AKTIE IM FOKUS 2: Wirecard-Anleger jubeln über Neuaufstellung des Vorstandes

(Neu: Xetra-Kursentwicklung, Analystenstimme von Oddo BHF, mehr historische Einordnung)

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Aktien von Wirecard <DE0007472060> haben am Montag mit einen Kurssprung auf einen bekannt gegebenen Vorstandsumbau reagiert. Anleger feierten die Tatsache, dass Konzernchef Markus Braun zumindest einen Teil seiner Macht abgeben muss und ein Compliance-Ressort gegründet wird, am Morgen mit einem Kurssprung um 7,4 Prozent auf 90,40 Euro. In der Spitze waren sie in den Anfangsminuten sogar bis auf 94,33 Euro vorgeprescht - ein Hoch seit Ende April. Bekannt gegeben worden waren die Maßnahmen am Freitagabend nach Börsenschluss.

Mit beschlossenen Umstrukturierungen sende der Zahlungsabwickler eine Botschaft für mehr Glaubwürdigkeit, hieß es in einem Kommentar des Analysehauses Oddo BHF. Braun muss zumindest einen Teil der Macht abgeben, nachdem Ende April eine mit Spannung erwartete Sonderprüfung der Bücher durch KPMG nicht alle Zweifel an den Geschäftspraktiken hatte ausräumen können. Er wird sich künftig auf die strategische Entwicklung fokussieren und zum Beispiel nicht mehr die Kapitalmarktkommunikation verantworten.

Damit und weiteren Umverteilungen von Verantwortungen reagiert Wirecard auf die nicht abreißende Kritik an der Art und Weise der Geschäftsführung. Oddo-Analyst Stephane Houri lobte vor allem die Bildung eines neuen Compliance-Ressorts: Der Lebenslauf des neuen Bereichsleiters James Fries sei beeindruckend, so der Experte. Wie schon länger ankündigt schafft der Konzern dieses Ressort, um die Einhaltung von Gesetzen und Regeln stärker zu überwachen. Es wird auf der Vorstandsebene aufgehängt.

Für Analystin Heike Pauls von der Commerzbank sind die Ankündigungen ein "game changer". Sie war ebenfalls voll des Lobes für die Besetzung im Compliance-Bereich. Die Ernennung von James James Freis zum Leiter des neuen Ressorts sei von hoher symbolischer Wichtigkeit. Auch sie lobte seinen "makellosen Lebenslauf", zu dem unter anderem die Compliance-Verantwortung von Freis bei der Deutschen Börse gehört.

Auch andere Analysten zeigten sich erfreut von den Beschlüssen. Analyst Knut Woller von der Baader Bank äußerte die Hoffnung, dass sich der Kapitalmarkt nun wieder auf den fundamentalen Wert des Geschäftsmodells fokussieren kann. Simon Bentlage von der Privatbank Hauck & Aufhäuser sah einen Schritt hin zur Wiedererlangung des Vertrauens. Derweil entschuldigte sich laut Konzernchef Braun laut Mitteilung vom Freitag bei allen "Aktionären, Kunden, Partnern und Mitarbeitern für die Turbulenzen der vergangenen Wochen und Monate".

Die Kursentwicklung von Wirecard drückt aus, dass bei Anlegern noch viel Vertrauen wieder zurück gewonnen werden muss. Die Aktie, die zwischen Anfang 2017 und September 2018 mit einer Rally von 40 auf knapp 200 Euro Furore machte und den Dax-Aufstieg schaffte, wird nun schon im zweiten Jahr von den Vorwürfen belastet. Als sie Anfang 2019 in der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" laut geworden waren, wurden die Aktien noch bei ungefähr 170 Euro gehandelt.

Erst am vergangenen Donnerstag hatten die Wirecard-Papiere ihr bisheriges Tief in Zeiten der anhaltenden Unruhen bei gut 80 Euro wieder angetestet, nachdem die Ergebnisse der KPMG-Untersuchung vorgelegt wurden. Noch etwas tiefer hatte die Aktie nur im März diesen Jahres gestanden. Knapp unter 80 Euro waren sie davor letztmals im November 2017 zu haben - einer Zeit, als die damalige Rally noch in den Kinderschuhen steckte.