Abstandsregeln? Egal! Dieter Bohlen feiert seinen "Supertalent"-Gewinner Nick Ferretti

Jürgen Winzer
·Lesedauer: 5 Min.

Nick Ferretti ist der strahlende Sieger im Finale von "Das Supertalent 2020" (RTL)! Mindestens genauso glücklich wie er war aber Dieter Bohlen, der den DSDS-Zweiten von 2019 einst auf Mallorca entdeckte. Jedenfalls war der Pop-Titan so überwältigt, dass er bei der Überreichung der Siegertrophäe sogar die Abstandsregeln außer Acht ließ.

Kurz nach Mitternacht ging der Traum von Nick Ferretti (und Dieter Bohlen) in Erfüllung. Gleichzeitig platzte der Traum von zehn anderen "Supertalent"-Finalisten. Bei aller Freude und allem Respekt für Straßenmusiker Nick, der nach dem zweiten Platz bei DSDS 2019 jetzt erstmals siegte (und die 50.000 Euro Siegprämie sicher gut für sich und seine Familie gebrauchen kann): Mancher hätte den Sieg eher Vanessa Calcagno gegönnt, die nun bereits zum zweiten Mal in einem "Supertalent"-Finale nicht gewann.

Immerhin: Sie kam mit den begnadeten Artisten der "Messoudi Brothers" unter die Top Drei. Wer Zweiter und Dritter wurde verkündete RTL, ebenso wie die weiteren Platzierungen, in der Live-Sendung nicht. Siehe demnächst bei Wikipedia. Ein schöner Erfolg war das Finale auch für die RTL-Anzeigenabteilung: Die Werbeblöcke setzen sich gegen die reine Auftrittszeit aller Kandidaten mit 58,5 Minuten zu 44 Minuten durch.

Daniel Hartwich veräppelt Evelyn Burdecki und verhohnepiepelt Bruce Darnell

"Die perfekte Unterhaltung in diesen schweren Zeiten", versprach Victoria Swarovski, die gemeinsam mit Routinier Daniel Hartwich (seit 2012 dabei) moderierte. Vor allem Hartwich war richtig gut drauf. Er nutzte die (wenn man den Traditionen des permanenten Juroren-Wechsels bei RTL folgt) wohl letzte gemeinsame Sendung mit den Neu-Juroren Chris Tall und Evelyn Burdecki zur Generalabrechnung mit der Ex-Dschungelkönigin, die ständig aufs Korn nahm.

Die Gute scheint den Guten mit ihrer bahnbrechenden Naivität (weshalb sie gar nicht merkt, wenn sie auf den Arm genommen wird) schon ordentlich genervt zu haben. Dass er zudem auch Stammjuror Bruce Darnell ob dessen kultigen Akzentes verhohnepiepelte, lässt grübeln, was der Moderator vor der Show an Kräutern zum Abendmahl genoss. Aber vielleicht fiebert er einfach nur dem "Ersatzdschungelcamp" entgegen.

Die Zuschauer fehlten. Der Lockdown hat natürlich auch vor dem "Supertalent"-Finale nicht halt gemacht. Deshalb waren auch viele der Auftritte seltsam gedämpft. "Wenn das Publikum fehlt, fehlt die Power, die Energie. Dann fehlt alles", brachte es Vanessa, die Glücklose, auf den Punkt. Immerhin waren es allein die Zuschauer, die per Telefon, SMS oder Online-Click über den Sieger entschieden.

Die Juroren nicht. Wobei zwei kein Hehl daraus machten, wem ihre Sympathien galten. Chris Tall supportete den Gebärdensprachensänger Rafel-Evitan Grombalka ("Er ist für mich das Supertalent 2020!"). Dieter Bohlen ("Wir sind Juroren, keine Schiedsrichter, wir müssen unsere Meinung sagen!") sagte klar: "Ich würde für meinen Freund Nick anrufen." Das Herz der Moderatoren wiederum schlug deutlich erkennbar für Opernsängerin Vanessa: "Bitte, bitte, bitte, ruft für sie an!", barmte Victoria Swarovski, und Daniel Hartwich tröstete nach der Verkündung: "Vanessa, du weißt, wie sehr ich es dir gegönnt hätte."

