Wie sich die Aktienkurse in den Urlaubsmonaten entwickeln dürften

Gelingt dem deutschen Markt im Sommer der Befreiungsschlag? Was sich aus der aktuellen Gemütslage an den Börsen für die eigene Positionierung herauslesen lässt.


Obwohl die Furcht vor der politischen Entwicklung in Italien nachgelassen hat, will den hiesigen Aktienmärkten der lang ersehnte Befreiungsschlag einfach nicht gelingen. Die Marke von 13.000 Dax-Punkten erscheint als derzeit nicht nachhaltig überwindbares Hindernis für den deutschen Leitindex.

Zwar hat sich die Anzahl der Anleger deutlich verringert, die das Bluechip-Barometer in einer Abwärtsbewegung sehen. Doch die Stimmung der Aktionäre erholt sich nur mühsam – und ist weiterhin von großer Niedergeschlagenheit geprägt. Die Folge: Zwei Drittel der Investoren sind derzeit unentschlossen und wollen die weitere Entwicklung an den Börsen abwarten, bevor sie neue Anlageentscheidungen treffen. Darauf deuten die Ergebnisse der Handelsblatt-Umfrage zur aktuellen Börsenstimmung hin.

Wöchentlich werden bei dieser Erhebung mehr als 2.300 Anleger gefragt, wie sie die Lage an den Aktienmärkten einschätzen. Die Ergebnisse bewertet Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. Seine Prognosen zur Dax-Entwicklung sollen Orientierung für die Geldanlage bieten. Wichtig ist dabei der Zeithorizont: Das Sentiment gibt keine Auskunft über die mögliche Marktrichtung am nächsten Tag und selten über die kommende Woche, wohl aber über die kommenden vier bis zwölf Wochen.


„Vieles spricht für einen ruhigen Sommer“, interpretiert Heibel die aktuelle Gemütslage der Anleger am deutschen Aktienmarkt – und ergänzt „… je nachdem, was Sie unter ‚ruhig‘ verstehen.“
Wenn ein Anleger Schwankungen im Dax von plus/minus sieben Prozent ohne Schweißausbruch verkrafte, dann könne von einer als ruhig einzustufenden Entwicklung in den kommenden Monaten ausgegangen werden. „Wenn Sie jedoch bei jedem neuen Trump-Tweet nervös werden und das Ende der Welt befürchten, dann wäre jetzt ein guter Augenblick, sich von einigen Aktien zu trennen und den Sommer über mit etwas weniger Engagement zu segeln“, lautet sein Ratschlag.

Die abklingende Italienkrise stimmt Anleger zuversichtlich

Die Ergebnisse der aktuellen Auswertung im Detail: Nur noch 27 Prozent (minus 16 Prozentpunkte) betrachten die aktuelle Dax-Entwicklung derzeit als Abwärtsimpuls, dafür gehen nunmehr 49 Prozent (plus 15 Prozentpunkte) von einer Seitwärtsbewegung aus. Zudem sehen inzwischen 38 Prozent (plus acht Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer ihre Erwartungen der Vorwoche als kaum erfüllt an.

Genau so viele geben mit 38 Prozent (plus ein Prozentpunkt) an, dass sich ihre Erwartungen zum größten Teil erfüllt haben. Erstaunlich ist mit 19 Prozent (minus sechs Prozent) die weiterhin extrem große Zahl derer, die von der aktuellen Entwicklung auf dem falschen Fuß erwischt wurden. „Damit zeigt die Verunsicherung unter den Anlegern ein extrem hohes Niveau an, wie es in der Regel im Zusammenhang mit einer zumindest kurzfristigen Bodenbildung im Dax auftritt“, meint Heibel.


Mit dem Abklingen der Italienkrise steigt auch wieder die Zuversicht unter den Anlegern, wenn auch nur leicht: 22 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) erwarten für den Dax in drei Wochen eine Aufwärtsbewegung, aber immer noch 31 Prozentpunkte (minus zwei Prozentpunkte) gehen von einer anhaltenden Abwärtsbewegung aus, einem Bärenmarkt. Das Lager derer, die eine Seitwärtsbewegung erwarten, ist um zwei Prozentpunkte auf 30 Prozent geschrumpft.

Nur noch 17 Prozent (minus ein Prozentpunkt) möchten in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, hingegen wollen nun sogar 19 Prozent (plus drei Prozent) Aktien verkaufen. Mit 64 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) bleiben die meisten Anleger jedoch unentschlossen und warten erst einmal ab.

