Aktuelle Krisen gefährden Arbeitsplätze

Nürnberg (dpa) - Im Oktober sank das Arbeitsmarktbarometer des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bereits zum sechsten Mal in Folge, wie das Institut heute mitteilte. Nach einem Minus um 0,3 Punkte im Vergleich zum Vormonat liegt das Barometer bei 100,2 Punkten und damit nur noch minimal über der neutralen Marke von 100 Punkten.

Der Bedarf an Arbeitskräften, der mit der Beschäftigungskomponente des Barometers gemessen wird, sank zwar um 0,5 Punkte, liegt aber mit 103,3 Punkten noch etwas deutlicher über der 100er-Marke. Die Komponente Arbeitslosigkeit liegt allerdings inzwischen bei 97,2 Punkten und damit klar unter 100. Dies deutet auf bevorstehenden Abbau von Arbeitskräften hin. Das Barometer ist ein Frühindikator. Befragt werden alle deutschen Arbeitsagenturen nach ihren Erwartungen für die nächsten drei Monate.

Personalbedarf lässt nach

Die Bundesagentur für Arbeit ermittelt mit ihrem Stellenindex BA-x einen saisonbereinigten Indikator für die Einstellungsbereitschaft. Auch dieser sank im Oktober um drei auf 128 Punkte und damit nur noch einen Punkt über dem Oktober 2021. «Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten lässt der Personalbedarf damit weiter spürbar nach», beurteilt die Bundesagentur die Situation. Die Behörde wird übermorgen ihre Arbeitsmarktstatistik für den Oktober bekanntgeben.

«Im Moment trifft Knappheit auf Krise», sagt der Leiter des IAB-Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen, Enzo Weber. «Weil Arbeitskräfte knapp sind, halten die Betriebe ihre Beschäftigten auch in der Energiekrise. Die Einstellungspläne werden aber etwas zurückgefahren», erklärt er weiter. Zusätzliche Risiken durch eine mögliche Verschärfung der Energiekrise blieben bestehen.

ILO: Auch die Arbeitsmärkte in anderen Ländern leiden

Die Arbeitsmärkte weltweit sind mit den Krisen durch Corona, den Klimawandel, Konflikte sowie den Krieg gegen die Ukraine unter Druck. Die anfängliche Erholung von der Pandemie habe sich im Laufe des Jahres verlangsamt, berichtete die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) heute in Genf.

Sie geht davon aus, dass im 3. Quartal 1,5 Prozent weniger Arbeitsstunden geleistet wurden als im gleichen Zeitraum vor der Pandemie. Das entspreche 40 Millionen Vollzeit-Jobs. Grund seien vor allem Störungen des Arbeitsmarktes in China wegen der dortigen Null-Covid-Politik und die Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine.

Dramatisch sei die Lage in der Ukraine: 10,4 Prozent der vor dem Krieg in der Ukraine Beschäftigten, insgesamt 1,6 Millionen Menschen, seien nun Flüchtlinge in anderen Ländern. Gut ein Viertel von ihnen (28 Prozent) habe Arbeit in den Gastländern gefunden. Das habe sowohl für die Ukraine als auch die Gastländer Konsequenzen: Weil vor allem Frauen flohen, von denen viele im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich arbeiteten, fehle dort in der Ukraine jetzt Personal. In Gastländern könnte der Zuzug so vieler Ukrainerinnen «zu einer politischen und arbeitsmarktpolitischen Destabilisierung» führen.

In Deutschland steigt die Arbeitslosigkeit bereits jetzt durch die Zuwanderung. Dies sei aber ein vorübergehender Effekt, so Weber: «Die Fluchtzuwanderung aus der Ukraine erhöht schlagartig das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland und damit zunächst die Arbeitslosigkeit wie auch - stärker zeitverzögert - die Beschäftigung».