Alice Weidel zeigte im Fernsehen, was sie von Demokratie tatsächlich hält

AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel in “Wie geht’s Deutschland” (Bild: dpa)

Die AfD-Spitzenkandidatin verlässt vorzeitig eine TV-Wahlsendung. Ihr gutes Recht. Dennoch offenbart ihre Haltung im Schlagabtausch eine Grundmeinung: Mir das meiste und anderen jedenfalls weniger.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Wahlkampf ist, besonders für Spitzenkandidaten, ein täglich zu bezwingendes Hamsterrad. Dass auch die Nerven in einzelnen Situationen blank liegen, ist nur normal, geradezu menschlich.

Was allerdings Alice Weidel dazu bewogen hat, am vergangenen Dienstagabend die ZDF-Talksendung „Wie geht’s, Deutschland?“ unter Protest zu verlassen, bleibt unklar. Entweder konnte sie einfach nicht mehr, oder ihre Schritte aus dem Studio beruhten auf Kalkül: um einen Eklat zu inszenieren, sich – das mag die AfD besonders gern – als Opfer zu präsentieren und dabei größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzielen, weil dann Hansel wie ich darüber schreiben.

Kommentar: Warum die wirklichen Themen des Wahlkampfs keine Chance haben

Was war passiert? Bei der Spurensuche bietet sich zuerst eine Erklärung an, die Weidel wenige Minuten später verbreitete, darin steht:

„Die Moderatorin Slomka hat sich in der heutigen Debatte ‘Deutschland, wie gehts’ als parteiisch und vollkommen unprofessionell geoutet. Sie hat sich mit der frechen Intoleranz und der plumpen Argumentation von SPD und Grünen gemein gemacht. Das ist eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht würdig. Das Verhalten von Frau Slomka dient nicht der demokratischen Willensbildung, sondern verzerrt sie und ist zutiefst unprofessionell. Frau Slomka sollte Ihre persönlichen Animositäten nicht in den eigenen Sendungen ausleben. Ein weiterer Grund, die Zahlung des Rundfunkbeitrages zu verweigern.“

Weidel ging also, nach ihren Worten, weil Slomka ihren Job schlecht gemacht habe. Wäre das ein Grund, gleich zu gehen? Würde Weidel hier schreiben, sie fühle sich beleidigt, verletzt oder herabgewürdigt, dass sie keine Chance mehr gesehen habe, ihren Standpunkt zu vertreten – all dies wäre ein Grund; aber angebliche fehlende Professionalität von Journalisten als Grund für Gesprächsverweigerung, da würde eine akute Sprachlosigkeit massenhaft über unser Land hereinbrechen.

Wie ging es ihr?

Ich habe mir die Sendung im Nachhinein angeschaut. Die Moderatorin Slomka, die gewöhnlich schnell mal ihre persönliche Weltsicht absolut setzt, verhielt sich diesmal eher dezent – auch gegenüber Weidel, welche zum Motto der Sendung, wie es Deutschland denn nun gehe, eigentlich nur ein einziges „schlecht“ ausrufen wollte; nur lässt sich damit nicht eine ganze Sendung bestreiten.

Sicherlich war das Gesprächsniveau der geladenen Gäste aus allen sieben Parteien, die sich Hoffnung auf den Einzug in den Bundestag machen, von Polemik geprägt. Und von der erhielt Weidel am meisten. Dass Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sie als Flüchtling bezeichnete, weil sie in der Schweiz lebt, war billig, auch seine Kennzeichnung als Mimose war eine sexistische Beleidigung – aber halt, die AfD mag ja diesen Gendermainstreamkorrektheitswahn nicht. Und dass CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer bei einer Diskussion über die Integration von eigentlich Ausreisepflichtigen plötzlich abbog und auf Hitler-Fan Björn Höcke von der AfD zu sprechen kam, war ein reines Ausweichmanöver. Aber ist deshalb Weidel ein Opfer?

Die ZDF-Talkrunde (von links): Katja Suding (FDP), Heiko Maas (SPD), Alice Weidel (AfD), Jürgen Trittin (Grüne), Andreas Scheuer (CSU), Katja Kipping (Linke) und Ursula von der Leyen (CDU) (Bild: dpa)

In dieser Sendung kriegte jeder sein Fett weg. Katja Kipping von der Linken wurde von Ursula von der Leyen (CDU) wegen angeblich mangelnder Solidarität mit Polizisten angeprangert, und Grünen-Veteran Jürgen Trittin polemisierte eifrig gegen Scheuer.

Ja, Weidel wurde unterbrochen – das war schlechter politischer Stil. Aber sie konnte immer wieder ansetzen und ihre Standpunkte formulieren. Man konnte ihr zuhören.

Immer diese Fakten

Vermutlich weitaus misslicher für Weidel war die Anwesenheit eines so genannten Fakten-Redakteurs, der genau das lieferte, was Weidel immer gern einfordert oder für sich beansprucht: Zahlen. Er bereitete Daten auf zur Integration von Zugewanderten in den Arbeitsmarkt, über ihre Kriminalität im Allgemeinen und über ihre Gewalt im Speziellen – und entblätterten die Zahlenmärchen, die Weidel auch in dieser Sendung herunterbetete. Wirklich anstrengend muss es für sie gewesen sein, dass man ihr im Studio widersprach und sie korrigierte; in den Sozialen Medien, wo sie von vielen nun als „Heldin“ gefeiert wird, geht ihre Lautsprechertaktik halt eher auf. Da muss man nicht mit Argumenten glänzen, sondern mit Fiesheit.

Kommentar: Im TV-Duell holt Schulz nicht stark genug auf

Diese Sendung war für Weidel keine Zumutung. Sie war aushaltbar. Sie ging übrigens nach einer Polemik von CSU-Scheuer, da hatten Slomka, SPD und Grüne keinerlei Tuchfühlung; ihren Abgang aber führte Weidel auf genau die drei zurück. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Sehen Sie auch: So führte die Partei “Die Partei” AfD-Anhänger hinters Licht