Deutsche-Bank-Aktie rutscht unter 11 Euro – Was Investoren jetzt wissen müssen

Wann war der Aktienkurs zuletzt so niedrig wie im Moment?

Zuletzt notierte die Aktie im Herbst 2016 ähnlich niedrig, zeitweise kostete sie damals sogar nur 9,90 Euro. Auslöser dafür waren Forderungen des US-Justizministeriums, einen Streit um fragwürdige US-Hypotheken zu 14 Milliarden Dollar beizulegen. Erst Monate später einigte sich die Bank mit den Behörden auf eine Strafe, die bei etwa der Hälfte dieser Summe lag.

Ist die Lage so bedrohlich wie im Herbst 2016?

Nein. Im Herbst 2016 wurde die Bank mit enorm hohen Strafandrohungen aus den USA konfrontiert. Diese Summe hätte die Bank ohne Hilfe kaum aufbringen können. Damals kursierte die Angst, die Bank könne auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. So schlimm ist die Lage aktuell nicht. Die gefährlichsten Rechtsrisiken sind beseitigt und die Bank hat vor einem Jahr viel frisches Kapital bei Aktionären eingesammelt. Ein Blick auf die Kurse von Anleihen der Bank, die auf Pleite-Gefahren viel empfindlicher reagieren als Aktien, zeigt ebenfalls, dass die Lage nicht so existenziell bedrohlich ist, wie damals.

Warum geht es der Aktie der Deutschen Bank dann so schlecht?

Im Aktienkurs schlägt sich vor allem die Enttäuschung über die geringen Ertragsaussichten nieder. Vor kurzem erst hat der Finanzchef der Bank, James von Moltke, die Hoffnungen auf einen erfolgreichen Jahresstart gedämpft. Das ist deshalb so gravierend, weil das erste Quartal für Banken – insbesondere für Banken, die vom Kapitalmarktgeschäft so abhängig sind wie die Deutsche Bank – besonders wichtig ist.


Warum sinkt der Kurs gerade jetzt so tief?

Auslöser für die Kursverluste am Mittwoch dürfte die schwache Marktlage am Mittwoch gewesen sein. Neue schlechte Nachrichten aus dem Hause der Deutschen Bank gab es jedenfalls nicht – und die Deutsche Bank befand sich in guter Gesellschaft: Der deutsche Leitindex Dax lag ebenso im Minus, auch europäische Bankenindizes notierten unter dem Vortagesniveau. Die Aktie der Commerzbank rutschte sogar noch tiefer ins Minus als die Aktie der Deutschen Bank. Wenig hilfreich für Banken im Allgemeinen: Zuletzt sind die Zinsen am Kapitalmarkt wieder gesunken. Das schwächt das Kreditgeschäft von europäischen Banken.

Wie hat sich die Aktie in Relation zum Dax seit Jahresbeginn entwickelt?

Der Leitindex Dax hat seit Jahresbeginn rund acht Prozent verloren. Das Minus der Deutschen Bank liegt sogar bei rund 30 Prozent. Sie ist damit der mit großem Abstand schlechteste Dax-Wert. Am zweitschlechtesten hat sich die Commerzbank-Aktie entwickelt, die aber „nur“ knapp 20 Prozent ihres Werts einbüßte.

Was empfehlen Analysten?

Unter Analysten hat die Deutsche Bank derzeit nicht viele Fans. Von 33 Finanzprofis empfehlen gerade einmal fünf den Kauf der Aktie. Die übrigen 28 raten jeweils zur Hälfte den Verkauf beziehungsweise das Halten der Papiere, listet der Finanzdaten-Spezialist Bloomberg auf.

Wo liegen die Probleme der Deutschen Bank?

Das ist bei der Deutschen Bank fast schon eine Glaubensfrage. Unstrittig ist, dass der Umbau der Bank sehr langsam vorankommt – langsamer als auch die aktuelle Führungsmannschaft geglaubt hat. Das Kostenziel für dieses Jahr hat die Bank zum Beispiel längst kassiert. Viele Details, wie genau die Integration der Postbank gelingen soll, sind noch unbekannt. Es lässt sich zum Beispiel schwer abschätzen, ob die zwei Standorte, die für Postbank und das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank vorgesehen sind, nicht viel zu teuer sind. Auch im Investmentbanking liegt Vieles im Argen.


Wo liegen die Probleme der Investmentbank?

Zugegeben, viele Investmentbanken tun sich im Moment schwer damit, genug Geld in diesem Geschäft zu verdienen, insbesondere im Anleihehandel, in dem die Deutsche Bank stark ist. Als Ausrede reicht das nicht. Denn trotz der großen Kapitalerhöhung der Deutschen Bank vor einem Jahr gelingt es den hoch bezahlten Investmentbankern nicht, Marktanteile zurückzuerobern. Und genau das wurde den Aktionären versprochen. Damit sollte die Delle ausgebügelt werden, die die Existenzkrise vom Herbst 2016 verursacht hat. Mittlerweile ist die Skepsis groß, dass sich die Deutsche Bank nicht mehr vollständig von diesem Tiefschlag erholt.

Auch die Analysten von JP Morgan raten nun dazu, Teile des Investmentbankings in den USA zu schrumpfen. Das US-Geschäft verbrauche viel Eigenkapital – rund 20 Prozent des harten Kernkapitals – leide aber unter einer „hartnäckig geringen Profitabilität“, so das harte Urteil der Analysten Kian Abouhossein und Amit Ranjan. Aus ihrer Sicht wäre es riskant, einfach darauf zu hoffen, dass sich die Ertragsaussichten im Investmentbanking verbessern. Die Bank prüft mittlerweile auch unter dem Projektnamen Colombo Einschnitte im Investmentbanking.

Was bedeutet die Führungskrise der Bank?

Der mögliche Führungswechsel an der Spitze der Deutschen Bank wäre zumindest kurzfristig eine Hypothek für das Institut. Kommt ein „Neuer“ von außen, dann muss er sich erst einmal einarbeiten. Das kostet Zeit und könnte den Umbau der Bank verzögern. Solche Wechsel bringen auch Unruhe in ein Unternehmen, da niemand weiß, ob damit auch ein Strategiewechsel verbunden ist. Andererseits kann neues Führungspersonal auch neue Ideen mitbringen. Bei einer internen Lösung ist intern schneller klar, ob und was sich verändert – aber für frische Ideen und Veränderungen stehen bekannte Gesichter natürlich nicht.

Wie sieht die Bilanz von Vorstandschef John Cryan aus?



Cryans Bilanz ist durchwachsen. Einerseits hat er sich von vielen belasteten Managern getrennt, die internen Kontrollen gestärkt und das Verhältnis zu den Bankenaufsehern verbessert. Auch der angekündigte Börsengang der Fondstochter DWS ist geglückt, auch wenn die Aktienplatzierung kein rauschender Erfolg war. Auf der anderen Seite konnte Cryan das Versprechen, nun wieder Marktanteile zurückzuerobern, nicht einlösen. Auf der Ertragsseite steht die Bank schwächer da als erhofft. Das macht große Investoren sehr ungeduldig – was die Debatte um die mögliche Ablösung Cryans erklärt.