Akanji: Ich weiß, was Hummels sagen will, aber ...

Patrick Berger
·Lesedauer: 9 Min.

Manuel Akanji hat den BVB vorige Woche gegen Wolfsburg (2:0) zum ersten Sieg im neuen Jahr geköpft.

Mit der Borussia geht der 25 Jahre alte Abwehr-Star nun in die "Wochen der Wahrheit". Am Samstagabend gastieren Akanji und Co. im Topspiel bei RB Leipzig (Bundesliga: RB Leipzig - Borussia Dortmund, Sa., ab 18.30 Uhr im LIVETICKER).

Im SPORT1-Interview spricht der Schweizer Nationalspieler, der in Dortmund noch einen Vertrag bis 2022 hat, über seine Leistungsexplosion, Ex-Trainer Lucien Favre, die klaren Worte von Mats Hummels und Kritik an seiner Person. Außerdem verrät er, was Jadon Sancho mit seinem Sohn zu tun hat und wieso ihn der Sturm von Trump-Anhängern auf das Kapitol so nachdenklich macht.

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SPORT1: Herr Akanji, Sie avancieren allmählich zum Torjäger. Beim 2:0-Sieg letzte Woche gegen Wolfsburg haben sie das 1:0 geköpft, Ende Oktober haben Sie im Derby beim 3:0 gegen Schalke getroffen. Wie kommt das?

Manuel Akanji: Gegen Schalke stand ich einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Seither habe ich aber das Gefühl, dass ich in einem Flow bin. Stürmer können das vielleicht besser erklären. Momentan scheine ich aber zu spüren oder wissen, wo ich stehen soll, wenn der Ball kommt. Ich habe mehr Vertrauen und oft den richtigen Instinkt. Es gab sogar weitere Möglichkeiten, in denen ich hätte treffen können. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

Akanji: BVB kann sich keine Punktverluste mehr leisten

SPORT1: Bis zu Ihrem 16. Lebensjahr waren Sie Stürmer, wurden dann zum Abwehrspieler umgeschult. Hilft Ihnen die Vergangenheit als Angreifer jetzt?

Akanji: Ich wurde mit den Jahren immer weiter nach hinten geschoben. Das lag auch daran, dass ich erst spät gewachsen bin und mit der Zeit nicht mehr so als Stürmer geeignet war. Erst wurde ich zum Außenverteidiger, letztlich zum Innenverteidiger. Im Training mache ich aber bis heute noch gerne Abschlussübungen mit den Offensivspielern. Ich glaube schon, dass mir das hilft.

SPORT1: Im Januar warten fünf Ligaspiele auf den BVB, drei davon sind gegen die Top-Teams Leipzig, Leverkusen und Gladbach. Werden jetzt die Wochen der Wahrheit eingeläutet?

Akanji: Ja, das kann man so sagen, zumal diese drei Spiele alle auswärts stattfinden. Wir haben in der Hinrunde zu viele Punkte liegen lassen. Das können wir uns ab sofort, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, nicht mehr leisten. Wir wollen jetzt gegen die direkten Konkurrenzen zeigen, dass wir Borussia Dortmund sind und was in uns steckt!

Akanji: "Wir haben Haalands Ausfall brutal gemerkt"

SPORT1: Der Rückstand auf Bayern beträgt acht Punkte. Erklären Sie uns bitte: Was läuft in dieser Saison wirklich falsch?

Akanji: Ich habe vor unserem Interview viel über genau diese Frage nachgedacht. Läuft denn wirklich so viel falsch? Bis zum Köln-Spiel lief eigentlich sogar recht viel gut. Uns wurde ein Reifeprozess attestiert, wir schienen stabiler. Dann verlieren wir zuhause mit 1:2, durch zwei Standard-Tore. Das war ein Spiel, das man so nicht oft verliert. Dann hat sich auch noch Erling Haaland verletzt. Wir haben seinen Ausfall brutal gemerkt. Insgesamt haben wir auch dumme Gegentore in der Defensive kassiert. Das Stuttgart-Spiel war letztlich entscheidend. Ich weiß nicht, wann ich davor mal - Spiele gegen Bayern ausgenommen - so hoch verloren habe. 1:5, das war einfach zu viel. Stuttgart war wie ein Systemausfall unsererseits. Wir haben danach einen neuen Trainer und damit neuen Input gekriegt. Wir sind unter Edin Terzic insgesamt auf einem guten Weg.

SPORT1: Hat man sich letztlich zu spät von Lucien Favre getrennt?

