Eine einzigartige Tennis-Geschichte

Stefan Junold
·Lesedauer: 3 Min.

Zu Beginn der Australian Open wird eine Spielerin mit einer einzigartigen Geschichte im Fokus stehen.

Die Rede ist dabei nicht etwa von Japans Superstar Naomi Osaka, die das Turnier im Vorjahr gewann. Oder von der australischen Lokalmatadorin Ashleigh Barty, ihres Zeichens Weltranglistenerste.

Nein, das Interesse vieler wird einer jungen Dame namens Francesca Jones gehören. Obwohl es die 20-Jährige erstmals überhaupt ins Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers geschafft hat und am Dienstagmorgen deutscher Zeit auf die US-Amerikanerin Shelby Rogers trifft. (Australian Open 2021 von 8. bis 21. Februar im LIVETICKER)

Jones qualifiziert sich erstmals für Australian Open

Mit einem glatten 6:0, 6:1-Sieg gegen Jiajing Lu aus China hatte sie in der dritten Runde des Qualifikationsevents in Dubai im Januar die Überraschung perfekt gemacht. Möglicherweise wäre in diesem Fall sogar der Begriff Wunder angebracht.

Denn Jones leidet seit Geburt an körperlichen Einschränkungen. Wegen einer seltenen Erbkrankheit fehlen ihr an beiden Händen je ein Finger. Zudem sind ihre Füße mit lediglich insgesamt sieben Zehen ausgestattet: drei am rechten, vier am linken Fuß.

Die junge Tennis-Spielerin leidet am Ektrodaktylie-Ektodermal-Dysplasie-Syndrom, das Entwicklungsprobleme an den Gliedmaßen hervorruft.

Ärzte rieten von Karriere als Tennis-Profi ab

Dem Guardian hat sie ihre Leidensgeschichte geschildert, die mehrere Operationen, Krankenhausaufenthalte und immer wieder Rückschläge beinhaltet.

Dass Jones es sportlich überhaupt so weit gebracht hat, ist umso bemerkenswerter, da ihr die Ärzte von einer Karriere im Tennissport abgeraten hatten. Ihre körperlichen Voraussetzungen ließen nicht zu, Tennis auf Profi-Niveau zu spielen, so die vorherrschende Meinung.

Die Argumentation ist durchaus nachvollziehbar. Logischerweise verfügt Jones nicht über die gleichen physischen Fähigkeiten wie andere Spielerinnen. Schon allein die Schlägerhandhabung ist viel komplizierter mit nur vier Fingern. Deshalb benutzt sie ein leichteres Modell.

Viel gravierender jedoch: Durch die fehlenden Zehen kämpfte die junge Frau aus Leeds immer wieder mit Gleichgewichtsproblemen.

Jones geht offen mit Erbkrankheit um

All das hat sie nicht von ihrem Traum abgehalten. "Der Grund, warum ich Tennisprofi geworden bin, ist, dass ich möchte, dass die Leute hoffentlich das Positive aus dem, was ich bisher geschafft habe, mitnehmen und sich selbst inspirieren", sagt Jones und fügt hinzu: "Das Größte im Leben ist es, das zu tun, von dem die Leute sagen, dass man es nicht kann."

DAZN gratis testen und Tennis-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

In einem Interview mit dem internationalen Tennis-Verband ITF geht die 20-Jährige noch weiter ins Detail. Schonungslos ehrlich und offen, aber auch bemerkenswert kämpferisch geht sie mit ihrer Erbkrankheit um.

"Mein Körper ist nicht dafür gemacht, um ein Athlet zu sein. Das heißt aber nicht, dass er nicht trotzdem dazu in der Lage ist", erklärt Jones, die in ihrer Kindheit Hänseleien über sich ergehen lassen musste.

"Man bekommt die Aufmerksamkeit. Von manchen bekommt man Empathie, von manchen das Gegenteil, nämlich Spott und Abneigung", berichtet die Rechtshänderin.

Top Ten der Weltrangliste als Ziel

Doch was andere über sie und den Gen-Defekt denken, will sie nicht überbewerten: "Ich will mich nicht darüber definieren, was die Menschen über mich denken. Denn das bin ich nicht."

Stattdessen will Jones sich auf dem Tennisplatz ins Rampenlicht spielen. "Ich will in die Top Ten kommen. Ich will einer der großen Namen dieses Sports sein", nennt die Engländerin ihre ambitionierten Ziele.

Die aktuelle Weltranglisten-219. weiß aber auch, dass es dazu noch einiges an Entwicklung benötigt: "Ich habe noch so viel Raum für Verbesserungen. Ich hoffe, dass ich auf dem Platz schneller werde und mehr Kraft bekomme." (Tennis: WTA-Weltrangliste der Damen)

In Melbourne erhält Jones die Chance, auf ganz großer Bühne ihr Tennis-Wunder fortzusetzen und ihren Traum zu verwirklichen: "Ich habe große Ziele. Ich will die Wahrnehmung der Menschen für das Tennis und den Sport verändern."