ihnen verdienen zu können. Konvergenz bedeutet, mehrere Dienste aus einer Hand anbieten zu können: Festnetz, Internet und Mobilfunk etwa. Wenn dann auch noch Fernsehen dazu kommt, nennen die Manager das „Quadruple Play“, eine Art Königklasse der Konvergenz - zumindest noch.

Für den Chef der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, ist klar: Er will in der Königsklasse mitspielen - und wenn möglich in allen Ländern, in denen der Konzern vertreten ist. Wiederholt hatte er betont, wie wichtig Konvergenz sei. In Deutschland bietet der Konzern längst „Quadruple Play“. Doch von den zwölf europäischen Landesgesellschaften konnten zuletzt zwei nur Mobilfunk anbieten: Österreich und Niederlande.

Da das einem überzeugten Konvergenzler wie Höttges kaum gefallen konnte, hat seine Mannschaft vor Jahresablauf noch einmal hart verhandelt - und gewonnen. Heute verkündete der Konzern, für die Tochter T-Mobile Austria das Kabelnetz von Liberty Global, UPC Austria, für 1,9 Milliarden Euro kaufen zu wollen. Die Kartellbehörden müssen der Übernahme noch zustimmen. Nachdem die Telekom bereits vergangene Woche die Geschäfte des schwedischen Anbieters Tele2 in den Niederlanden für 190 Millionen Euro zum großen Teil übernommen hat, ist Europa damit aus Konzernsicht konvergiert.


Warum das so wichtig ist, erklärte Karim Taga, Partner der Unternehmensberatung Arthur D. Little, bereits Mitte des Jahres: „Bei Unternehmen, die Bündelangebote machen, sinkt die Rate der Kunden, die ihren Vertrag kündigen, auf bis zu vier Prozent.“ In der Regel blieben sie damit mehr als 20 Jahre Kunde. „Für Unternehmen, die nur einen Dienst anbieten, bleibt nicht viel übrig“, sagte er.

Ohnehin haben Telekommunikationsanbieter derzeit Schwierigkeiten mit ihren Kernprodukten Telefonie und Internet den Umsatz zu steigern. Der Preisdruck ist hoch, die Märkte gesättigt. Wer Zusatzdienste anbietet, kann jedoch die Umsätze steigern. Schon heute setzen die Telekommunikationsriesen darum auf eigene TV-oder Videostreamingangebote - wie Entertain der Telekom. Damit können sie sogenanntes Upselling betreiben. Kurzum: Bestandskunden gleich mehrere Services verkaufen.


Ausgerechnet T-Mobile US hat Nachholbedarf

Doch Bündelangebote sind nicht der einzige Vorteil, ein Festnetz zu besitzen. Die Oberhand über eine Infrastruktur zu haben, die in der Lage ist, super schnell Daten durchzuleiten, hat einen wichtigen strategischen Vorteil: Bereits im Jahr 2020 soll es nach übereinstimmender Meinung von Telekommunikationsanbietern weltweit die ersten kommerziellen Angebote für den nächsten Mobilfunkstandard 5G geben. Darüber sollen Daten nicht einfach nur noch schneller als bisher übertragen werden, sondern so schnell, dass das menschliche Auge keine Verzögerung wahrnehmen kann.

Die Vorgabe ist eine Latenzzeit, also die Dauer zwischen Versand und Empfang der Daten, von einer Millisekunde. Dafür können die Daten nicht nur von Funkmast zu Funkmast geschickt, sondern müssen über Glasfaserleitungen im Boden in Lichtgeschwindigkeit versendet werden - und deren Besitzer haben einen strategischen Vorteil, weil sie keine Leitungen bei anderen mieten müssen.

Nun ist das Kabelnetz von UPC Austria mit seinen 654.000 Kunden kein reines Glasfasernetz. Über die Leitungen wurde früher ausschließlich Kabelfernsehen versendet, sie bestehen aus einer Mischung aus Kupfer und Glasfaser. Deswegen können sie zwar deutlich schneller Daten übertragen, als reine Telefonkabel aus Kupfer, aber nicht so schnell wie Glasfaser. Allerdings ist das Austauschen des Kabels deutlich günstiger, als eines neu verlegen zu müssen. Damit hat die Telekom besonders in den wichtigen Ballungsgebieten einen wichtigen strategischen Vorteil gegenüber dem größten Konkurrenten A1 Telekom Austria.


Auf der Zu-Konvergieren-Liste von Telekom-Chef Höttges ist nun nur noch eine Tochter übrig: T-Mobile US. Ausgerechnet die erfolgreichste von allen. Sie trägt mittlerweile rund die Hälfte des Konzernumsatzes bei, dabei bietet sie nur Mobilfunk an. Noch zumindest. Vergangene Woche kündigte der dortige Chef John Legere den Einstieg ins US-Fernsehgeschäft an. Dafür will T-Mobile US den TV-Anbieter Layer3TV übernehmen und darüber einen eigenen Fernsehservice anbieten.

Dass er kein Festnetz hat, stört Legere dabei zunächst nicht. Schließlich habe man bei der Frequenzauktion in diesem Jahr so viel Spektrum gekauft, dass T-Mobile US auch „Breitband-Anbieter“ sei. Auch der Einstieg in 5G macht ihm keine Sorgen. Für den Gesamtkonzern ist zu hoffen, dass er dabei recht behält. Sonst könnte es teuer werden. Ein Kabelanbieter in den USA dürfte nicht für 1,9 Milliarden Euro zu haben sein. Und der Preis ist wahrscheinlich gestiegen, nachdem Legere sie als die „meistgehassten Unternehmen Amerikas“ bezeichnet hatte.