Aktivisten: Russische Luftwaffe greift Rebellengebiete im Süden Syriens an

Zivilisten verlassen Daraa

Erstmals seit Inkrafttreten der Waffenruhe vor knapp einem Jahr hat die russische Armee laut Aktivisten Gebiete im Süden Syriens bombardiert. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte flog Russland am Samstagabend mindestens 25 Angriffe auf von Rebellen kontrollierte Dörfer im Osten der Provinz Daraa. Angaben zu möglichen Opfern machte die Beobachtungsstelle nicht. Ebenfalls am Wochenende nahmen syrische Regierungstruppen demnach zwei Dörfer in der Provinz ein.

Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad flogen bereits seit Dienstag Angriffe auf von Rebellen kontrollierte Gebiete. Die Kämpfe konzentrieren sich auf einen Streifen zwischen der Provinz Daraa und der Nachbarprovinz Sueida.

Laut Anwohnern warfen syrische Armeehubschrauber Flugblätter ab, in denen sie die Zivilisten vor bevorstehenden Angriffen warnten und Oppositionskämpfer zum Niederlegen der Waffen aufforderten.

Nach Angaben der Beobachtungsstelle starben seit Beginn der Offensive am Dienstag mindestens 19 Zivilisten. Die Beobachtungsstelle bezieht ihre Angaben von einem Netzwerk von Aktivisten vor Ort. Ihre Angaben sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen.

In den Provinzen Daraa, Kuneitra und Sueida, die nahe der Grenze zu Jordanien und den von Israel besetzten Golan-Höhen liegen, gilt seit dem vergangenen Sommer eine Waffenruhe, die Vertreter der USA, Russlands und Jordaniens ausgehandelt hatten. Zuletzt hatte es dort aber wieder vermehrt Kämpfe gegeben.

Die syrische Regierung verhandelt über ihren Verbündeten Russland seit Wochen mit den Rebellen in Daraa und Kuneitra über die Übergabe der Gebiete unter ihrer Kontrolle.

Zugleich zog sie eine große Zahl von Truppen am Rand der Rebellengebiete zusammen und drohte mit einer Offensive, sollten die Verhandlungen keinen Erfolg bringen. Unter dem Druck des Militärs haben die Aufständischen seit Jahresbeginn schon zahlreiche Gebiete aufgeben müssen.

Die jüngsten Angriffe durch Regierungstruppen trieben zudem erneut viele Menschen in die Flucht: In der Provinz Kuneitra errichteten zahlreiche Syrer behelfsmäßige Lager, nachdem ihre Heimatdörfer angegriffen worden waren.

"Ich wollte eigentlich nicht hierher kommen, aber die heftigen Kämpfe der letzten Tag haben uns dazu gezwungen", sagte der 36-jährige Ali al-Homsi der Nachrichtenagentur AFP. Mehrere Angehörige sei dabei getötet worden. Mit seiner Familie kam er im Dorf Buraika in einem Zelt unter. Fließendes Wasser zum Waschen oder Trinken gebe es allerdings nicht, sagte al-Homsi.

Die Vereinten Nationen hatten gewarnt, dass bei Kämpfen im Süden des Landes weitere 750.000 Menschen gefährdet wären. In Daraa hatten im März 2011 die Proteste gegen Präsident Baschar al-Assad begonnen. Angesichts des brutalen Vorgehens Assads gegen die Demonstranten weiteten sich die Proteste rasch aufs ganze Land aus. Seither wurden mehr als 350.000 Menschen getötet und Millionen Syrer in die Flucht getrieben.

In Raka, der ehemaligen Hochburg des "Islamischen Staates" (IS) im Nordosten Syriens, verhängten die Behörden am Sonntag eine Ausgangssperre. Als Grund nannten sie geheimdienstlicher Hinweise auf bevorstehende IS-Angriffe.

Am Sonntag und Montag solle niemand in der Stadt Raka sein Haus verlassen, teilten Sicherheitskräfte mit. Sie hätten Informationen erhalten, "dass Terrorgruppen, die für den IS arbeiten, nach Raka gekommen sind". Dort wollten die Dschihadisten Angriffe gegen die "Stabilität und Sicherheit" verüben, hieß es.