Alle wollen bei Niki landen


Die Verhandlungen um das Schicksal der insolventen Air Berlin laufen auf Hochtouren. Ab Freitag sind konkrete Verkaufsverhandlungen für die zweitgrößte deutsche Airline geplant. Dabei geht es auch um die Zukunft der österreichischen Tochter Niki, die von der Insolvenz der deutschen Mutter bisher nicht betroffen ist.

Unter den Beschäftigten keimt jedoch Hoffnung auf eine Lösung auf. „Es deutet jetzt alles darauf hin, dass es eine schnelle Entscheidung gibt. Wir haben auch Signale, dass die Wettbewerbsbehörden erkennen, wie wichtig der Erhalt von Niki ist“, sagte Betriebsratschef Stefan Tankovits am Freitag.


In Wien kursieren Spekulationen, dass Niki künftig für die Lufthansa-Billigtochter Eurowings fliegen soll. Dafür gab es am Freitag zunächst aber keine Bestätigung. Bekannt ist, dass sich der deutsche Marktführer Lufthansa einen großen Teil der Flugzeuge von Air Berlin sichern will. Interesse an der österreichischen Airline haben aber auch andere Unternehmen angemeldet, unter anderem die britische Billigfluglinie Easyjet und der Touristikkonzern Tui.


Gerüchte über Übernahmen wollte Niki-Betriebsratschef Tankovits nicht kommentieren. Er sagte am Freitag nur: „Uns ist jede Übernahme recht, die unsere Arbeitsplätze und den Standort sichert.“ Im Gegensatz zu Air Berlin war der österreichische Ferienflieger in der Vergangenheit profitabel. Das Unternehmen gilt als gut geführt und kann mit niedrigen Kosten und attraktiven Landerechten, sogenannten Slots, am Flughafen Düsseldorf punkten. Der Umsatz betrug 2014 knapp 456 Millionen Euro. Geschäftsführer ist der ehemalige Air-Berlin-Pilot Oliver Lackmann.


In österreichischen Regierungskreisen wurde bereits angedeutet, notfalls, ähnlich wie in Deutschland, Niki mit einem Übergangskredit aus der Patsche helfen zu wollen. Verkehrsminister Jörg Leichtfried sagte dem ORF: „Ich möchte zweierlei garantiert haben: Erstens, dass die Arbeitsplätze in Österreich gesichert sind und zweitens, dass die, die jetzt von Österreich in den Urlaub fahren. gut dorthin kommen und wieder zurückkommen. Dann ist natürlich auch zu überlegen, was tut dem Standort Wien gut, was tut unseren luftfahrtpolitischen Interessen gut.“ Er ergänzte: „Hauptsache ist: Wir können den Standort auch so sichern.“

Am Freitagvormittag fand auf dem Wiener Flughafen eine Betriebsversammlung statt. „Nach der Insolvenz von Air Berlin gibt es viel Frust und Wut. Die Air Berlin muss handeln, aber es geht um viel mehr als darum, Gläubiger zu befriedigen – es geht um unsere Arbeitsplätze. Egal, wie das weitere Szenario ausschauen wird, wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet", sagte Tankovits vor rund 200 Mitarbeitern.


Zypries warnt die Lufthansa


Auch am Standort Düsseldorf gab es zwei Betriebsversammlungen. Schließlich steht die Mehrheit der Niki-Jets nicht mehr in Österreich. In Wien setzt man auf eine Lösung mit der Lufthansa, die mit ihrer erfolgreichen Tochter Austrian Airlines und der Billigtochter Eurowings bereits im Land präsent sind.

Der Fall hat in Österreich eine hohe politische Bedeutung. Schließlich wählt die Alpenrepublik am 15. Oktober eine neue Regierung. Der erst seit vergangenem Jahr amtierende Verkehrsminister Leichtfried fährt daher vollen Einsatz, um Mitarbeiter und Kunden nicht zu verärgern. „Im Augenblick ist die finanzielle Leistungsfähigkeit von Niki gegeben“, sagte eine Sprecherin des Verkehrsministers zu den Spekulationen um einen Kredit der österreichischen Regierung. „Wir sind in engen Kontakt und zuversichtlich für die weitere Entwicklung.“


Niki befindet sich über zwei GmbHs zu 100 Prozent im Besitz der Air Berlin. Ursprünglich wurde die Airline vom Luftfahrtunternehmer und dreifachen Formel-1-Weltmeister Niki Lauda gegründet. Der österreichische Ferienflieger besitzt 22 Flugzeuge und 850 Mitarbeiter.

Unterdessen warnte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) die Lufthansa davor, sich einer Übernahme von Air Berlin zu sicher zu sein. Aus Wettbewerbsgründen müsse mehr als eine Airline zum Zug kommen. „Natürlich ist die Bundesregierung da nicht vorfestgelegt", sagte ein Sprecher des Ministeriums.


Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte sich dafür starkgemacht, dass die Lufthansa die wesentlichen Teile von Air Berlin bekommt. Das Wirtschaftsministerium stellte klar, dass die Bundesregierung an den Verhandlungen über die Zukunft von Air Berlin nicht beteiligt sei. Der Bund hatte einen Massekredit von 150 Millionen Euro bereitgestellt. Damit soll Zeit gewonnen werden, um eine zukunftsfähige und sinnvolle Lösung zu finden, wie der Sprecher sagte.

Auch der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl hat mittlerweile offiziell Interesse angemeldet. Über eine Münchner Kanzlei gab seine Vermögensverwaltung Intro-Verwaltungs GmbH ein formelles Angebot ab. Ziel der Offerte sei es, die Air Berlin Gruppe als Ganzes zu erhalten und als unabhängige Airline fortzuführen, teilte Wöhrls Unternehmen am Freitag mit. Für sein Vorhaben habe er Rückendeckung von weiteren „Partnern mit hoher Fachkompetenz“ sowie Finanzinvestoren.

Mit Material von Reuters und dpa.

KONTEXT

Air Berlin - schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.