Özil-Krise, Wenger-Blues: Die Gründe für Arsenals Absturz

Matthias Schreiber

Seit jeher scheiden sich an Mesut Özil die Geister. Die einen sehen in dem Filigrantechniker des FC Arsenal einen, wenn nicht den technisch besten Fußballer, den Deutschland je hervorgebracht hat.

Die anderen bemängeln stets die Attitüde des Weltmeisters, die sie ihm vorzugsweise im Misserfolg als Lustlosigkeit auslegen.

Nach der 0:4-Schmach beim FC Liverpool sah sich der deutsche Nationalspieler gar genötigt, sich öffentlich für seine Leistung zu entschuldigen. Spott gibt es dennoch genug: Als "The Invisibles" werden die Gunners um Alexis Sanchez und Co. derzeit im Internet beschimpft, die Unsichtbaren also, in Anspielung auf das ungeschlagene Meisterteam von 2003, die damals ehrfürchtig "The Invincibles", die Unbezwingbaren, gerufen wurden.


Von diesen ist im August 2017, dem 21. Dienstjahr von Teammanager Arsene Wenger, nicht mehr viel übrig geblieben.

Nach der verpassten Qualifikation für die Champions League und derzeit nur Platz 16 nach drei Spielen, ist die Stimmung bei den Nord-Londonern wieder einmal am Tiefpunkt. SPORT1 nennt die Gründe.

- Özils Formtief

"Mit Özil ist Arsenal ohne Ball ein Mann weniger auf dem Platz. Ihm ist klar anzusehen, dass er mit der Verteidigung nichts zu tun haben möchte", stellte Liverpools Legende Steven Gerrard kürzlich vor allem Özils Defensivarbeit in den Senkel. Aber auch offensiv will es seit der Sommerpause für den Ex-Schalker nicht wirklich laufen.

Mit keiner einzigen Torbeteiligung in drei Spielen ist er von seiner Galaform aus der vorletzten Saison meilenweit entfernt. Damals gelangen Özil wettbewerbsübergreifend 20 Vorlagen und 8 Tore, in der letzten Saison waren es noch 14 Assists bei 12 Toren.

Wahrlich keine schlechten Zahlen, dennoch nahm in England die mediale Kritik am Weltmeister in den letzten Monaten deutlich an Fahrt auf.

Die WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien und Norwegen kommen aufgrund der Formkrise für Özil wohl nun nicht ganz ungelegen. Der 28-Jährige wäre beileibe nicht der erste, der bei der Nationalmannschaft Selbstvertrauen für den Verein tankt.

Eine reine Wohlfühloase dürfen aber auch etablierte Weltmeister wie Özil beim DFB-Team nicht mehr erwarten: "Ich erwarte, dass es den härtesten Konkurrenzkampf geben wird, den wir je erlebt haben", sagte Bundestrainer Joachim Löw den Stuttgarter Zeitungen. "Daher wissen auch die etablierten Spieler: Sie müssen immer an ihrem Leistungslimit spielen, um in der Mannschaft zu bleiben."

- Wengers Transferpolitik

Während die Konkurrenz mit den Scheinen nur so um sich wirft, gönnte sich Arsene Wenger in den letzten beiden Jahren ganze vier große Transfers: 53-Millionen-Stürmer Alexandre Lacazette und den Ex-Schalker Sead Kolasinac in diesem Sommer, beide suchte man gegen Liverpool in Arsenals Startelf vergeblich.

Im letzten Jahr waren es noch Granit Xhaka und Shkodran Mustafi. Ob der Weltmeister allerdings überhaupt noch einmal im Emirates auflaufen wird, ist fraglich. Eine Leihe nach Italien soll unmittelbar bevorstehen.

Sowieso wird auch in der derzeitigen Krisenperiode eher über Abgänge als über Neuzugänge bei den Nord-Londonern gesprochen. Auch Nationalspieler Alex Oxlade-Chamberlain soll sich bereits mit Chelsea einig sein, selbst ein Verbleib von Hoffnungsträger Alexis Sanchez über die Woche hinaus ist mehr als fraglich.


Der Chilene verhielt sich nach seiner Auswechslung gegen Liverpool äußert skurril, seine Gesten deuteten auf einen schnellen Abschied hin. Was zum nächsten offensichtlichen Problem führt.

- Keine Führungsspieler

"Özil soll kein Leader sein, Sanchez auch nicht, oder Petr Cech? Dieses Team hat Führungsspieler, die Spiele entscheiden können", ergriff Patrick Vieira nach der Liverpool-Schmach das Wort für Özil und Co. Als letztes großes Alphatier verließ der Franzose vor nunmehr zwölf Jahren den Verein.

Doch nicht wenige im Umfeld der Gunners hegen berechtigte Zweifel an dieser These. Ist ein wechselwilliger Sanchez, sollte er bleiben, als Leader wirklich uneingeschränkt geeignet?

Auch Torhüter Cech und ebenjener Özil traten zumindest öffentlich in der Vergangenheit nicht als Lautsprecher in Erscheinung.

Vieira liefert eine Erklärung, die auch als Kritik am zentralen Mittelfeld-Duo um Xhaka und Aaron Ramsey verstanden werden kann.

"Wir haben die Spiele gewonnen, auch wenn wir mal schlecht gespielt haben. Heute spielen sie oft gut und verlieren. Man muss sich glaube ich deshalb auf die Balance zwischen der körperlichen Präsenz und der technischen Kreativität fokussieren. Wir hatten die Physis, um gewisse Situationen zu bewältigen", erklärte Vieira, der damit unfreiwillig auch wieder den Bogen zu Wengers Transferpolitik spannt.

- Der Wenger-Blues

Sowieso scheint rund um das Emirates der Glaube an eine erfolgreiche Zukunft mit Arsene Wenger seit der letzten Saison endgültig erloschen.

"Wenger out" war der geflügelte Slogan der letzten Saison, schließlich bekam der 67-Jährige seinen Vertrag aber doch noch einmal um zwei weitere Jahre verlängert. Die richtige Entscheidung?

Ex-Stürmer Ian Wright, der 128 Tore für die Gunners erzielte, ist sich da unsicher: "Es ist ein absoluter Albtraum", meinte der Brite, der im Radio der BBC erklärte, warum er sich einen Wenger-Abschied wünsche: "Ich glaube nicht mehr, dass er die Spieler motivieren kann. Wenn er vernünftig ist, dann hört er auf", sagte Wright über seinen ehemaligen Coach.

Sollten Mesut Özil und Co. nach der Länderspielpause nicht zu ihrer Form finden, dürfte der Trainerlegende der Wind bei den Gunners wohl noch einmal rauer um die Nase wehen.