Aktivisten: Immer mehr zivile Opfer bei türkischer Offensive in Afrin

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Syrische Kurden trauern um einen Angehörigen in Afrin

Der türkischen Offensive gegen die syrischen Kurden in Afrin fallen laut Aktivisten immer mehr Zivilisten zum Opfer. Allein am Sonntag seien 14 Menschen bei türkischen Luftangriffen getötet worden, teilte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montag mit. Vor den neuen Syrien-Gesprächen in Sotschi rief die prokurdische HDP die Staatengemeinschaft zum Handeln gegen die türkische "Invasion" auf.

Ein Reporter sah vor dem Hauptkrankenhaus von Afrin, wie ein Pickup verwundete Zivilisten brachte, darunter zwei blutüberströmte Kinder. In einem Krankenwagen lagen die Leichen eines Mannes und eines Kindes. Aus den Dörfern im hügeligen Umland der Stadt stiegen schwarze Rauchwolken auf, doch in Afrin selbst waren die Läden geöffnet.

Laut der Beobachtungsstelle wurden seit Beginn der türkischen Offensive bereits 55 Zivilisten getötet. Zudem seien 78 kurdische Kämpfer und 76 protürkische Rebellen gestorben. Für Medien sind die Angaben der oppositionsnahen Organisation kaum zu überprüfen. Die türkische Armee hat nach eigenen Angaben sieben Soldaten verloren.

Am Montag teilte die Armee zudem mit, sie habe bei der am 20. Januar gestarteten Operation "Olivenzweig" 597 "Terroristen neutralisiert". Damit meint sie getötet, gefangen oder schwer verletzt. Auch ihre Angaben sind für Medien nicht zu überprüfen. Ankara betont, keine zivilen Ziele ins Visier zu nehmen und bezeichnet Berichte über zivile Opfer als "Terrorpropaganda".

Wie das Innenministerium am Montag mitteilte, wurden seit Beginn der Offensive in der Türkei 311 Verdächtige unter dem Vorwurf festgenommen, in den sozialen Medien "Propaganda" für die von Ankara als Terrororganisation eingestuften kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) zu betreiben.

Die Türkei betrachtet die YPG als syrischen Zweig der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die seit 1984 im Südosten Anatoliens gegen den Staat kämpft. Allerdings ist die YPG ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Trotz der Proteste Ankaras will Washington an dem Bündnis festhalten.

In der Türkei wird die Offensive von den Oppositionsparteien CHP und MHP unterstützt. Die einzige Partei, die die Militäroperation in Afrin offen kritisiert, ist die prokurdische HDP. In einem Schreiben an die Vereinten Nationen und die Europäische Union rief sie am Montag die Staatengemeinschaft zum Handeln gegen die "Invasion" auf, die klar gegen internationales Recht verstoße.

Wegen der Offensive sagten die Behörden der kurdischen Autonomiegebiete in Nordsyrien ihre Teilnahme an den Friedensgesprächen im südrussischen Sotschi ab, die am Dienstag von Russland, der Türkei und dem Iran organisiert werden. Auch das Syrische Verhandlungskomitee der Opposition boykottiert das Treffen in der Schwarzmeerstadt.

Russland hat mehr als 1600 Teilnehmer zum sogenannten Kongress des nationalen Dialogs eingeladen, doch werden nur 350 erwartet. Die ersten Delegationen trafen am Montag in Sotschi ein. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, wegen des Boykotts von Teilen der Opposition sei ein "Durchbruch hinsichtlich einer politischen Lösung in Syrien wenig wahrscheinlich".

Die Beobachtungsstelle und die syrische Antikenbehörde warfen der Türkei derweil vor, bei ihren Luftangriffen in Afrin auch einen 3000 Jahre alten neo-hittitischen Tempel schwer beschädigt zu haben. Demnach wurde die Tempelanlage von Ain Dara, die aus der aramäischen Ära zwischen 1300 und 700 vor Christus stammt, bei dem Angriff am Freitag teilweise zerstört.

Während die Türkei weiter gegen die Kurden vorging, setzten die syrischen Regierungstruppen ihre Offensive gegen das Dschihadistenbündnis Hajat Tahrir al-Scham in Idlib fort. Laut der Beobachtungsstelle wurden dort bei Luftangriffen mindestens 33 Zivilisten getötet. Allein auf einem Markt der Stadt Sarakeb habe es elf Tote gegeben, teilte die Organisation mit.