AKTIE IM FOKUS: Absage an Zukauf erfreut die verunsicherten Brenntag-Aktionäre

FRANKFURT (dpa-AFX) -Eine abgeblasene Übernahme hat der Erholung der Aktien von Brenntag DE000A1DAHH0 neuen Schub gegeben. Die Papiere des Esseners Chemikalienhändlers schnellten bis zum Dienstagmittag um rund sechs Prozent auf 64,40 Euro in die Höhe und waren damit klar der beste Wert im Dax DE0008469008. Der deutsche Leitindex stieg zuletzt um gut ein Prozent.

Brenntag will den US-Rivalen Univar Solutions US91336L1070 nach öffentlicher Kritik eines seiner Aktionäre nun doch nicht mehr kaufen. Die Essener hatten erst Ende November bestätigt, an einer Übernahme interessiert zu sein. Das Unternehmen habe "beschlossen, diese Gespräche nicht fortzuführen", hieß es in einer Ein-Satz-Mitteilung am Vorabend.

Aktionär Primestone Capital hatte sich einen Monat nach dem Bekanntwerden öffentlich gegen die Pläne gestemmt. Seiner Meinung nach sollte sich Brenntag statt auf eine "risikoreiche" Übernahme vielmehr auf die Verbesserung des Kerngeschäfts konzentrieren. Hierzu forderte der Investor auch eine Aufspaltung des Unternehmens.

Damit machte sich unter den verunsicherten Brenntag-Anlegern jetzt Erleichterung breit. Von einem Händler hieß es, mit den abgeblasenen Plänen sei das Risiko einer Kapitalerhöhung vom Tisch, die Aktien seien zudem günstiger zu haben als die von Branchenrivalen.

Vor diesem Hintergrund werteten auch Analysten das Verwerfen der Übernahmepläne positiv. So sei das Chance-Risiko-Verhältnis der Aktien von Brenntag inzwischen attraktiv, urteilte der Experte Michael Schäfer vom Investmenthaus Oddo BHF.

Der Experte Thomas Wissler von Alsterresearch räumte ein, dass eine Übernahme rein aus der Branchenlogik heraus betrachtet durchaus sinnvoll sei und das bestehende Produktportfolio sowie die geografische Reichweite von Brenntag gut ergänzen würde. Ein Zusammenschluss beider Unternehmen würde die Möglichkeit bieten, das Wachstum anzukurbeln und die Kosten zu senken, indem Synergien in allen vertikalen Bereichen gehoben werden. Außerdem würde dies die Verhandlungsposition gegenüber großen Chemieunternehmen erheblich stärken. Letzteres könnte jedoch auch bedeuten, dass eine potenzielle Übernahme mit strengen und langwierigen kartellrechtlichen Prüfungen konfrontiert werden könnte, da die nationalen Regierungen sektorale Zusammenschlüsse genauer unter die Lupe nehmen dürften.

Analyst Rory McKenzie von der Schweizer Großbank UBS ergänzte, zu den Hauptbedenken gegen die Transaktion hätten neben einer Verwässerung des Eigenkapitals auch ein höherer Verschuldungsgrad gezählt. Da die erste Reaktion auf die potenzielle Übernahme Ende November sehr negativ gewesen sei, bringe die Kehrtwende eine Kaufgelegenheit mit sich.

Die Anteilsscheine von Brenntag waren nach der Bestätigung der vorläufigen Übernahmegespräche mit Univar Solutions überdurchschnittlich unter Druck geraten und Mitte Dezember bei knapp 55 Euro auf ein Zweimonatstief abgesackt. Danach begann eine Erholung, die sich am Dienstag nun deutlich beschleunigte. Vom Kurs unmittelbar vor Bekanntwerden der Übernahmepläne sind die Papiere aber noch rund 4 Euro entfernt.

Bereits im vergangenen Jahr hatten sich die Brenntag-Aktien unterdurchschnittlich entwickelt. Das Minus lag 2022 bei fast einem Viertel, der Dax gab nur mehr zwölf Prozent ab.

Aus charttechnischer Sicht hat sich das Bild derweil mit dem Kurssprung am Dienstag deutlich aufgehellt. Die Anteilsscheine übersprangen die 50-Tage-Durchschnittslinie, unter die sie nach Bekanntwerden der Übernahmepläne gefallen waren. Die Kurve ist ein Maß für den mittelfristigen Trend. Die nächste Widerstandszone ist jetzt der Bereich zwischen 65 und 66 Euro. Hier liegen einige markante Tiefs des Jahres 2022, zudem bewegt sich der viel beachtete 200-Tage-Durchschnitt aktuell in dieser Region.