Aktien von Fluggesellschaften: kaufen oder verkaufen?

Lou Whiteman

Die Aktien der Fluggesellschaften sind durch das Coronavirus mächtig ins Schlingern geraten, wobei einige Aktien allein in den letzten zwei Wochen fast die Hälfte ihres Werts verloren haben. Und das nicht ohne Grund.

Wegen der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus ist die Nachfrage nach Reisen stark zurückgegangen. United Airlines Holdings (WKN: A0JC6V) sagte, dass die kurzfristige Nachfrage für Flüge nach ganz Asien um mehr als 75 % gesunken sei. Die Fluggesellschaften haben Flüge in die stark betroffenen Teile der Welt gestrichen, und einige, darunter United und JetBlue Airways (WKN: 541867), haben Pläne angekündigt, den Service in ihren gesamten Netzen zu reduzieren, bis die Nachfrage wieder zunimmt.

Aktien von Fluggesellschaften via YCharts

Der Luftfahrtsektor ist seit Langem stark zyklisch, und die Rückgänge waren für Investoren in der Regel jedes Mal schmerzhaft. Bekannte Namen wie Eastern Airlines, TWA, Braniff und PanAm haben während vergangener Rezessionen komplett die Segel gestrichen.

Über die letztendlichen Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft im Allgemeinen und die Fluggesellschaften im Besonderen ist noch nichts sicher, aber es scheint, dass die Probleme erheblich sein werden. Es ist keine sichere Zeit, um Airline-Aktien zu halten. Aber für diejenigen, die langfristig denken und Risiken ertragen können, ist dies der beste Zeitpunkt, um zu kaufen.

Problem ja, aber nicht für alle Zeiten

Die Wall Street neigt dazu, sich auf die Quartalsergebnisse zu konzentrieren, und es besteht wenig Zweifel daran, dass das Coronavirus die Finanzen der Fluggesellschaften zumindest in der ersten Hälfte des Jahres 2020 beeinflussen wird. Das könnte sich auch auf die zweite Jahreshälfte ausweiten. Während eines Fernsehauftritts sagte Gary Kelly, CEO von Southwest Airlines (WKN: 862837), dass der Nachfragerückgang an die Ereignisse nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erinnere.

In den vergangenen Jahren hätte das vielleicht für eine US-Fluggesellschaft das Aus bedeutet, und aufgrund der Reaktionen am Aktienmarkt belasten diese Aussichten die Anleger. Die Branche hat sich jedoch dramatisch verändert.

Eine Zeit der Umstrukturierung und Konsolidierung Anfang der 2000er-Jahre hat die Zahl der Fluggesellschaften verringert und die Bilanzen der Überlebenden gestärkt. Heute kontrollieren Delta Air Lines (WKN: A0MQV8), American Airlines Group (WKN: A1W97M), United und Southwest etwa 80 % des US-Marktes, was ihnen eine beispiellose Preismacht verleiht.

Das Coronavirus könnte auch zu anderen Verhaltensmustern führen, zum Beispiel zu mehr Telekonferenzen anstatt Geschäftsreisen. Es besteht auch das Risiko, dass diese Verlangsamung zu einer US-Rezession führt, die die Nachfrage nach Geschäftsreisen abschwächen könnte. Es deutet jedoch nichts darauf hin, dass es nicht danach zu einer Erholung kommen wird. Wenn die vergangenen Virenausbrüche ein Anhaltspunkt sind, werden Tourismus und Freizeitreisen möglicherweise schon in diesem Sommer wieder zunehmen, da die Nachfrage durch günstigere Preise leicht stimuliert werden kann.

Vor dem Ausbruch des Coronavirus hatte die International Air Transport Association prognostiziert, dass sich der weltweite Flugverkehr in den nächsten zwei Jahrzehnten verdoppeln werde. Die kurzfristigen Einnahmen werden aufgrund des Ausbruchs wahrscheinlich sinken, aber die langfristige Wachstumsprognose wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ändern. Und zum Glück für die Investoren haben alle großen Fluggesellschaften stabile Bilanzen, um eine kurzfristige Störung zu überstehen.

Fluggesellschaften geht es besser als je zuvor

In früheren Rezessionen scheiterten die Fluggesellschaften, weil massive Fixkosten an den Kauf von Flugzeugen gebunden sind. Die Konsolidierung hat da zu günstigeren Preisen geführt, und die Insolvenzen von Delta, American und United nach dem 11. September 2001 haben ebenfalls dazu beigetragen, die Kosten unter Kontrolle zu bringen.

