Alibabas Absturz: Wie China seinen nationalen Champion demontierte

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 4 Min.

Es ist ein Setting wie in einem Wirtschaftsthriller: Ein Fintech, an dem der wertvollste Konzern Chinas zu einem Drittel beteiligt ist, steht vor einem Rekordbörsengang, der von der Regierung in letzter Minute abgeblasen wird. Obendrein drohen neue Regularien das Wachstum einzudämmen. Was ist los bei Alibaba?

Wachstumstar Alibaba:  Der Himmel scheint die Grenze zu sein (Foto: © www.AlibabaGroup.com)
Wachstumstar Alibaba: Der Himmel scheint die Grenze zu sein (Foto: © www.AlibabaGroup.com)

Alles schien angerichtet. In der Woche, in der die USA durch eine komplizierte Präsidentschaftswahl vor den Augen der Weltöffentlichkeit ins Chaos zu stürzen drohten, schickte sich China an, Stärke zu zeigen – zumindest auf wirtschaftlicher Seite.

Zwei Tage nach der US-Wahl sollte nämlich in Shanghai und Hongkong der weltgrößte Börsengang der Geschichte stattfinden. Das Fintech Ant Financial, das vor Monaten in der westlichen Welt nur eingefleischte Finanznerds auf dem Zettel hatten, schickte sich an, mit einem Börsenwert von über 300 Milliarden Dollar zu debütieren und damit aus dem Stand zum wertvollsten Finanzkonzern der Welt aufzusteigen.

Dass am ersten Handelstag noch ganz andere Bewertungen möglich schienen, ließ allein die 900-fache Überzeichnung des IPOs erahnen – und das, obwohl Ant Financial eine Rekordemission von 34 Milliarden Dollar anstrebte. So viel hatte ein Unternehmen noch nie beim Gang an die Börse erlöst – weder der bisherige Rekordhalter Saudi Aramco (2019) noch Großaktionär Alibaba (2014), der mehr als ein Drittel an Ant Financial hält.

Geplatztes Ant-IPO versetzt Alibaba-Aktionäre in Schockstarre

Allein: Es wurde nichts draus. Zwei Tage vor dem Börsendebüt zog Peking den Stecker. Zunächst kursierte die Meldung, dass ein Listing in Shanghai wegen neuer Regularien für Fintechs nun nicht stattfinden könne, Minuten später folgte auch das Aus in Hongkong. Anleger reagierten reflexartig auf den Super-GAU und verkauften Anteilsscheine vom Mutterkonzern Alibaba, der weiter 30 Prozent an Ant hält, schnell. Die Aktie gab in der vorvergangenen Woche schnell um 10 Prozent nach.

In den darauffolgenden Tagen sickerten Einzelheiten zum Debakel durch. Dass China seinen nationalen Champion auf diese Weise beschädigt, ist ein einzigartiger Vorgang, der nur mit einer maximalen Eskalation von politischen Machtspielen zu erklären ist. Wie das Wall Street Journal berichtet, kam die Anweisung von ganz oben: „Chinas Präsident Xi Jinping hat Jack Mas Ant-IPO persönlich versenkt“, schlagzeilte die Wirtschaftszeitung am vergangenen Freitag.

Äußerungen von Alibaba-Gründer Jack Ma sorgen für Unmut in Parteispitze

Vorausgegangen waren abschätzige Äußerungen von Alibaba-Gründer Jack Ma zum Zustand des Bankwesens in China. „Unser heutiges Finanzsystem ist das Erbe des Industriezeitalters“, hatte Ma eine Woche vor dem IPO erklärt. „Wir müssen ein neues System für die nächste Generation und für junge Leute etablieren. Wir müssen das bestehende System reformieren.“

Die Generalabrechnung des Alibaba-Gründers und reichsten Manns Chinas kam in Parteikreisen offenkundig so schlecht an, dass die einzige Reformierung nunmehr die Rahmenbedingungen des Börsengangs sind. Nach übereinstimmenden Medienberichten dürfte Ant Financial beim nächsten Versuch zu einer deutlich ermäßigten Bewertung an der Börse debütieren.

Ants Bewertung dürfte sich halbieren

„Die vorgeschlagene Regulierung dürfte Ants Bewertung um mehr als die Hälfte auf 150 Milliarden Dollar dezimieren“, glaubt etwa Eric Schiffer, CEO des Private Equity-Firma The Patriarch Organization. Ähnlich pessimistisch äußert sich Brendan Ahern, Chief Investment Officer beim ETF-Anbieter KraneShares, der einen neuen Listing-Anlauf innerhalb der nächsten sechs Monate für „sehr unwahrscheinlich“ hält.

Entsprechend düpiert reagiert die Finanzwelt auf die Last-Minute-Absage des Ant-IPOs. „Die Aussetzung war ein Desaster“, kommentiert etwa Andrew Collier von Orient Capital Research gegenüber CNBC die Entwicklung.

Neue Regularien belasten Alibaba

Doch damit endeten die schlechten Nachrichten für Ant und Alibaba noch nicht. Der Großaktionär wurde in der vergangenen Woche selbst von möglichen neuen Regularien betroffen. So plant die chinesische Regierung offenbar, die dominierenden Internetunternehmen kartellrechtlich stärker kontrollieren zu wollen.

Ein 22-seitiger Gesetzentwurf löste vergangene Woche einen dramatischen Kursrutsch bei Chinas wertvollsten Internetkonzernen aus, der in der Spitze fast 300 Milliarden Dollar Börsenwert ausradierte. Ganz vorne dabei: Alibaba, das binnen eines Handelstages 10 Prozent an Wert verlor und seit der Absage des Ant-IPOs beim Kurssturz von 319 auf 260 Dollar mehr als 18 Prozent bzw. rund 100 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren hat.

Für James Cramer ist Chinas gefallener E-Commerce-Champion damit wieder interessant: „Ich haue auf den Tisch, Alibaba zu kaufen“, erklärte der CNBC-Marktkommentator bereits vor Wochenfrist.