Wahnsinn auf dem Todesrad: "Messoudi Brothers" zeigen Salto mit verbundenen Augen

Es war irgendwie ein seltsames Staffel-Finale in einem seltsamen Jahr. Gut, ein vierbeiniger Sieger konnte von Chris Tall verhindert werden ("Ich habe Hate-Nachrichten deshalb erhalten"), aber jetzt war's halt schon wieder (zum siebten Mal) ein Sänger. Ein Pop-Sänger (zum dritten Mal) obendrein. Zuckt da der Gähn-Reflex?

Nick schmachtete "All Of Me" von John Legend, und es war sicher eine der schöneren Interpretationen dieses Superhits. Bohlen war verzückt ("Das berührt mich so stark!") und Bruce Darnells Augen schimmerten feucht. Aber es war ... irgendwie vorhersehbar. Um wie viel kraftvoller und spektakulärer war da die Artistik-Show der "Messoudi Brothers", die mit ihren perfekten Körpern ihre Goldbuzzerin Evelyn Burdecki so nachhaltig verwirrten, dass sie zwischendurch von den "Medoussi Brothers" schwärmte.

Wie viel atemberaubender und gefährlicher waren die Stunts von Rony & Jesse auf dem wirbelnden Todesrad, die in Seilspringen und schließlich einem Salto mit verbundenen Augen gipfelten.

Bruce Darnell, der Strenge: "Die Nummer war ein Desaster!"

Und wenn es, auch angesichts der Weltlage, das "Gefühl" war, das den Ausschlag gab: Dann war eigentlich Gebärdensprachensänger Rafael-Evitan Grombelka nicht zu toppen - auch nicht von Nick Ferretti. Rafael-Evitan präsentierte "Der Weg" von Herbert Grönemeyer. So eindringlich und anrührend, dass sogar Dieter Bohlen kurz Nicks Siegerfelle wegschwimmen sah: "Du hast dir den besten Grönemeyer-Song gewählt, das war ganz schön clever."

Wenn das Lachen ist, das zählt, dann hätte Guy Furz, äh, sorry: Guy First gewinnen müssen. Der "Handfurzer" präsentierte sein 80er-Jahre-Medley mit gleich zwei Modern-Talking-Nummern (Daniel: "Dieter, also schlechter sind deine Songs dadurch nicht geworden") so witzig und tontreffsicher, dass Bohlen Respekt zollte: "90 Prozent der Kandidaten bei DSDS treffen die Töne mit der Stimme nicht so gut wie du mit den Händen."

Bruce Darnell warf sich gar vor Lachen fast aus dem Sessel - und das hatte an diesem Abend Seltenheitswert, denn der Ex-Fallschirmspringer war strenger als ein Ausbilder bei den Marines. Den Auftritt der Show-Magier von Magus Utopia, den die anderen Juroren lobten, fand er eher enttäuschend. Den Komikern Elastic & Francesca attestierte er ("Ich rede Klartext!") ein "Desaster", nannte ihre Nummer "einen Flop".

Dieter Bohlen: "Wir hatten dieses Jahr große Probleme"

Chancenlos waren auch die im Finale seltsam biederen Comedy-Flamenco-Spieler von "Paul Morocco & Olé". Die Kinder der Tanzsportgarde Harsewinkel waren für die Zuschauer vielleicht zu wenig süß (dafür aber sportlich sensationell), ihr tänzerisches Gegenstück, die düster-genialen Immortals vielleicht zu außergewöhnlich und der Killerblick ihrer Maskerade zu irre.

So kam es, wie es kam. Dieter Bohlen wetzte, die Siegertrophäe in der Hand, auf die Bühne, überreichte sie - und dann seinem Freund Nick gratulierend die Hand. Daniels Mahnung ("Ja, lasst uns bis zum Schluss an den Abstand denken!") kam zu spät für den euphorisierten Pop-Titan.

Die 14. Staffel ist somit Geschichte, die Bewerbungen für die 15. laufen schon. Hoffen wir - das tut auch Dieter Bohlen ("Wir hatten dieses Jahr große Probleme mit der Staffel") -, dass es nächstes Jahr wieder (noch) besser wird.