Aktionäre kritisieren Ämterhäufung bei Linde-Chefaufseher Reitzle

Wolfgang Reitzle ist mit fünf Mandaten ein Multi-Aufsichtsrat. Aktionärsschützern geht die Ämterhäufung des Linde-Chefaufsehers zu weit.


Zum voraussichtlich letzten Mal hat Linde die Aktionäre zu einer Hauptversammlung geladen. Nach der Fusion mit dem Konkurrenten Praxair wird es die traditionsreiche Linde AG nicht mehr geben.

Die Schlachten um die Fusion sind weitgehend geschlagen. Dafür kritisierten Investoren unter anderem Ämterhäufungen im Aufsichtsrat um Chefkontrolleur Wolfgang Reitzle.

Reitzles diverse Mandate sieht Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment, kritisch. Der Linde-Aufsichtsratschef führt auch das Kontrollgremium bei Continental und ist im Aufsichtsrat bei Axel Springer.


Zudem führt er die Kontrollgremien bei Medical Park und neuerdings bei Willy Bogner. „Herr Reitzle, Sie sollten die Zahl Ihrer Mandate reduzieren, denn Ämterhäufung trifft auch auf Sie zu“, mahnte Speich.

Union Investment wollte bei der Wahl der Aufsichtsräte, die noch einmal turnusmäßig anstand, nur für Reitzle votieren, weil er die treibende Kraft bei der Fusion gewesen sei. Dagegen lehnte die Fondsgesellschaft die Berufung von Franz Fehrenbach und Tom Enders ab.

Fehrenbach habe als Aufsichtsratsvorsitzender von Bosch und mit weiteren Mandaten unter anderem bei BASF und Stihl genug zu tun. Bei Airbus-Chef Enders verwies Speich auf den Korruptionsskandal. „Da haben Sie für die Aufsichtsratstätigkeit bei Linde weder den Kopf frei noch genügend Zeit.“

Auch Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz sieht bei einigen Aufsichtsräten zu viele Mandate. „Wie viele Ämter wollen die denn noch anhäufen“, fragte sie.


Die DSW kritisiert zudem erneut, dass die Aktionäre von Linde über die Fusion mit Praxair nicht abstimmen durften. Die Aktionärsschützer haben deswegen eine Klage angestrengt.

Im Umfeld Reitzles wurde betont, dass seine Mandate den Corporate-Governance-Regularien entsprächen. Manche Investorengruppen hätten aber eigene Regeln aufgestellt, die auch Mandate bei nicht-börsennotierten Unternehmen mitzählen.

Vorstandschef Aldo Belloni warb für den Zusammenschluss mit Praxair zum weltgrößten Gasehersteller. „Wir sind unverändert überzeugt, dass diese Fusion Wert schaffen würde“, sagt er.


Die Fusion sei „hochgradig komplementär, synergiestark und deshalb die ideale Grundlage für nachhaltiges und profitables Wachstum“. Scheitern könnte das Projekt vor allem noch am Widerstand der Kartellbehörden, Brüssel ist in einer vertieften Prüfung.

Belloni zeigte sich aber zuversichtlich. „Wir befinden uns in konstruktiven Gesprächen mit den Kartellbehörden und parallel dazu mit potenziellen Käufern für die von beiden Seiten abzugebenden Unternehmensteilen.“

Die Kritik an dem Zusammenschluss aber reißt nicht ab. Zwar zeigten sich die meisten Redner von der industriellen Logik überzeugt. Doch habe sich Linde zu billig verkauft, kritisierte Aktionärsschützerin Bergdolt. „Sie haben Linde fast verschachert.“

Auch Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) betonte: „Linde ist eigentlich in allen Kennziffern überlegen – bis auf die Marge.“ Linde und Praxair hatten sich auf eine 50:50-Bewertung geeinigt. Die Münchener sind nach Umsatz deutlich größer, die Amerikaner profitabler.

Einen Denkzettel verpassten die Aktionäre Reitzle zum Schluss der Hauptversammlung allerdings noch: Der Manager wurde nur mit knapp 84 Prozent wieder in den Aufsichtsrat gewählt.