Der Kursrückgang der American-Aktie war der dramatischste unter den großen Fluggesellschaften, da das Unternehmen mit 24 Milliarden USD an langfristigen Schulden die höchste Verschuldung in der Branche hat und daher als am anfälligsten für einen längeren Abschwung angesehen wird. Das Unternehmen ging in das Jahr 2020 mit der Hoffnung, durch die Gewinne diese Schulden in den nächsten zwei Jahren um bis zu 4 Milliarden USD zu tilgen, und das Coronavirus hat diesen Plan sicherlich erst einmal auf Eis gelegt.

Aber American und seine Konkurrenten sind weit davon entfernt, in eine Liquiditätskrise zu geraten. Das Unternehmen hat Anfang des Jahres erfolgreich mehr als 1 Milliarde USD aufgenommen und verfügt über erhebliche unbelastete Vermögenswerte, die man sich leihen kann, falls man in einer Notlage mehr Geld benötigt. Zum Jahresende verfügte das Unternehmen außerdem über insgesamt etwa 7,1 Milliarden USD an verfügbarer Liquidität im Rahmen der Kreditvereinbarungen.

Die Aktien von Spirit Airlines (WKN: A1CX36) sind fast so stark zurückgegangen wie American, was vielleicht nicht überrascht, wenn man bedenkt, dass sie mit einem Verhältnis zwischen Schulden und Vermögenswerten von 31 % die einzige US-Fluggesellschaft ist, die sich dem Wert von American von 40 % nähert. Die Aktien des Unternehmens wurden auch deshalb abgestraft, weil man davon ausging, dass es im Jahr 2020 eine der am schnellsten wachsenden Fluggesellschaften sein würde, und die Bewertung des Unternehmens vor dem Ausbruch spiegelte eine Wachstumsaussicht wider, die sich nun wahrscheinlich nicht mehr einstellen wird. Aber Spirit ist, wie American, mit mehr als 1 Milliarde USD in bar am Ende des Jahres nicht gerade eingeschränkt.

Die Branche hat zudem die Unterstützung Washingtons, wobei das Weiße Haus Berichten zufolge bereit ist, Steuerstundungen in Betracht zu ziehen, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Konjunkturabschwächung einzudämmen. Unterm Strich hat jede börsennotierte US-Fluggesellschaft also noch gute Aussichten vor sich.

Warren Buffett, der bekanntlich sagte, dass man als Anleger zuschlagen sollte, wenn andere Angst haben, hält gleich eine Reihe von Fluglinienaktien bei Berkshire Hathaway. Wir wissen noch nicht, was Buffett genau gekauft und verkauft hat, aber wir wissen, dass Berkshire Ende Februar seine bereits große Beteiligung an Delta noch einmal aufgestockt hat.

Auf lange Sicht kaufen

Investoren müssen verstehen, dass sich diese Situation noch verschlimmern könnte, bevor sie sich bessert. Die Branche hat weltweit allein im Februar mehr als 40 Milliarden USD an Marktkapitalisierung verloren, etwa ein Fünftel der gesamten Marktkapitalisierung, wie die britische Investmentfirma AJ Bell ermittelt hat. Diese Art von Rückgang wird von Emotionen und nicht von Daten getrieben, und bis das volle Ausmaß des Coronavirus-Crashs bekannt ist, könnte es für die Aktien der Fluggesellschaften weiter ungemütlich werden.

Dennoch sind die langfristigen Aussichten für die Branche heute nicht 20 % schlechter als Anfang Januar. Investoren, die heute einsteigen und die Probleme ertragen wollen, können starke Aktien wie die von Delta zum 6-Fachen der Gewinne kaufen. Vor etwas mehr als einem Jahr kostete die Aktie noch mehr als das Doppelte.

Aber Vorsicht bei der Schnäppchenjagd: Unternehmen wie American und Spirit sind am stärksten gefallen, weil ihre Kursgewinne unter dem Virus am meisten leiden und eine Besserung tatsächlich Jahre dauern könnte. Aber für diejenigen, die die Schlagzeilen ignorieren, sich langfristig aufstellen und bei ihren Käufen sehr gezielt vorgehen, könnte jetzt eine interessante Zeit sein, um Aktien von Fluggesellschaften zu kaufen.

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Lou Whiteman besitzt Aktien von Berkshire Hathaway, Delta Air Lines und Spirit Airlines. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Berkshire Hathaway, Delta Air Lines, Southwest Airlines und Spirit Airlines und empfiehlt Aktie von JetBlue Airways. Dieser Artikel erschien am 8.3.2020 auf Fool.com und wurde für unsere deutschen Leser übersetzt.

Motley Fool Deutschland 2020