Mit Hoffnungsträger Lemke ins erste "Endspiel"

Michael Prieler
Finn Lemke (rechts) und Hendrik Pekeler verbreiteten bei der EM 2016 Angst und Schrecken im deutschen Mittelblock

15 Gegentore allein in Hälfte eins - im Vorrunden-Drama gegen die flinken Slowenen offenbarte die deutsche Deckung ungewohnte Schwächen.

Gerade in der ersten Hälfte spielte der Kieler Spielmacher Miha Zarabec die deutsche Abwehrreihe regelrecht schwindelig. Es fehlte die Stabilität, es fehlte die Physis, es fehlte - Finn Lemke.


Das sah auch Bundestrainer Christian Prokop offenbar so und nominierte den zunächst aussortierten Abwehr-Hünen am Dienstag nach. Nach einer fast zwölfstündigen Anreise aus dem Trainingslager der MT Melsungen auf Fuerteventura nach Zagreb soll Lemke schon am Mittwoch im Endspiel um den Gruppensieg gegen Mazedonien (18.15 Uhr im LIVETICKER auf SPORT1) auf der Platte stehen.

Dass Lemke, der unumstrittene Abwehrchef unter Prokops Vorgänger Dagur Sigurdsson und vor zwei Jahren Garant für den sensationellen EM-Triumph, vor Turnierbeginn der Systemumstellung des neuen Bundestrainers in der Abwehr zum Opfer gefallen war, hatte ohnehin für Wirbel gesorgt.

Für seine Vorstellung einer offensiveren 6:0-Deckung hielt Prokop seinen früheren Leipziger Schützling Bastian Roscheck für geeigneter.

Jetzt die Rolle rückwärts, nachdem die deutsche Abwehr gegen Slowenien so löchrig agierte wie lange nicht mehr. "Ich möchte der Abwehr mehr Körperlichkeit und den Torhütern mehr Sicherheit und Blockarme geben", begründete Prokop die überraschende Maßnahme.

Gensheimer wirkt in Auszeiten skeptisch

Die personelle Korrektur könnte ein weiteres Indiz dafür sein, dass die Nationalspieler mit Prokops Spielphilosophie (noch) nicht zurecht kommen. Unter Sigurdsson war das deutsche Konzept so simpel, wie erfolgreich: Eine auf Blocks ausgelegte knüppelharte Abwehr nah am eigenen Kreis sollte für viele Ballgewinne sorgen, die die Außenspieler dann blitzartig zu Toren verarbeiteten.

Prokop will in der Abwehr flexibler agieren, die Gegenspieler früher angehen lassen, brachte damit zumindest gegen Slowenien aber eher Unsicherheit in die Deckungsreihe.

In den Auszeiten machte vor allem Kapitän Uwe Gensheimer während Prokops Vorgaben einen recht skeptischen Eindruck. Die Timeouts beendeten die Spieler stets mit einer kurzen internen Gesprächsrunde.


Und nicht nur die Nationalspieler, auch der Bundestrainer selbst wirkte phasenweise ratlos. Allein in der ersten Hälfte schickte Prokop fünf verschiedene Besetzungen im Mittelblock aufs Feld, keine bekam den spielfreudigen Zarabec in den Griff.

Pekeler setzt sich über Prokop hinweg

Erst als sich Abwehrchef Hendrik Pekeler bewusst über die Vorgaben seines Trainers hinweg setzte und eigenmächtig ins Abwehrsystem von Sigurdsson zurück wechselte, trat Besserung ein.

"Ich habe mit Bam-Bam (Patrick Wiencek, Anm. d. Red) abgesprochen, dass wir kompakt bleiben. Das wollte Christian anders haben in der ersten Halbzeit", wird Pekeler vom Spiegel zitiert: "Ich glaube, das hat uns den Erfolg gebracht."

Ein fast schon unerhörter Vorgang, der den Eindruck bestätigt, dass Mannschaft und Trainer noch nicht auf einer Wellenlänge liegen.


Lemkes Rückkehr soll nun Sicherheit und Ruhe zurückbringen. "Finn bringt uns mehr Qualität. Die Gegner haben viel Respekt vor ihm. Er genießt international ein hohes Ansehen", bewertete Pekeler die Nachnominierung seines kongenialen Partners im Mittelblock beim EM-Triumph von Krakau 2016.

Wolff: "Haben unseren Abwehrchef zurück"

Aus seiner Freude und Erleichterung machte auch Torhüter Andreas Wolff keinen Hehl. "Jetzt haben wir unseren erfahrenen Abwehrchef zurück", sagte Wolff: "Er ist riesengroß und mit seinen Emotionen einer der Eckpfeiler der Bad Boys. Er wird uns weiterhelfen."

Jetzt ist das Defensiv-Trio Lemke, Pekeler und Wolff, dessen Stern bei der EM 2016 aufging, wieder vereint und hat mit dem damals verletzten Patrick Wiencek sogar noch einen vierten Abwehrspezialisten an der Seite.


Gleichzeitig ist Lemkes Rückkehr aber auch ein Eingeständnis, dass Prokops Plan A, zumindest für die Deckung, nicht aufgegangen ist.

Durch den Lemke-Joker stellt Prokop die Uhren schon nach zwei Gruppenspielen wieder zurück. Eine Maßnahme, die im Verlauf des Turniers erwartbar war, zum frühen Zeitpunkt aber Respekt verdient.