Aktien-Hype: Welche Startups die Gewinner und Verlierer des Börsenjahrs 2021 sind

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Startup-Börsengänge gab es in diesem Jahr viele. Aber wie haben sich die Kurse danach entwickelt? Wir haben uns die IPOs genauer angesehen.

Mit Milliardenbewertung an die Börse: Der Otto-Ableger About You ging im Juni an die Börse
Mit Milliardenbewertung an die Börse: Der Otto-Ableger About You ging im Juni an die Börse

Top oder Flop? Aktienkurse schossen 2021 in Rekordhöhen, vor allem bei Tech-Werten gab es viele Ausreißer. Angefeuert vom Börsen-Hype, nachfragestarken Anlegern im Homeoffice und Apps von Neobrokern, wagten sich Startups an die Börse. Gründerszene macht den Check: Wie schlagen sich die Youngstars auf dem Parkett? Das ernüchternde Fazit: Wer investiert hätte, würde sich heute ärgern. Die Einnahmen aus den Börsengänge füllten vor allem die Kassen der Gründer und Investoren. Manche Aktie schmierte trotz anfänglicher Höhenflüge schnell ab.

„2021 war eines der stärksten Jahre für Börsengänge in Deutschland seit dem Neuen Markt zur Jahrtausendwende“, lobt Kirchhoff Consult in der jährlichen IPO-Studie. Allerdings crashte der zitierte Neue Markt als Börsensegment für deutsche Tech-Aktien Anfang der 2000er Jahre. Gründer von heute schreckt das nicht mehr: Allein die Frankfurter Börse erlebte in diesem Jahr bis Anfang Dezember knapp 20 IPOs mit einem Emissionsvolumen von insgesamt rund zehn Milliarden Euro. Darunter gingen mehrere Startups den Schritt, etwa Mister Spex, Bike24, die Veganz Group oder Auto1 – große Namen in der Startupszene. Was folgte, war oft eine Achterbahn-Fahrt der Kurse.

Reduzierte Ziele? Kommt nicht gut an der Börse

Beim Online-Optiker Mister Spex mussten Anleger rasch die rosarote Brille absetzen. Der Kurs hat sich vom Startpreis von 25 Euro seit Juni in etwa halbiert. Auf Anfrage von Gründerszene sieht Mister-Spex-Gründer und CEO Dirk Graber den Aktienkurs aber nicht als entscheidend für eine Firmenbewertung: „Insgesamt sind wir auch seit Börsenstart weiterhin stark gewachsen – im dritten Quartal gegenüber 2019 um 35 Prozent und um elf Prozent gegenüber 2020.“ Damit habe sich der Berliner Online-Optiker deutlich von Mitbewerbern abheben können.

Als Ursache für dennoch sinkende Kurse nennt der Brillen-Händer „verschärfte Einschränkungen und rückläufigen Frequenzen in den Einkaufsstraßen und Shoppingcentern im Zusammenhang mit der der Corona-Pandemie.“ Dadurch habe Mister Spex seine ambitionierten Ziele für 2021 nicht erreichen können. Graber: „Der Kapitalmarkt reagiert auf eine Reduzierung der Ziele entsprechend mit Kursabschlägen.“

Auch beim Fahrrad- und Zubehörhändler Bike24 mit Hauptsitz und Lager in Dresden läuft es börsentechnisch aktuell nicht rund. An die Frankfurter Börse gestartet im Juni, einen Tag nach Beginn der Tour de France, kletterte der Kurs zunächst steil nach oben. Danach ging es stark bergab. Inzwischen liegt der Bike24-Kurs zumindest wieder knapp über Einstandswert.

Mit viel medialem Gedröhne zog auch Auto1 an die Börse. Noch Anfang 2021 mit sieben Milliarden Euro bewertet, war der Gebrauchtwagenhändler zeitweise das wertvollste, nicht börsennotierte Startup Deutschlands. Auch wenn das Mehrfach-Einhorn neben der bekannten Marke Wirkaufendeinauto.de seine noch recht junge Handelsplattform Autohero stark pushte – der Kurs hat sich gegenüber dem Startpreis von 55 Euro seit dem IPO im Februar mehr als halbiert.

Die Aktie der Otto-Tochter About You, bereits vor Börsengang dank Milliarden-Bewertung mit Einhorn-Status, liegt derzeit nach einer Achterbahnfahrt unter Einstandkurs. Der Modehändler und Zalando-Konkurrent wird sich wohl im neuen Jahr strecken müssen, um den Kurs zu pushen. Alexander Birken, Chef der Otto-Group, zu dem About You gehört, versicherte kürzlich in der Wirtschaftswoche, er glaube an das „Riesenpotenzial“ des Fashion-Onlinehändlers.

