Aktionäre stärken Heinrich Hiesinger

Der Showdown auf der Hauptversammlung ist ausgeblieben: Die Mehrzahl der Aktionäre sieht keine Alternative zur Strategie von Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger – und stärkt ihn im Machtkampf mit Cevian.

Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger musste in den vergangenen Wochen ein Trommelfeuer der Kritik über sich ergehen lassen: Ausgerechnet sein zweitgrößter Anteilseigner, der schwedische Investmentfonds Cevian, attackierte massiv die Strategie des Konzernchefs. Der Vorwurf: Die Renditen seien zu niedrig, Hiesinger habe seine selbst gesteckten Ziele nicht erreicht, der Konzern sei zu komplex, die Zeit der Konglomerate vorbei. Nötig sei eine Zerschlagung des Unternehmens – über die bereits auf den Weg gebrachte Abspaltung der Stahlsparte in ein Joint Venture mit Tata Steel Europe hinaus.

Diese öffentlichen Äußerungen hätten ihn schon überrascht, gab Hiesinger auf der Hauptversammlung an diesem Freitag in der Bochumer Kongresshalle zu. Dort fand die Kritik des aktivistischen Investors jedoch nur wenig Widerhall. Im Gegenteil: Cevian musste sich harsche Worte von vielen Aktionären gefallen lassen – sie reichten von „ekliger Heuschrecke“ bis zur Aufforderung, das Investment bei Thyssen-Krupp zu beenden.

Corporate-Governance-Experte Christian Strenger brachte die Haltung vieler Aktionäre auf den Punkt: „Thyssen-Krupp ist ein besonderes Unternehmen“, sagte er. „Cevian ist gut beraten, mal zu überlegen, ob das Thema schnelle Veränderung nicht auch anders angegangen werden kann.“ Den schwedischen Investor und seinen Vertreter im Aufsichtsrat, Jens Tischendorf, forderte er auf, sich künftig an die Spielregeln zu halten: „Mehr Zurückhaltung wäre angebracht.“


Nach achtstündiger Dauer entlastete die Hauptversammlung den Vorstand von Thyssen-Krupp mit 93 Prozent. Cevian hatte sich enthalten – und damit die zuvor geäußerten heftigen Kritik am Thyssen-Krupp-Chef bestärkt. Enthaltungen werden wie nicht abgegebene Stimmen gewertet.

Die Unterstützung der meisten anderen Aktionäre hat der Vorstand aber. Für Hiesinger dürfte der Rückenwind gerade zur rechten Zeit kommen. Seit sieben Jahren arbeitet der Vorstandschef jetzt am Umbau des Konzerns und musste immer wieder Rückschläge verkraften. Doch zu seiner Strategie eines integrierten Industriekonzerns sieht er keine Alternative, das machte er vor seinen Aktionären erneut deutlich – und erntete weitgehende Zustimmung.

„Wir führen Thyssen-Krupp integriert, weil das zu messbaren Vorteilen führt“, sagte Hiesinger. So entstünden die meisten Innovationen über eine bereichsübergreifende Zusammenarbeit. „Der neue Aufzug Multi wäre niemals entstanden, wenn nicht in einem ganz anderen Bereich die Transrapid-Technik entwickelt worden wäre.“ Auch Partnerschaften wie die Kooperation mit Microsoft bei der vorausschauenden Wartung von Aufzügen würden immer wichtiger.

Mittlerweile sieht er das Traditionsunternehmen auf einem guten Weg. Operativ habe Thyssen-Krupp im abgeschlossenen Geschäftsjahr das beste Ergebnis seit seinem Amtsantritt 2011 erzielt. „Das bereinigte Ebit liegt nicht nur über unserer Prognose, sondern wir haben auch den Rückgang aus dem Vorjahr aufgeholt“, sagte er.

Damit konterte Hiesinger die Vorwürfe Cevians, Hiesinger habe seine selbst gesteckten Ziele verpasst. „Diese Ziele haben wir mit einer Ausnahme im Geschäftsjahr 2015/16 – als der Stahlmarkt uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hat – immer erreicht und sogar übertroffen.“ Das laufende Jahr werde weitere Fortschritte bei Jahresüberschuss und freiem operativen Cashflow bringen, kündigte der Vorstandschef an.


Strategische Ziele sollen überprüft werden


Dennoch musste er sich auch Kritik anhören. Vor allem die im Vergleich zu Wettbewerbern geringen Renditen der Industriesparten Aufzüge, Autokomponenten und Anlagenbau sorgten für Unmut, ebenfalls die Entwicklung des Aktienkurses. Aus dieser Sicht seien die vergangenen sieben Jahre verlorene Jahre gewesen, kritisierte Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment: „Mit der katastrophalen Aktienkursentwicklung kann es so nicht weiter gehen. Thyssen-Krupp ist ein Gemischtwarenladen, mit dem viele Anleger nicht viel anfangen können.“

Speich war einer der wenigen Aktionärsvertreter, der einen anderen Managementansatz vom Vorstand verlangte und damit indirekt die Position Cevians unterstützte. Die Zeichen der Zeit stünden auf Entflechtung großer Konglomerate wie Thyssen-Krupp, sagte Speich. „Andere Traditionskonzerne wie Siemens und Daimler machen gerade vor, wie man sich aus dem Konglomeratsdilemma befreien kann, etwa durch das Delegieren von Entscheidungsmacht an die operativen Einheiten, die Gründung von Tochterfirmen oder Spin-offs“, sagte er. „Thyssen-Krupp muss diesen Schritt noch gehen, er muss dringend schlanker, agiler und flexibler werden.“ Das sei überfällig, sagte er.

Thomas Hechtfischer von der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz teilte diese Position nur in Teilen. „Ich bin kein Zerschlagungsfan“, bekannte er, kritisierte aber ebenfalls die im Vergleich zu Wettbewerbern schwachen Renditen.


Hiesinger hatte in seiner Rede zuvor vielen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen. So kündigte er eine Überprüfung der strategischen Ziele des Konzerns im Mai an, versprach eine höhere Profitabilität und den Aktionären eine bessere Dividende. Damit brachte er die Mehrzahl der Anteilseigner hinter sich.

Und er verschloss sich nicht der Forderung, sich notfalls auch von Geschäftsbereichen zu trennen. „Was wir unter dem Konzerndach von Thyssen-Krupp aus eigener Kraft besser machen können, gehen wir selbst an. Da, wo wir eine bessere Zukunft für ein Geschäft außerhalb des Konzerns sehen, verfolgen wir diesen Weg konsequent.“ Schließlich habe sich der Konzern schon von einer ganzen Reihe von Beteiligungen getrennt. So habe Thyssen-Krupp vor sechs Jahren noch acht Geschäftsbereiche gehabt, heute seien es fünf, mit Gründung des Stahl-Joint-Ventures würden es vier sein. „Wir bauen unser Portfolio aktiv auf wachstumsstarke und profitable Industrie- und Servicegeschäfte um.“

Schützenhilfe erhielt Hiesinger von seinem Aufsichtsratschef Ulrich Lehner: „Thyssen-Krupp ist auf einem guten Weg“, sagte er. „Ein Veränderungsmodus geht nicht von heute auf morgen und muss hart erarbeitet werden. Der Aufsichtsrat wird den Vorstand weiter konstruktiv begleiten.“