Wir sind jetzt acht Milliarden Menschen, doch die Weltbevölkerung wird bald schrumpfen – die wichtigsten Fakten zur Trendumkehr

Noch wächst die Zahl der Menschen auf der Erde. Doch die Weltbevölkerung erreicht bald ihren Höhepunkt und wird dann rasch schrumpfen. - Copyright: Picture Alliance
Noch wächst die Zahl der Menschen auf der Erde. Doch die Weltbevölkerung erreicht bald ihren Höhepunkt und wird dann rasch schrumpfen. - Copyright: Picture Alliance

Die Weltbevölkerung passiert wieder einen Meilenstein: In diesen Tagen übersteigt die Zahl der Menschen auf der Erde acht Milliarden. Auf den Tag lässt sich das natürlich nicht sagen, aber die Vereinten Nationen haben den 15. November dafür festgelegt. Erst Mitte der 70er Jahre hatte die UN den vier milliardsten Menschen begrüßt. In nur zwei Generationen hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt.

Das rasante Wachstum hat seinen positiven Grund im weltweit wachsenden Wohlstand: Verbesserungen bei Ernährung, Medizin und Hygiene lassen die Lebenswartung steigen. Das Wachstum birgt aber auch große Risiken für Umwelt und Klima und damit für den Lebensraum der Menschen.

Von einer Bevölkerungsexplosion kann allerdings längst keine Rede mehr sein. Die Weltbevölkerung wächst noch, aber immer langsamer. Noch in diesem Jahrhundert wird die Zahl der Menschen ihren Höhepunkt erreichen und dann schnell abnehmen. Auch das liegt wieder am Wohlstand. Mit ihm sinken weltweit die Geburtenraten – und zwar ebenfalls rasch.

Wie die wachsende Bevölkerung bedeutet auch eine schrumpfende und alternde Weltbevölkerung große Herausforderung. Was Umwelt und Klima helfen kann, wird Gesellschaften schwierige Veränderungen abverlangen. Die Gewichte auf der Welt verschieben sich. Das gilt besonders geografisch und für das Verhältnis zwischen Jungen und Alten.

Wir haben die wichtigsten Zahlen, Entwicklungen und Veränderungen zusammengestellt.

Wie entwickelt sich die Weltbevölkerung aktuell?

Die Weltbevölkerung wächst noch gar nicht so lange, so schnell. Das starke Wachstum hat erst mit der industriellen Revolution ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert begonnen, die Bevölkerungsexplosion erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die grüne Revolution mit besserer Düngung und Pflanzenschutz die Basis dafür schuf, mehr Menschen zu ernähren.

Lange schien es, als würde der Anstieg immer steiler. Doch seit einiger Zeit nimmt das Tempo des Bevölkerungswachstums ab, die Kurve wird flacher. Ihr Scheitelpunkt ist in Sicht.

Grafik-Diagramm Nr. 104904, Format 90 x 90 mm, "Entwicklung der Weltbevölkerung und Prognose"; Grafik: A. Brühl, Redaktion: J. Schneider - Copyright: Grafik: A. Brühl, Redaktion: J. Schneider
Grafik-Diagramm Nr. 104904, Format 90 x 90 mm, "Entwicklung der Weltbevölkerung und Prognose"; Grafik: A. Brühl, Redaktion: J. Schneider - Copyright: Grafik: A. Brühl, Redaktion: J. Schneider

Wie lange wächst die Weltbevölkerung noch? Wann beginn sie zu schrumpfen?

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung noch etwa bis zum Ende des Jahrhunderts wächst. Bereits 2037 würden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. In den 2080er Jahren komme das Wachstum zum Stillstand. Auf dem Höhepunkt gebe es 10,4 Milliarden Menschen.

Der weltweit angesehene Bevölkerungswissenschaftler Wolfgang Lutz geht davon aus, dass das Wachstum früher endet. In seinem Basisszenario, dem sein Team die höchste Wahrscheinlichkeit zumisst, wächst die Menschheit noch bis 2070 und erreicht ihre Maximalzahl mit 9,8 Milliarden Menschen. In seiner Minimalprognose könnte die höchste Zahl der Menschen bereits 2055 mit 8,7 Milliarden erreicht werden. Dies wäre eine Generation früher als von der UN erwartet.

Bei allen Unterschieden bleibt die Einschätzung gleich: Das Ende des Bevölkerungswachstums ist in Sicht.

Wie schnell wird die Bevölkerung schrumpfen?

Die wichtigsten Faktoren sind Geburtenrate, Kindersterblichkeit und Lebenserwartung im Alter. Pendelt sich Geburtenrate weltweit auf dem Niveau von 1,5 Geburten je Frau ein wie derzeit in Europa und steigt die mittlere Lebenserwartung auf rund 100 Jahre, nimmt die Weltbevölkerung so rasant wieder ab, wie sie gestiegen ist. In diesem Szenario ist es laut Lutz wahrscheinlich, dass im Jahr 2200 nur noch zwei bis vier Milliarden Menschen auf der Erde leben.

Was bremst das Wachstum der Weltbevölkerung?

