Abrissbirne naht: Am Freitag öffnet das Undergrund in Ehrenfeld zum letzten Mal

Der Club muss schließen, möchte aber an anderer Stelle neu eröffnen.

Am Samstag spielt die US-Punkband Green Day im Rose Bowl Stadion, Los Angeles, in das 90.000 Menschen passen. Am 27. Dezember 1991 trat die selbe Combo vor 400 Leuten als Vorband von „The Notwist“ aus Bayern auf – im Underground, Köln. „Green Day kannte damals kein Mensch“, sagt Eddy Cassidy, 62, der 1991 dabei war, weil er für den Klub arbeitete. Er war auch dabei, als das Underground 1988 öffnete. Und er wird dabei sein, wenn es schließt.

Freitagabend wird zum letzten Mal das schwere Gittertor an der Vogelsanger Straße aufgeschoben, wird eine Menschen in Trauben davor stehen und ihr Kioskbier trinken, bevor sie reingehen in den Biergarten, an die Theken, an den Kicker und vor allem: auf die Tanzfläche vor der vielleicht 40 Zentimeter hohen Bühne in dem kleinen Konzertraum.

Eddy Cassidy nennt seinen Job im Underground „Mädchen für alles“. Eigentlich ist er Tontechniker, überdies macht er aber auch schon mal den DJ, schleppt Getränkekästen, wäscht Handtücher für die Bands, repariert die „PA“, die Soundanlage. In den vergangenen 29 Jahren hat er hier rund 10.000 Veranstaltungen erlebt und zum Teil selbst gestaltet. Er hat etwa bei „Neue Deutsche Welle“-Partys aufgelegt. Ausgerechnet er, der Engländer. In den 80ern kam Eddy aus London, weil er sich in ein Mädchen aus Bergisch Gladbach verliebte. Mit dem Mädchen wurde es nichts, er ging nach Köln und heuerte im Underground an.

„Ganz am Anfang gab es im Underground keine Konzerte, sondern Theater-Vorführungen und Lesungen“, sagt Eddy. Kölsch-Rocker Jürgen Zeltinger zum Beispiel hat gelesen, „irgendwas Biografisches“, erinnert sich Eddy. Vorgetragen habe Zeltinger schließlich nur die ersten Sätze. „Er hat sich immer wieder mit dem Publikum angelegt, weil das Witze über seine Glatze oder seinen Bauch reingerufen haben. Und er hat immer wieder von vorn angefangen zu lesen.“

Konzerte machten das Underground aus

Die Konzerte, die das Underground vor allem ausmachten, begannen wenig später. Beim allerersten Konzert im Underground 1988 spielte unter anderem die Punkband Abstürzende Brieftauben. Selbst elf lange Jahre nach dem Aufkeimen des Punk in England 1977 war das wilde Genre in Kölner Klubs zu diesem Zeitpunkt kaum zu hören. „Die Leute fuhren alle zum Ratinger Hof nach Düsseldorf“, weiß Eddy.

Bis zu 200 Konzerte jährlich fanden im Underground statt, Eddy könnte Bücher füllen mit Anekdoten. In den 90ern traten die H-Blockx aus Münster in der Autowerkstatt des Undergrounds auf. Stephan Remmler, Sänger der Band Trio, stand vor Eddy, der an diesem Abend an der Kasse saß. Er fuhr mit dem Finger über die Gästeliste. Remmler, Stefan, ok, darf rein. Die H-Blockx hatten gerade ihr erstes Album veröffentlicht. Remmler war einer von gerade einmal gut 20 Besuchern.

Die Norwegische Rockband Turbonegro hat auf der Bühne mit Pyrotechnik ein Kissen gesprengt, weshalb Eddy über Jahre in den Ritzen Federn fand. Außerdem hat Sänger Hank von Helvete einen Böller im Hintern des Drummers gezündet, nun ja. Das Detroiter Rap-Duo Insane Clown Posse reiste mit 300 Litern Pepsi Light an und verspritzte die Cola beim Konzert überall.

Als Eddy den Tourmanager fragte, ob seine Leute noch alle Tassen im Schrank hätten, sagte der nur: „Nenn’ mir eine Zahl, ich schreib’ dir einen Scheck“. Es gab Bands, deren Sänger sich vor Publikum mit einem Kölsch-Glas die Wange aufschlitzten und mit sonderbaren Sound-Geräten die gesamte Elektrik lahmlegten.

Als der inzwischen verstorbene britische Popstar Robert Palmer das Underground vor seiner Show dort betrat, sagte er: „Schön hier, fast so groß wie meine Proberaum“, erinnert sich Eddy. Als Vorgruppe hatte Palmer übrigens eine zu dem Zeitpunkt etwas in Vergessenheit geratene Formation aus Birmingham dabei: Duran Duran.

Fast so legendär wie die Konzerte ist die Bandwohnung über der Werkstatt mit klapprigen Etagenbetten und dem Backstageraum daneben. Hier hat Eddy schon mit Coldplay, Ash oder Pennywise gefeiert. Tausende Musiker haben die Wände bekritzelt und sie in ein buntes Kunstwerk verwandelt, haben ihr Bandlogo gemalt, Comicfiguren, Penisse. Oder einfach ihren Namen und eine Jahreszahl hinterlassen, etwa so: Puff Daddy – ’98. Eddy saß neben dem Hip-Hop-Star, als der das schrieb.

Köln radiert einen bunten, kreativen Fleck aus

Wenn dem Underground nun die Abrissbagger zu Leibe rücken, wird in Köln ein bunter, kreativen Fleck mit Strahlkraft weit über Köln hinaus ausradiert. Der nächste Fleck, sagen so einige. „Ich verstehe, dass wir in Köln viele Wohnung brauchen“, sagt Micki Pick, der mit Georg Schmitz-Behrenz 2004 das Underground übernahm, „aber solche Kultur macht die Stadt doch erst für die Leute, die jetzt nach Köln kommen, attraktiv“.

Kompagnon Schmitz-Behrenz formuliert es trocken: „Köln wird mal wieder noch ein bisschen langweiliger.“ Die beiden arbeiten daran, einen Ersatzstandort für etwas wie das Underground zu finden, vielleicht die benachbarte DQE-Halle, zumindest temporär. Verhandlungen mit Stadt und dem Investor, der das Helios-Gelände, auf dem das Underground noch steht, mit einer Schule und Wohnungen bebauen wird, laufen.

Was ab Oktober aus Eddy wird, weiß er selbst noch nicht. ‚Ich bin erstmal zum Monatsende gekündigt. Wenn ich Pech habe, war es das mit meinem Arbeitsleben.“ Einen Ort wie das Underground „wird es jedenfalls nie mehr geben“, sagt Eddy, der die Entscheidung für das Ende des florierenden Kulturorts an der Vogelsanger Straße nicht nachvollziehen kann: „Was ist das für eine Kulturpolitik, die Kultur abreißen lässt?“ ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta