Der Aktienmarkt verteilt keine Geschenke

Jochen Kauper

Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen“, lautet eine goldene Börsenregel. Leider gibt es hierfür kein Patentrezept. Der abrupte Abverkauf an den Börsen seit Anfang Februar hat die Anleger aufgeschreckt. "Viele stellen sich nun die Frage, ob die seit 2009 währende Hausse an den Aktienmärkten vorbei ist. "Eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, dass an den Anleihenmärkten mehr und mehr eine geldpolitische Wende eingepreist wird. Auf der anderen Seite sieht die fundamentale Entwicklung alles andere als schlecht aus", sagt Marco Herrmann von der Fiduka Depotverwaltung. Macht ein Verkauf jetzt noch Sinn oder soll man lieber an schwächeren Tagen zugreifen?

Markttiming

Im Nachhinein ist man ja meist schlauer, aber in die Zukunft gerichtete Prognosen sind bekanntlich besonders schwierig. "Und dennoch versucht sich die Mehrheit der Investoren im sogenannten ‚Market Timing‘, an dem am Ende nur die Banken via Transaktionskosten profitieren. Denn Hand auf’s Herz, wem gelingt es regelmäßig ‚oben‘ zu verkaufen und ‚unten‘ wieder zu kaufen?

Eine Möglichkeit seine Gewinne zu sichern bzw. die Verluste zu begrenzen, bieten Stop-loss-Aufträge. Wird eine zuvor festgelegte Kursuntergrenze erreicht, erfolgt automatisiert der Verkauf zum nächsten Kurs. Perfektionieren lässt sich diese Strategie mit einem Trailing-Stop, bei dem der Stop-Kurs bei einem steigenden Aktienkurs nachgezogen wird. So kann man bei gleichzeitiger Risikobegrenzung noch am weiteren Potential einer Aktie profitieren. Beim Setzen der Kursuntergrenze gehört auch etwas Glück dazu. Sind 10 Prozent richtig, 15 Prozent oder gar mehr? Selbst nur ein halbes Prozent Abweichung kann den Erfolg der Strategie zunichtemachen – das muss man wissen" sagt Herrmann.

38- und 200-Tage Linie

"Stop-loss-Orders können bei einzelnen Aktien durchaus sinnvoll sein, aber eignen sich nicht für ein komplettes Portfolio. Wer beispielsweise bei einem DAX-Stand von 12.000 ausgestoppt wurde, steht nun ohne Aktien da. Irgendwann stellt sich aber die schwierige Frage des Wiedereinstiegs – das Geld soll ja schließlich nicht ewig bei Nullzinsen auf dem Konto verkümmern. Wer bei 11.500 Punkten schon wieder zurückkaufen würde, hätte ehrlich gesagt bei 12.000, also knapp fünf Prozent höher, nicht verkaufen müssen. Man kann natürlich auch warten, bis die Wogen sich geglättet haben und der Abwärtstrend gebrochen wurde. Wahrscheinlich notiert der DAX dann aber höher als heute. Beliebte Handelsstrategien basieren oft auch auf gleitenden Durchschnittslinien wie der 38-Tage oder der 200-Tage-Linie bzw. einer Kombination von zwei Linien. Was im Backtesting bestens funktionierte, stellt keine Garantie für die Zukunft dar. Kleinste Abweichungen zur Vergangenheit können in der Gegenwart große Unterschiede ausmachen. Anleger sollten sich also damit abfinden, dass es an der Börse nichts geschenkt gibt. Ein mit ruhiger Hand gesteuertes Portfolio dürfte bei den meisten Anlegern bessere Erträge abwerfen als ein Trading-Portfolio. Anstatt sich permanent mit Market Timing zu beschäftigen, ist die Zeit sinnvoller genutzt, um sich mit Unternehmen zu beschäftigen, in die man investieren möchte. Natürlich muss man nicht immer voll investiert sein, sondern kann in Übertreibungsphasen auch mal was geben. Zu verkaufen, wenn die Märkte in Panik sind, ist dagegen meist kein guter Ratgeber", lautet das Fazit von Marco Herrmann.