Seuchen (wie Corona), Naturkatastrophen oder Kriege hatten bisher stets nur kurze Einschnitte im langfristigen Wachstum der Weltbevölkerung zur Folge. Der Grund für die nachhaltige Trendumkehr ist ein anderer: die schnell abnehmende Geburtenrate, mittlerweile in den meisten Ländern der Welt. Um eine Bevölkerung stabil zu halten, müsste die Geburtenrate bei rund 2,1 Kindern je Frau liegen. In Europa beträgt sie 1,53. Als wichtigste Gründe dafür, dass weniger Kinder geboren werden, gelten Zugang zu Bildung und Wohlstand.

In mehr als 50 Prozent aller Länder auf der Welt ist die Geburtenrate mittlerweile unter das Niveau gefallen, bei dem die Bevölkerung stabil bleiben würde, schrieb der britische Ökonom Ian Goldin in der Financial Times. Erstaunlich sei, dass die Geburtenraten in nur einer Generation weltweit so stark gefallen seien – und zwar in wirtschaftlich, religiös und kulturell so unterschiedlichen Länder wie Irland und dem Iran, den USA und Südkorea, Ungarn und Japan oder Brasilien.

Wie verändert sich die Bevölkerung nach Regionen?

China ist das bevölkerungsreichste Land der Welt. Doch so klar ist das gar nicht mehr. Spätestens 2023 wird Indien China ablösen. Vielleicht leben in Indien sogar jetzt schon mehr Menschen als in China. Nach den gängigen Schätzungen sind es in beiden Ländern etwas mehr als 1,4 Milliarden Menschen.

Unter den vier großen Wirtschafts- und Machtzentren der Welt, ist Indien laut Ökonomen der Deutschen Bank derzeit die einzige Region, in der die Bevölkerung wächst. In China und Europa nimmt sie bereits ab, in Nordamerika ist sie annähernd stabil.

China hat als Folge seiner zeitweisen strikten Ein-Kind-Politik eine besonders niedrige Geburtenrate. Experten erwarten, dass sich die Bevölkerung in China bis zum Jahr 2100 fast halbieren wird. Doch auch in Europa ist die Halbierung angesichts niedriger Geburtenrate absehbar.

Am stärksten wächst die Bevölkerung derzeit in Afrika. Seit diesem Jahr leben auf dem Kontinent erstmals mehr Menschen als in China und Indien zusammen. Schon im Jahr 2100 dürften in Afrika dann fünfmal so viele Menschen leben wie in China und etwas zweieinhalbmal so viele wie in Indien. "Mehr als die Hälfte des vorhergesagten Bevölkerungswachstums entfalle auf nur acht Länder", schreibt Goldin.

Was bedeutet eine schrumpfende Weltbevölkerung für die Gesellschaften?

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Erstmals in der Geschichte der Menschheit gibt es laut Goldin aktuell mehr Menschen über 65 als unter fünf Jahren. In Europa und Japan gibt es sogar mehr Menschen im Ruhestand als Kinder insgesamt. Die Zahl solcher Länder nimmt in jedem Jahr zu.

In den 38 Mitgliedern in der Industrieländer-Organisation OECD nimmt die Bevölkerung im Erwerbsalter in den nächsten 30 Jahren um rund ein Viertel ab.

Auf der anderen Seite wächst die Zahl der Menschen im Ruhestand nicht nur in absoluten Zahlen. Noch schneller nimmt ihr Anteil an der Bevölkerung zu. Ein kleinerer Teil wird für wachsenden Ausgaben für Ruhegehälter, Gesundheit und Pflege aufkommen müssen.

In Ländern mit einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung werden daher Bildung, Innovation und Technologie eine noch größere Rolle spielen. Und alle diese Länder werden stark auf eine gezielte Zuwanderung in ihre Arbeitsmärkte angewiesen sein.

Auf Goldin entgegnete sein Oxford-Kollege Edward Hadas mit einem gegenläufigen Effekt. Wenn die Zahl der Kinder abnehme, reduziere dies die Zahl der abhängigen Menschen, für die eine Gesellschaft aufkommen müsse. Die gesamte "Abhängigkeitsrate" mit Alt und Jung steige also langsamer. Nach Daten der Weltbank gebe es in Japan derzeit eine "Abhängigkeitsrate" von 69 Prozent. Diese sei aber kaum höher als jene 66 Prozent in den USA in den 60 Jahren. In Nigeria mit einer der jüngsten Bevölkerung weltweit seien 86 Prozent aller Menschen entweder Kinder oder alte Menschen.

Wenn eine Gesellschaft mehr Alte, dafür aber weniger Kinder zu versorgen habe, sei dies weniger ein wirtschaftliches Problem als eine gesellschaftliche Herausforderung, wie die Lasten verteilt würden, so Hadas.

Was bedeutet eine schrumpfende Weltbevölkerung für die Erde?

Der Wirtschaftshistoriker Oded Galor hat die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende beschrieben. Er erklärt dabei Faktoren, die dazu geführt haben, dass die Menschheit über zehntausende Jahre in existenzieller Armut lebte, sich dann aber daraus befreite und ihre Zahl exponentiell stieg.

Galor stellt auch die Frage, ob der Klimawandel der Punkt sein könne, an dem die Menschen als Spezies scheitern. Als wichtigste Chance, diese Krise zu überstehen, sieht er die Kombination aus technologischem Fortschritt und sinkenden Geburtenraten – also einer schrumpfenden Weltbevölkerung. Auch der Demograf Lutz verweist auf Ökologen, die eine prognostizierte Zahl von zwei bis vier Milliarden Menschen für ein verträgliches Niveau für die Erde halten.

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