„Ein Akt der staatlichen Luftpiraterie“ – Ryanair-CEO vermutet KGB-Agenten an Bord

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Ryanair-CEO Michael O'Leary mitten in einer politischen Krise.
Ryanair-CEO Michael O'Leary mitten in einer politischen Krise.

Die irische Low-Cost Fluggesellschaft Ryanair geriet am Sonntag mitten in eine politische Krise, als Behörden der autoritär regierten Republik Belarus ein Ryanair-Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius zur Landung gebracht hatten. Dabei stieg auch ein Kampfjet vom Typ MiG-29 auf, wie das Militär in Minsk bestätigte. An Bord war nach Angaben des Menschenrechtszentrums Wesna auch der von Lukaschenko international gesuchte Journalist Roman Protassewitsch, der in Minsk festgenommen wurde.

An Bord der Ryanair-Maschine waren nach Ansicht von Unternehmenschef Michael O'Leary auch Agenten des Geheimdienstes KGB. „Es wirkt, dass es die Absicht der Behörden war, einen Journalisten und seine Reisebegleiterin (aus dem Flugzeug) zu entfernen“, sagte der Chef der irischen Billigfluglinie am Montag dem irischen Radiosender Newstalk. „Wir vermuten, dass auch einige KGB-Agenten am Flughafen (in Minsk) abgeladen wurden.“

O'Leary sagte, es handle sich um einen „Fall von staatlich unterstützter Entführung, (...) staatlich unterstützter Piraterie“.

https://twitter.com/RyanairPress/status/1396767221058359299

Ryanair verurteilte die „rechtswidrigen Handlungen der belarussischen Behörden“ als „Akt der Luftpiraterie“. „Dies wird jetzt von den EU-Sicherheitsbehörden und der Nato behandelt“, teilte das Unternehmen mit. Ryanair arbeite mit der EU und dem Verteidigungsbündnis zusammen. „Aus Sicherheitsgründen können wir keine weiteren Kommentare abgeben“, betonte die Airline.

EU-Politiker fordern die Freilassung von Protassewitsch

O'Leary lobte die Besatzung für ihren „phänomenalen Job“. Der Vorfall sei „sehr beängstigend“ gewesen, für Personal und Passagiere, die stundenlang von Bewaffneten festgehalten worden seien. Der irische Außenminister Simon Coveney forderte die EU zu einer „sehr deutlichen Antwort“ auf. Die Führung von Belarus besitze keine demokratische Legitimität und verhalte sich wie eine Diktatur, sagte Coveney dem Sender RTÉ.

Die EU verurteilte das Vorgehen geschlossen und forderte Protassewitschs Freilassung.

Auch einen Tag nach der international verurteilten Aktion gibt es zum Verbleib des festgenommenen Oppositionsaktivisten und Bloggers keine offiziellen Angaben. Mehrere Passagiere des Ryanair-Flugs bestätigten Medien in Litauen nach ihrer Landung die Festnahme des 26-Jährigen. Protassewitsch, der in seiner Heimat unter anderem wegen Anstiftung zu Protesten gegen Lukaschenko zur Fahndung ausgeschrieben war, hatte im Exil in Litauen gelebt. Ihm drohen in Belarus viele Jahre Haft.

„Wir sind sehr besorgt um unseren Sohn“, sagte sein Vater Dmitri Protassewitsch im Interview des Senders Radio Swoboda. „Leider wissen wir nicht, wo er ist und was mit ihm ist. Wir hoffen auf das Beste.“ Protassewitsch zeigte sich überzeugt, dass es sich um eine sorgfältig geplante Operation „wahrscheinlich nicht nur von den Geheimdiensten von Belarus“ handelte. Russland ist enger Verbündeter von Belarus - und sicherte dem Nachbarn einmal mehr volle Unterstützung zu.

Der Journalist Roman Protassewitsch war in Belarus zur Fahndung ausgeschrieben.
Der Journalist Roman Protassewitsch war in Belarus zur Fahndung ausgeschrieben.

Protassewitsch war nach Angaben seines Vaters auf der Rückreise von einem Griechenland-Urlaub in die litauische Hauptstadt Vilnius gewesen, als Lukaschenko das Flugzeug zur Landung zwingen ließ. Dmitri Protassewitsch sprach von einem „Terrorakt“. „Die Operation hatte ein großes Ausmaß, um auf die gesamte internationale Gemeinschaft zu spucken und auf deren Meinung“, sagte Protassewitsch.

Frankreich fordert Durchflugverbot über Belarus

Erste Fluggesellschaften meiden nach der erzwungenen Landung des Ryanair-Fluges in Minsk den belarussischen Luftraum. Das meldete der Nachrichtensender „n-tv“. So teilte die Fluggesellschaft Air Baltic mit, nicht mehr in den belarussischen Luftraum eintreten zu wollen, bis die Situation klarer werde und die Behörden eine Entscheidung getroffen haben. Auch die ungarische Gesellschaft Wizz Air umfliege den belarussischen Luftraum bereits.

Andere Fluggesellschaften haben sich dem bisher nicht angeschlossen. So wolle die Lufthansa ihre Flüge vorerst nicht umleiten. Das habe eine Sprecherin der Airline der Nachrichtenagentur AFP mitgeteilt. Ein Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Minsk sei am Montag planmäßig gestartet.

Frankreich fordert hingegen ein generelles Durchflugverbot für den Luftraum über Belarus. Europa-Staatssekretär Clément Beaune hatte das im Interview mit RMC ins Gespräch gebracht. Es handele sich dabei um eine angemessene Schutz- und Sanktionsmaßnahme. Jeder Überflug bedeute Luftsteuereinnahmen für Belarus, die auf diese Weise wegfallen würden. Die Maßnahme solle so schnell wie möglich geprüft werden, so Beaune.

Auch Litauen und Lettland fordern, dass internationale Flüge den belarussischen Luftraum meiden sollen, so „n-tv“ weiter. Der lettische Außenminister Edgars Rinkevics habe auch ein Landeverbot für Flüge von belarussischen Fluglinien ins Spiel gebracht. Bisher sei auch hier aber noch keine offizielle Entscheidung getroffen worden.

mit Material von dpa /sb, mo

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