Gewinne sind Mangelware

Doch nicht überall waren nur Minuszeichen zu finden. Die Aktie des veganen Food-Startups Veganz, das im November seinen IPO machte, liegt derzeit rund zehn Prozent im Plus. Die Kirchhoff-Analysten sehen die sinkenden Kurse im Herbst auch als allgemeinen Trend, ausgelöst durch besorgte Anleger vor einer erneuten Pandemiewelle. Bis Ende November lagen demnach nur vier von zwölf untersuchten Börsenneulinge im Plus bei einem Kursrückgang von durchschnittlich zehn Prozent.

Ebenfalls nicht immer erfolgreich war auch der Weg deutscher Startups über die amerikanische Technologie-Börse Nasdaq. Dorthin wagte sich im September das Flugtaxi-Startup Lilium über eine Mantelfirma (SPAC, Special Purpose Acquisition Company). Doch die Lilium-Aktie verlor seitdem rund ein Viertel ihres Einstandwertes. Liliums Münchner Konkurrent Volocopter zog den Zorn der Kleinanleger auf sich, als das Unternehmen Ende November seinen Spac-Börsengang an der Nasdaq absagte und damit zum Crowd-Flop wurde. Die Begründung – schlechteres Marktumfeld – untermauerte Volocopter unter anderem mit Liliums Börsen-Fehlstart.

Auch andere deutsche Startups bekamen vor ihrem Börsengang Muffensausen und sagten das Vorhaben ab – zumindest für 2021. Darunter die Sprachlern-Plattform Babbel oder Müsli-Hersteller MyMuesli.

Ist die Börse ungeeignet für Startups?

Sind Startups an der Börse also fehl am Platz? Nicht generell. Manchem Börsenneuling spielt die Corona-Pandemie in die Hände und sorgt für Kurssprünge. Im Plus lagen laut den Kirchhoff-Analysten „Corona-Gewinner mit digitalen Geschäftsmodellen.“ Wie etwa Europas größte Laborkette Synlab, deren Papier seit dem IPO im April ein Plus von 26 Prozent aufweist. Auch Aktien von Essenlieferanten bleiben Kursraketen: Erstanleger von Hellofresh, das 2017 an der Börse gestartet war, liegen immer noch mit 600 Prozent im Plus, die von Delivery Hero im gleichen Zeitraum mit gut 250 Prozent.

Für den Solarauto-Bauer Sono Motors wurde die Nasdaq sogar überlebenswichtig. Der Produzent des Solarautos Sion warnte vor dem Börsenstart an US-Tech-Börse Nasdaq laut Medienberichten vor einer Pleite bis Jahresende, sollte keine Finanzierung erfolgen. Der IPO brachte das Solarmobil-Startup in die Spur zurück: Die mit 15 Dollar platzierte Aktie verdreifachte sich zwischenzeitlich auf über 45 Dollar und hievte den Börsenwert von Sono Motors auf über 2,5 Milliarden Dollar.

Unabhängig von der weiteren Kurzentwicklung spülen Börsengänge den Unternehmen, aber auch Gründern und Investoren Geld in die Kassen. So nahmen die Auto1-Gründer Christian Bertermann und Gebrauchtwaren-Milliardär Hakan Koç 1,8 Milliarden Euro durch die Ausgabe von Aktien ein. Immerhin 375 Millionen Euro sammelte Mister Spex laut Handelsblatt an der Börse ein. Mister-Spex-CEO Dirk Graber resümiert zufrieden gegenüber Gründerszene: „Der Zeitpunkt für den Börsengang war für uns genau der richtige. Wir wollen weiter expandieren und die Erlöse aus dem IPO nutzen, um unsere ambitionierten Wachstumsziele umzusetzen. Der Ausbau unseres Store-Netzwerks sowie die Investitionen in die Logistik sind für uns entscheidend, um in die Breite skalieren zu können – und genau hierbei hat der Börsengang sehr geholfen.“ Laut Graber sorgte der IPO zudem für „eine sehr attraktive Wahrnehmung in der Öffentlichkeit“, bei Lieferanten und Kunden.

Und im kommenden Jahr? Das IPO-Jahr 2022 soll stärker werden, wenn man den Kirchhoff-Analysten glaubt. Sie erwarten „trotz Coronapandemie noch mehr Börsengänge“ mit mindestens 15 Firmenkandidaten, darunter Fintechs wie N26 und Solarisbank oder Online-Partnervermittler Parshipmeet. Grünes Licht für mehr Börsengänge kommt auch von der neuen Ampel-Koalition der Bundesregierung. Gerade Startups sollen bei IPOs unterstützt werden, heißt es im Koalitionsvertrag. Zuvor war eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zum Schluss gekommen, dass die Zahl deutscher Börsengänge von Startups trotz „innovativer Startup-Szene (…) eher gering“ ausfalle.

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