Abschied aus Kairo: Die Stadt der Überlebenskünstler

Neun Jahre hat unser Korrespondent Martin Gehlen in Kairo gelebt. Jetzt zieht er weg.

Die Pyramiden von Giza im Rücken, das flimmernde Kairo zu Füßen – wer sich um die Mittagszeit bei den pharaonischen Wahrzeichen Ägyptens aufhält, kann ein akustisches Spektakel der besonderen Art erleben. Gegen zwölf Uhr erhebt sich mit einem Mal ein Gequake und Gesumme aus den Häuserschluchten der 25-Millionen-Metropole, das aus 100.000 Lautsprechern gen Himmel steigt. Munter trompeten Allahs Vuvuzelas für ein paar Minuten durcheinander – die guten und die schlechten Sänger, die verfrühten und verspäteten.

Fünfmal am Tag schallt der so genannte Azzan, der Gebetsruf der Muslime, durch die Stadt am Nil, die jeden Besucher fasziniert – mit ihrem orientalischen Charme, ihrer Vitalität, ihrer Frömmigkeit. Jeder zweite Taxifahrer betört sich in seinem Wagen den ganzen Tag mit lauter Koranmusik. Im Ramadan gilt das Durchmurmeln des Korans von vorne bis hinten als wichtiger Schritt in Richtung Paradies. Egal ob in der überfüllten Metro, auf abgewetzten Stühlen vor Hauseingängen oder zwischen parkenden Autos auf der Bordsteinkante.

Lieber beten als schlafen

Mindestens 4000 Moscheen beherbergt die ägyptische Hauptstadt plus 50.000 Minigebetsräume, Zawayas genannt. Die Lautsprecher auf den Dächern sind bisweilen größer als die frommen Garagenmoscheen im Erdgeschoss, die dem Hauseigentümer ewigen Lohn im Himmel und einen prächtigen Steuervorteil auf Erden bescheren. Doch immer mehr Bürger beschweren sich beim zuständigen Ministerium für religiöse Stiftungen, wenn ihr lokaler Muezzin morgens um vier mit 130 Dezibel sein „Beten ist schöner als Schlafen“ durch ihre Wohnstraße dröhnt. Selbst die altehrwürdige Lehranstalt Al Azhar wertete die Kairoer Praxis als „Lärmbelästigung“.

Trotzdem will es nicht gelingen, dem penetranten Sendungsbewusstsein einen Riegel vorzuschieben. Für Scheich Ismail Nourmani, der der „Moschee des Lichtes“ an der Nil-Corniche vorsteht, sind seine täglichen Gebetsrufe „heilige Pflicht“. Auch der Nebenerwerbs-Iman Khaled von der Zawaya nahe dem Fini-Platz im Stadtteil Dokki, der gleich drei große Lautsprecher hoch oben auf dem Dach am Himmelssaum betreibt, kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Dass er morgens die gesamte Nachbarschaft für eine halbes Dutzend Frühbeter aus dem Schlaf reißt, quittiert er mit gottgewissem Achselzucken. Er rufe seit 25 Jahren und würde das gerne noch weitere 25 Jahre tun, wenn Allah ihm das vergönne. Wem das nicht passe, meint er, der könne ja wegziehen.

Neun Jahre haben wir Khaleds blechernes Gotteslob ertragen, jetzt ziehen wir weg – von Kairo nach Tunis. Wir verlassen Kairo, die Stadt, die schon beim Anflug wirkt wie eine endloser Teppich aus staubig-braunen Häuserklötzchen, durch deren Mitte sich schwarz und träge der Nil schlängelt. An Tagen, wenn die gelblich-diesige Abgasglocke nicht allzu tief hängt, kann man aus der Luft sogar die Pyramiden ausmachen, das einzige noch existierende Weltwunder der Antike.

Kairo, die Stadt des Gebets und des Lasters, die Stadt der tausend Minarette und tausend Nachtclubs, die Stadt der guten Laune, der schlechten Luft und des heillosen Verkehrschaos’. Schwarz qualmende Minibusse mischen sich mit ratternden Tuk-Tuks, Eselskarren mit Pferdekutschen, funkelnde deutsche Edelschlitten kreuzen zwischen Rostlauben aus den 50er-Jahren. Dazwischen Heerscharen von Pizzafahrern auf Mopeds, die sich alle zusammen unter permanentem Hupen durch...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung