AKTIE IM FOKUS: Netflix vorbörslich stark - Verliert weniger Nutzer als erwartet

NEW YORK (dpa-AFX) - Eine überraschend gute Entwicklung der Zuschauerzahlen hat die Anteilseigner von Netflix <US64110L1061> am Mittwoch versöhnlicher gestimmt. Die Titel des Streamingdienstes legten schon vorbörslich um über sechs Prozent auf rund 214 US-Dollar zu. Damit würden sie an die gute Entwicklung der vergangenen drei Handelstage anknüpfen und könnten den Widerstand um die 200 Dollar etwas deutlicher hinter sich lassen.

Seit Jahresbeginn steht auf Basis des Schlusskurses vom Vortag aber immer noch ein Kursrückgang um rund zwei Drittel zu Buche. Damit ist die Aktie einer der größten Verlierer im technologielastigen Auswahlindex Nasdaq 100 <US6311011026>, der im selben Zeitraum ein Viertel eingebüßt hat.

Dank Serienhits wie "Stranger Things" schnitt Netflix im zweiten Quartal nicht so schlecht wie befürchtet ab. Die Zahl der bezahlten Nutzerkonten ging zwar um 970 000 zurück, das Unternehmen selbst hatte aber mit einem Verlust von zwei Millionen Abos gerechnet.

Netflix tat sich jedoch gerade in seinen etablierten und von verschärfter Konkurrenz geprägten Märkten schwer. Die Titel des Unterhaltungsriesen Disney <US2546871060>, der mit Disney+ längst einen eigenen Streamingdienst aufgezogen hat, verteuerten sich vorbörslich um gut anderthalb Prozent. Amazon <US0231351067>, dessen Prime-Kunden den Streamingdienst des weltgrößten Onlinehändlers nutzen können, ist ein weiterer ernstzunehmender Netflix-Rivale, ebenso wie Home Box Office (HBO) mit seiner Streamingplattform Max.

Netflix habe insgesamt die sehr geringen Erwartungen übertroffen und bei der Konferenz zu den Zahlen zudem optimistischer geklungen als nach dem ersten Quartal, betonte Andrew Uerkwitz vom Analysehaus Jefferies. Allerdings habe der Umsatz unter dem starken US-Dollar gelitten und liege knapp unter der Konsensschätzung.

Der Ausblick auf das laufende Quartal bleibt verhalten: Netflix erwartet zwar mit rund einer Million neuen Nutzern wieder Wachstum, bleibt damit aber hinter den Erwartungen zurück. So hatte etwa Goldman-Experte Eric Sheridan mit einem Plus von 2,3 Millionen Nutzern gerechnet und John Hodulik von der Schweizer UBS immerhin mit 1,2 Millionen. Im Gegensatz zum vergangenen Quartal sei das aber immerhin ein Wachstum, wenngleich ein sehr bescheidenes, schrieb sein Kollege Doug Anmuth von der Bank JPMorgan.

Wichtiger seien zudem der besser als erwartet ausgefallene Jahresausblick für den Barmittelzufluss (FCF) und die Initiativen für eine günstigere Version des eigenen Streaming-Dienstes mit Werbeclips sowie die Verhinderung der Mehrfachnutzung von Accounts, so Anmuth weiter. Erfolge mit diesen beiden Initiativen hält auch Goldman-Experte Sheridan für entscheidend für eine langfristig wieder bessere Aktienkursentwicklung. Das Unternehmen werde weiter daran gemessen werden, ob es ihm gelinge, der zunehmenden Konkurrenz standzuhalten.

Netflix-Manager wichen in einem Videointerview Fragen dazu aus, wie hoch aus ihrer Sicht der Anteil der Nutzer in der günstigeren Variante mit Werbung werden könnte. Diese werde Zeit brauchen, um sich zu etablieren, glaubt UBS-Analyst Hodulik. Wegen der Wachstumsinitiativen und des gestiegenen Drucks durch den starken Dollar sowie Umbaumaßnahmen des Konzerns dürften zudem die operativen Margen bis ins kommende Jahr hinein stagnieren.

Netflix war jahrelang ein Liebling der Anleger. Die Aktien des Streaming-Vorreiters, die von der Corona-Pandemie zusätzlich beflügelt wurden, erreichten im November 2021 ein Rekordhoch von gut 700 Dollar. Gegen Ende vergangenen Jahres begann der Kurs dann im Zuge einer allgemeinen Schwäche der stark gestiegenen Techwerte zu bröckeln. Anfang 2022 brach der Netflix-Kurs nach einem enttäuschenden Abonnentenausblick regelrecht ein.

Im April folgte der nächste herbe Rückschlag: Für Netflix war das Auftaktquartal das erste Jahresviertel mit Kundenschwund seit mehr als zehn Jahren gewesen. Allein am 20. April büßte die Aktie denn auch mehr als ein Drittel ein. Ab Mai stabilisierte sie sich dann im Bereich zwischen 160 bis 200 Dollar, eine nachhaltige Erholung gelang bislang aber nicht.

Nach den Kursverlusten der vergangenen Monate bringt Netflix aktuell nur noch rund 90 Milliarden Dollar auf die Börsenwaage. In der Spitze waren es im November mehr 311 Milliarden.

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