Unter dem Strich interpretiert der Sentiment-Experte die jüngsten Umfrageergebnisse verhalten optimistisch. Zumindest größere Kursausschläge seien nicht in Sicht. „Weiterhin gibt die Sentiment-Analyse keinen Hinweis auf ein Stimmungsungleichgewicht, das die Richtung der nächsten Dax-Bewegung beeinflussen könnte. Auch der 5-Wochen-Durchschnitt der Stimmungserhebung zeige die neutrale Verfassung der Anleger.


Damit bleibt Heibel bei seiner bisherigen Grundeinschätzung: Schon bei seiner Auswertung in der vergangenen Woche hatte der Fachmann festgestellt, dass wegen der neutralen Positionierung der Anleger kaum ein Impuls in die eine oder andere Richtung aus der Stimmungserhebung abzuleiten sei.

Das Euwax-Sentiment ist wieder im neutralen Bereich

Die jüngste Entwicklung an den Aktienmärkten hat Heibels Prognose bestätigt: Der Dax etwa tritt seitdem innerhalb einer außergewöhnlich engen Kursspanne von nur rund 300 Punkten auf der Stelle.

Hinter Umfragen zur Börsenstimmung wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben eben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt natürlich Entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Wenn Anleger investiert haben, werden sie sich optimistisch über den erwarteten weiteren Kursverlauf äußern, wenn sie nicht investiert haben, pessimistisch. Denn für den zukünftigen Verlauf von Wertpapieren pessimistisch zu sein, aber gleichzeitig investiert zu haben, würde unter normalen Umständen wenig sinnvoll erscheinen.


Ähnliche Schlussfolgerungen wie aus der Handelsblatt-Untersuchung lassen sich derzeit auch aus den Ergebnissen des an der Stuttgarter Börse gemessenen Euwax-Sentiments ableiten, das anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax ermittelt wird.

„In den Ausverkauf im Februar und März hinein haben Privatanleger Absicherungspositionen aufgebaut“, sagt Börsenprofi Heibel. Diese würden nun in den aktuellen Ausverkauf hinein glattgestellt, das Euwax-Sentiment sei zurück im neutralen Bereich. Bemerkenswert sei jedoch, dass die Absicherungspositionen überwiegend bei einem deutlich niedrigeren Dax-Stand eingegangen wurden, als sie nun im verhältnismäßig kleinen Ausverkauf glattgestellt wurden.

Institutionelle Anleger, die sich hingegen über die Eurex absichern, haben sich in der Berichtswoche neutral verhalten. Ihre US-Kollegen sind moderat abgesichert, haben ihre Positionierung jedoch in die jüngste Dow-Rally hinein nicht ausgebaut. Eine Überhitzung wird in den USA offensichtlich noch nicht befürchtet.


Und so zeigt auch der technische „Angst und Gier“-Index des S & P 500 mit 58 Prozent eine neutrale Verfassung am US-Aktienmarkt an. Der kurzfristige Überkauft/Überverkauft-Indikator bewegt sich nur langsam in den überkauften Bereich vor.

Es gibt keine große Notwendigkeit für Eindeckungskäufe

Zudem haben institutionelle Anleger in den USA ihre Investitionsquote um zehn Prozent auf 92 Prozent hochgefahren. Damit ist nun wieder ein durchschnittliches Investitionsniveau in den USA erreicht, nachdem die Investitionsquote im Rahmen der Korrektur im Frühjahr deutlich zurückgefahren wurde. US-Privatanleger weisen eine Bullenquote von zwölf Prozent auf, was einer moderat bullischen Stimmung entspricht.

Die insgesamt neutrale Verfassung der Investoren bedeutet laut Heibel auf der einen Seite, dass es nun keinen großen Kaufbedarf mehr unter den vormals hochabgesicherten Anlegern gibt – denn die Absicherungen wurden bereits aufgelöst. Es bedeute jedoch gleichzeitig auch, dass ein eventueller Ausverkauf aufgrund einer negativen Schlagzeile nicht durch falsch positionierte Anleger verstärkt würde.

„Das heißt: Einen Ausverkauf in Folge einer negativen Meldung können wir nicht ausschließen, wir können jedoch feststellen, dass ein solcher Ausverkauf vermutlich schnell enden sollte“, prognostiziert der Sentiment-Fachmann.


Andererseits würde eine positive politische Meldung beispielsweise vom Treffen des US-Präsidenten Trump mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un in Singapur auch keine fulminante Rally lostreten. Denn es gebe dann keine große Notwendigkeit für Eindeckungskäufe bei den Anlegern. Die Absicherungspositionen seien in den vergangenen Wochen bereits eingedeckt worden.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.