Akanji: Das glaube ich nicht. Er hat hervorragende Arbeit abgeliefert. Wir sind zwei Mal unter ihm Zweiter geworden. Er hat mir persönlich viel geholfen und mir viel Spielzeit gegeben, dafür bin ich dankbar. Die Entscheidung war sicher nicht einfach für den Vorstand. Der Nachfolger stand mit Edin aber, glaube ich, schon länger fest. Er war die naheliegendste Lösung.

Terzic hat den BVB-Spielaufbau verändert

SPORT1: Warum?

Akanji: Er war ja schon über zwei Jahre bei der Mannschaft und weiß ganz genau, wie wir ticken. Als Assistenztrainer war er noch näher an der Mannschaft als der Trainer. Als Spieler gehst du vielleicht eher mal zum Assistenztrainer statt zum Trainer direkt. Außerdem ist er ein emotionaler Typ mit einem großen taktischen Verständnis. Das hilft ihm. Bisher macht er das sehr gut.

SPORT: Was macht Terzic denn anders als Favre?

Akanji: Ich will keine Vergleiche ziehen. Einfach: Er gibt uns viele Dinge mit. Im Spielaufbau haben wir uns verändert, wie wir den Gegner anlaufen. Ich will auch nicht zu viel verraten, ein gewisser Überraschungseffekt kann uns guttun.

SPORT1: Wie erklären Sie sich die vielen Leistungseinbrüche in dieser Saison? Liegt es an der fehlenden Einstellung?

Akanji: Die Willensfrage möchte ich nicht stellen. Wenn ich vor dem Spiel in die Augen meiner Mitspieler schaue, sehe ich die volle Motivation. Im Spiel klappt es dann aber öfter nicht. Natürlich haben wir auch taktische Fehler gemacht, und die Belastung mit den vielen Spielen innerhalb kürzester Zeit ist höher als in Jahren ohne Pandemie. Das soll aber keine Ausrede sein. Was immer gleich ist: Jeder möchte gegen Dortmund unbedingt punkten. So geht es auch den Bayern. Aber sie sind in dem Punkt einfach eine Spur besser, nämlich konstanter - und das über Jahre hinweg.

Akanji gibt Hummels nur zum Teil recht

SPORT1: Mats Hummels hat die Mannschaft zuletzt arg kritisiert. Er sprach von fehlender Zielstrebigkeit und sagte: "Wir schäumen vor Talent. Aber wenn Gegner uns mit Härte begegnen, haben wir noch zu oft Probleme." Geben Sie ihm recht?

Akanji: Teils ja, teils nein. Ich weiß, was er sagen will. Wir haben aber jede Woche Gegner, die uns mit großer Härte begegnen. Schauen Sie sich Wolfsburg an, wie die gegen uns gekämpft haben. Und wir? Haben dagegengehalten. Darum geht es: das in jedem Spiel zu schaffen, die alten genauso wie die jüngeren Spieler, die technisch guten genauso wie die, die eher über die Arbeit kommen.

SPORT1: Am Samstag spielen Sie mit dem BVB in Leipzig. Ist dieses Spiel doppelt wichtig? Schließlich geht es darum, den Ruf in Deutschland als Nummer 2 hinter Bayern zu halten.

Akanji: Ehrlich gesagt finde ich noch nicht, dass Leipzig das Recht hat, den Platz als zweite Kraft hinter Bayern in Anspruch zu nehmen. Ich habe in meinen fast drei Jahren mit Dortmund noch nie gegen Leipzig verloren. Wir haben über Jahre hinweg bewiesen, dass wir hinter Bayern die Nummer zwei sind. Das wollen wir am Wochenende mit einem Sieg untermauern. (Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: In der vergangenen Saison war Ihr Spiel von Fehlern behaftet. Es macht den Eindruck, als haben Sie sich wieder gefangen. Wie schütteln Sie Patzer ab?

Akanji: Ich finde nicht, dass ich eine ganz und gar schlechte Saison gespielt habe. In der Hinrunde waren einige Spiele von mir sicherlich nicht so gut. Ich bin sehr selbstkritisch mit mir umgegangen. In der Rückrunde habe ich, wie ich finde, bessere und konstant gute Leistungen gezeigt. Aus den schlechten Spielen habe ich gelernt. Ich analysiere jeden einzelnen Fehler und versuche sie abzustellen.

Akanji: "Einen Karriereplan habe ich nicht"

SPORT1: Was macht Kritik mit Ihnen?

Akanji: Es kommt immer drauf an, ob und wie konstruktiv sie ist. Kritik ist nicht gleich Kritik. Wichtig ist vor allem, wie diese rübergebracht wird. Wenn man mir gleich auch Lösungsansätze liefert, dann finde ich Kritik sogar sehr gut. Einfach nur draufzuhauen, ist mir aber zu einfach.

