Aktienmarkt könnte wegen des Handelsstreits bis zu 25 Prozent nachgeben – sagt ein UBS-Experte

Ting Gao beobachtet von der Sonderverwaltungszone Hongkong aus für europäische und internationale Anleger auch den Markt auf dem chinesischen Festland. Der langjährige Experte der Schweizer Großbank UBS warnt vor den Folgen des US-amerikanisch-chinesischen Handelskonflikts, stellt aber auch die Widerstandskraft der chinesischen Wirtschaft in den Vordergrund.

Herr Gao, US-Präsident Donald Trump droht China jetzt sogar Zölle im Umfang von 500 Milliarden Dollar an. Was wären die Folgen für China, wenn er das umsetzt?
Da wären dann so ziemlich alle Exporte aus China in die USA betroffen. Bei dem Szenario könnte der Aktienmarkt noch weitere 15 bis 25 Prozent nachgeben. Und die chinesische Währung, der Renminbi dürfte noch weiter fallen als auf einen Kurs von 6,8 gegenüber dem Dollar, den wir bisher für das Jahresende prognostiziert hatten. Aber natürlich würde die Regierung in dem Fall auch mit der Geld- und der Finanzpolitik gegensteuern, um den Effekt zumindest zum Teil aufzufangen. Die Zentralbank hat auch deutlich gemacht, dass sie als Antwort auf den Protektionismus die Währung nicht abwerten will.

Wie viel Widerstand kann die Börse denn noch gegen die politischen Spannungen aufbringen?
Wir haben jetzt ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,5. Das sind nur zehn Prozent oberhalb des Wertes vom Sommer 2016, als die Exporte stark eingebrochen waren. Das zeigt, wie sehr schlechte Nachrichten schon in den Kursen enthalten sind.


Bleiben wir noch einen Moment bei dem aufkeimenden Handelskrieg. Wie würde es die chinesische Wirtschaft treffen, wenn sich für einen langen Zeitraum weltweit der Protektionismus durchsetzt?
Neben dem Handel ist das eigentliche Thema die Industriepolitik Chinas. Dabei geht es um die gezielte Förderung von Zukunftsbranchen wie erneuerbarer Energie, künstlicher Intelligenz und neuen Werkstoffen. Wenn die Regierung hier unter Druck von außen gerät, wird sie möglicherweise ihre Unterstützung etwas zurückfahren.

Mit welchen Folgen?
Mit begrenzten Folgen. China hat eine große Anzahl hoch qualifizierter Ingenieure und Software-Experten und jede Menge Finanzierungsquellen für diese Bereiche.

Wie groß ist das Währungsproblem für chinesische Unternehmen, die sich in Dollar verschuldet haben?
Der starke Dollar hat für solche Unternehmen schon negative Folgen. Das trifft zum Beispiel Luftfahrtgesellschaften. Aber auch Immobilienfirmen haben sich zuletzt stärker in Dollar verschuldet, weil im Inland die Kreditvergabe sehr restriktiv geworden ist.

Wird das auf den Immobilienmarkt selbst durchschlagen?
Der steht ohnehin schon unter Druck. Aber das ist so gewollt, die Regierung hat Restriktionen erlassen, um ihn abzukühlen. Die Preise dort könnten daher noch weiter fallen.


China leidet ja auch unter internen Problemen. Im April wurde bekannt, dass die Ausfallraten der Kredite steigen. Außerdem sorgen sich viele Investoren wegen des großen Sektors an Schattenbanken, also an Finanzierungen durch Holdinggesellschaften außerhalb der Banken.
Die Bankkredite wachsen noch, aber das Volumen der Darlehen von Schattenbanken ist schon deutlich geschrumpft. Die wachsenden Ausfallraten hängen auch damit zusammen, dass die Regierung härter gegen die Verschuldung vorgeht.

Insgesamt spielt die Regierung immer noch eine große Rolle beim Management der Wirtschaft. Erwarten Sie, dass sie sich in kommenden Jahren mehr und mehr zurückhält?
Es gibt bereits Schritte in Richtung mehr Marktwirtschaft. Zum Beispiel ist es leichter geworden, privates Kapital in Unternehmen einzusetzen. Es gibt ja, etwa im Bereich der Internet-Unternehmen, einen blühenden Privatsektor. Auf der anderen Seiten hat die Regierung in Sektoren wie Telekommunikation und Energie, die als strategisch wichtig gelten, immer noch das Sagen. Das ist ein sehr langsamer Prozess.

China befindet sich ja auch in der Transformation von einer Wirtschaft, die von Exporten und Investitionen getrieben wird, zu einer, wo der Konsum und der Binnenmarkt wichtiger werden. Wie weit ist dieser Prozess gediehen?
Der Dienstleistungssektor hat bereits erheblich an Gewicht gegenüber der Industrie gewonnen. Die Regierung bremst auch bewusst Investitionen in Bereichen wie Zement und Stahl, wo es Überkapazitäten gibt. Die Investitionen sind vor wenigen Jahren noch jeweils zweistellig gewachsen, jetzt liegen sie bei einem jährlichen Plus von rund sechs Prozent. Aber auch für diese Transformation gilt: Es ist ein sehr langsamer Prozess.

Herr Gao, vielen Dank für das Gespräch.