AIG will mit Cyber-Geschäft in Europa expandieren


Für viele Firmen war der Computervirus „Wanna-Cry“, der im Mai weltweit 200.000 Rechner infiziert hatte, ein Alptraum. Der US-Versicherer AIG sieht ihn jedoch als Beschleuniger für seine Expansion nach Europa und vor allem Deutschland: Denn immer mehr Unternehmen sind an Versicherungen gegen Cyberangriffe interessiert. Der US-Konzern will durch solche Policen sein bisher kleines Europa-Geschäft deutlich ausbauen. „In Deutschland liegt unser Marktanteil um rund ein Prozent. Es gibt also Platz für Wachstum“, sagte AIG-Mitteleuropa-Chef Alexander Nagler dem Handelsblatt. Als eher kleinerer Anbieter in Deutschland könne AIG schneller auf neue Nachfrage reagieren, so Nagler. Gleichzeitig habe man aber die Finanzkraft eines globalen Versicherers hinter sich.

Nach Expertenschätzungen beläuft sich der jährliche Schaden durch Cyberangriffe weltweit auf rund 445 Milliarden US-Dollar. Allein in Deutschland entstehen dadurch Kosten von knapp 60 Milliarden Dollar. Nur ein Bruchteil der deutschen Firmen ist bisher aber gegen Cyberrisiken versichert. Experten sagen ein immenses Wachstum für Versicherungspolicen gegen Angriffe aus dem Netz voraus. AIG will daran teilhaben.


Im Bereich Cybersecurity besitze AIG deutlich mehr Erfahrung als die europäische Konkurrenz, sagte AIG-Vize Peter Solmssen gegenüber dem Handelsblatt. „In den USA versichern wir seit 1999 Cyberrisiken. Für den deutschen Markt ist Cyber erst seit zwei Jahren ein größeres Thema.“ Tatsächlich ist der europäische Markt bisher klein. Allianz-Vorstand Axel Theis bezifferte das Prämienvolumen zuletzt auf rund 200 Millionen Euro.

Die selbstbewussten Töne der Amerikaner können indes nicht davon ablenken, dass AIG selbst turbulente Monate hinter sich hat. Nach einem überraschenden Verlust von über drei Milliarden Dollar im letzten Quartal 2016 verlangte Großaktionär und Finanzinvestor Carl Icahn die Zerschlagung des Konzerns. Als Konsequenz des Streits musste der damalige Vorstandschef Peter Hancock schließlich gehen. Der US-Großinvestor Warren Buffett half mit einer Kapitalspritze, indem er für zehn Milliarden Dollar dem Konzern Risiken für 20 Milliarden Dollar abkaufte.

KONTEXT

Große Hacker-Angriffe der vergangenen Jahre

Yahoo

Es ist der wahrscheinlich größte Datendiebstahl bei einem einzigen Unternehmen bislang: Mindestens eine halbe Milliarde Nutzer des US-Internetkonzerns Yahoo sind Opfer eines Hackerangriffs geworden. Die Kriminellen erbeuteten E-Mail-Adressen, Geburtsdaten, Telefonnummern, Passwörter und auch unverschlüsselte Sicherheitsfragen, wie Yahoo am Donnerstag mitteilte. Der Angriff ereignete sich schon Ende 2014, im August 2016 wurden 200 Millionen Daten im Netz zum Kauf angeboten - für umgerechnet 1700 Euro.

Ebay

Bei der im Mai 2014 bekanntgewordenen Attacke verschafften sich die Hacker Zugang zu Daten von rund 145 Millionen Kunden, darunter E-Mail- und Wohnadressen sowie Login-Informationen. Die Handelsplattform leitete einen groß angelegten Passwort-Wechsel ein.

Target

Ein Hack der Kassensysteme des US-Supermarkt-Betreibers machte Kreditkarten-Daten von 110 Millionen Kunden zur Beute. Die Angreifer konnten sich einige Zeit unbemerkt im Netz bewegen, die Verkäufe von Target sackten nach Bekanntgabe im Dezember 2013 ab, weil Kunden die Läden mieden.

Home Depot

Beim Angriff auf die amerikanische Baumarkt-Kette gelangten Kreditkarten-Daten von 56 Millionen Kunden in die Hände unbekannter Hacker, wie im September 2014 mitgeteilt wurde. Später räumte Home Depot ein, dass auch über 50 Millionen E-Mail-Adressen betroffen waren.

JP Morgan

Die Hacker erbeuteten bei der im August 2014 bekanntgewordenen Attacke auf die US-Großbank die E-Mail- und Postadressen von 76 Millionen Haushalten und sieben Millionen Unternehmen.

Sony Pictures

Ein Angriff, hinter dem Hacker aus Nordkorea vermutet wurden, legte für Wochen das gesamte Computernetz des Filmstudios lahm. Zudem wurde die E-Mail-Korrespondenz aus mehreren Jahren erbeutet. Die Veröffentlichung vertraulicher Nachrichten sorgte für höchst unangenehme Momente für mehrere Hollywood-Player.

Ashley Madison

Eine Hacker-Gruppe stahl im Juli 2015 Daten von rund 37 Millionen Kunden des Dating-Portals. Da Ashley Madison den Nutzern besondere Vertraulichkeit beim Fremdgehen versprach, waren die Enthüllungen für viele Kunden schockierend.

V-Tech

Der Spezialist für Lernspielzeug räumte den Hacker-Angriff im November 2015 ein. Später wurde bekannt, dass fast 6,4 Millionen Kinder-Profile mit Namen und Geburtsdatum betroffen waren, davon gut 500.000 in Deutschland.