SPORT1: Ihr Vertrag beim BVB läuft 2022 aus. Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Akanji: Im Fußball kann sich jeden Tag etwas ändern. Einen Karriereplan habe ich deshalb nicht. Ich lebe mehr im Hier und Jetzt und bin aktuell in Dortmund sehr zufrieden. Ich will in dieser Saison weiterhin viel spielen und dem Team helfen.

SPORT1: Ist es möglich, dass Sie in Dortmund verlängern?

Akanji: Das werden wir zu gegebenem Zeitpunkt sehen. Wir werden sicherlich bald Rücksprache halten und schauen, wie es weitergeht.

Akanji fragt Sancho wegen seines Sohnes um Erlaubnis

SPORT1: Eine private Frage: Sie sind im Sommer erstmals Papa geworden. Inwiefern hat Sie das verändert?

Akanji: Wenn ich vom Training oder von Spielen nach Hause komme, schalte ich mittlerweile total ab. Ich grüble nicht mehr nach. Ich schaue in die Augen meines Sohnes und vergesse sofort alles drumherum. Der Kleine lenkt einen richtig ab. Ich genieße die Zeit mit ihm und meiner Frau sehr. Er hat mich schon verändert.

SPORT1: Ihr Sohn Aayden heißt mit zweitem Namen Malik. So wie Jadon Malik Sancho. Gibt es einen Zusammenhang?

Akanji: Er heißt mit ganzem Namen Aayden Malik Adebayo Akanji. Jadon spielt dabei sogar tatsächlich eine Rolle. Ich habe ihn vor der Geburt gefragt, ob es okay ist, wenn ich meinen Sohn so taufe. Obafemi, mein zweiter Vorname, heißt im Afrikanischen so viel wie "vom König geliebt". Malik kommt aus dem Arabischen und bedeutet König. Ich fand diesen Zusammenhang schön. Also habe ich Jadon vor einem Jahr im Trainingslager in Marbella im Winter gefragt, ob das okay ist.

SPORT1: Und?

Akanji: Für ihn war das sehr cool. Er nennt ihn nur noch Malik (lacht).

Akanji: "Die Spaltung der USA ist beängstigend"

SPORT1: Sie verstehen sich gut mit Jadon Sancho. Glauben Sie, dass sein Knoten gegen Wolfsburg geplatzt ist?

Akanji: Wir sind tatsächlich sehr gute Freunde und telefonieren fast täglich miteinander. Ich hoffe sehr, dass sein Knoten nun endgültig geplatzt ist. Die beiden Scorerpunkte haben ihm jedenfalls gutgetan, das weiß ich aus unseren Gesprächen. Wir alle wissen, welche enorme Qualitäten er hat. Wenn er das beibehält, wird es für die Verteidiger wieder richtig unangenehm.

SPORT1: Ihre Schwester Sarah ist als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei im Zürcher Kantonsrat. Sie kämpft vor allem um die Gleichberechtigung der Frau, Sie setzen sich im Kampf gegen Rassismus ein. Woher rührt Ihre politische Ader?

Akanji: Das hat sicher auch etwas mit unseren afrikanischen Wurzeln zu tun. Wir haben in unserer Familie schon früh gelernt, dass wir uns für Sachen einsetzen, die wir für richtig und wichtig halten. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir das tun. Das werden wir beibehalten.

SPORT1: Anhänger von Donald Trump haben jüngst das Kapitol in Washington gestürmt. Bei den Auseinandersetzungen gab es fünf Tote. Haben Sie Sorge mit Blick auf das, was aktuell da draußen los ist?

Akanji: Ja, das habe ich. Es ist unglaublich, wie weit solche Extremisten im Zeitalter der Demokratie überhaupt gekommen sind. Als Halb-Afrikaner frage ich mich außerdem, was passiert wäre, wenn "der Schwarze" über den Zaun geklettert wäre und das Kapitol gestürmt hätte. Das möchte ich mir gar nicht ausmalen. Es wurden in der Vergangenheit Menschen in den USA schließlich schon für viel weniger erschossen oder Opfer von polizeilicher Gewalt. Das bringt einen schon zum Nachdenken. Das Land ist, wie unsere Gesellschaft in dieser Hinsicht auch, tief gespalten. Das ist beängstigend.

SPORT1: Was wünschen Sie sich privat und sportlich für das Jahr 2021?

Akanji: Gesundheit. Das steht an oberster Stelle. Die sportlichen Wünsche behalte ich mal für mich. Am Ende können wir ja schauen, ob sie in Erfüllung gegangen sind.