„Es ist ein abgekartetes Spiel“

Im Ringen um die insolvente Air Berlin inszeniert sich Michael O'Leary als Held des kleinen Mannes. Der Ryanair-Chef spricht von einem offensichtlichen Komplott – und will sich deshalb aus dem Poker raushalten.


Das Wort „abgekartet“ ist schwer auszusprechen für jemanden, der aus Irland stammt. Aber Michael O’Leary war das egal: „Abgekartetes Spiel“, bemühte er sich am Mittwoch in Berlin immer wieder auf Deutsch zu sagen. Er war sich wohl sicher, dass er die Lacher auf seiner Seite haben würde, als er seine Vorwürfe bekräftigte, dass die Lufthansa im Poker um die insolvente Air Berlin bevorzugt werde

Eigentlich hatten die rund 50 Journalisten und Kameraleute in Berlin auf etwas anderes gewartet: In den Tagen zuvor hatte der Chef der Fluggesellschaft Ryanair immer wieder Spekulationen genährt, nach denen er an einem Kauf Air Berlins interessiert sei. Doch O'Leary stellte nun klar: Ryanair wird kein Angebot abgeben. An einem fairen Bieter-Verfahren würde er sich beteiligen, so O'Leary. Doch der Poker um die deutsche Airline sei ein Komplott zwischen Air Berlin, der Lufthansa und der deutschen Bundesregierung.


Im 37. Stock des Radison-Hotels am Alexanderplatz verteilte O'Leary höchstpersönlich Handzettel an die Journalisten. „Guten Tag, guten Tag“, sagte er dabei auf Deutsch. Der Ryanair-Chef war in Jeans und Karohemd gekommen, die Lesebrille hatte er sich auf den Kopf geschoben. „Ihre Kinder und Enkel werden noch höhere Ticketpreise bezahlen, wenn Lufthansa die Air Berlin kauft“, rief er dem Publikum zu. Seine Botschaft war deutlich: O’Learys Rolle in dem Spiel ist die des Mahners. Er inszeniert sich als Hüter des Wettbewerbs, als Kämpfer für den kleinen Mann.

Dabei scheute er sich nicht, Verschwörungstheorien aufzustellen: Welche Airline gehe schon Anfang August pleite? „Anfang August haben die Airlines am meisten Cash“, sagte O’Leary. Die Insolvenz von Airberlin kurz vor der Bundestagswahl sei bewusst gewählt, um eine schnelle Lösung zu Gunsten der Lufthansa durchzusetzen.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr und „sein Knecht“, der Airberlin-Chef Winkelmann, wollten das vor dem Regierungswechsel erledigt haben, giftete O’Leary. Andernfalls gebe es keinen Grund, einem insolventen Unternehmen 150 Millionen Euro zu leihen, wie es die Bundesregierung im Fall von Air Berlin angekündigt hat.

Er rief das „Bundeskartellamt“ (auch dieses Wort hatte er auf Deutsch parat) und die EU-Wettbewerbskommission dazu auf, diesen Deal zu verhindern. In keinem Land der Welt würde es einfach so durchgehen, dass die größte Airline die zweitgrößte kauft. „Nicht mal in Simbabwe, nicht mal in Nordkorea“.

Die deutschen Politiker würden alle „Quatsch“ erzählen, sagte O’Leary. Besonders eingeschossen hatte er sich auf Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der am Vortag „große Bedenken“ gegenüber einem möglichen Käufer namens Ryanair geäußert hatte. „Ryanair ist ein arbeitnehmerfeindliches Unternehmen. Das Geschäftsmodell ist frühkapitalistisch“, sagte Müller und verwies darauf, dass viele Mitarbeiter der Billigairline nicht als Angestellte, sondern als selbstständige Subunternehmer für das Unternehmen arbeiten.


O’Leary ließ ein Bild von Müller mit einer Che-Guevara-Mütze an eine Wand werfen. „Misguided Mike“, fehlgeleiteter Michael, nannte er ihn. Wenn Ryanair mitarbeiterfeindlich sei, würden schließlich nicht so viele Leute für ihn arbeiten. „Bei Lufthansa wird ständig gestreikt, bei Ryanair nicht“, sagte O’Leary. Seine Kampf-Preise kämen nicht zustande, weil an den Mitarbeitern gespart würde, sondern weil die Technologie so weit entwickelt wäre. Die Jobsicherheit für die Air-Berlin-Mitarbeiter sei mit Ryanair größer als mit Lufthansa.

Im Falle einer Übernahme durch die Iren müsste natürlich auch die Personalsituation überprüft werden. „Als erstes müsste Herr Winkelmann gehen“, rief O’Leary. Der frühere Lufthansa-Manager habe Ryanair bewusst nicht angerufen, als er andere Airlines in seinen Datenraum eingeladen habe, damit sie das Zahlenwerk von Air Berlin prüfen können, bevor sie ein Angebot für die Airline abgeben. Gefragt, warum er nicht selbst zum Telefonhörer greife und sich in den Bieter-Prozess einschalte, sagte O’Leary, dass der Deal aus seiner Sicht bereits gelaufen sei. Eine Stunde dauerte die Pressekonferenz zu diesem Zeitpunkt bereits. Da fügte O’Leary hinzu: „Wir haben keine Zeit zu verschwenden.“

KONTEXT

Air Berlin - schneller Aufstieg, jahrelange Turbulenzen

Die Anfänge

Vor 37 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Gegründet wurde Air Berlin als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Der Erstflug ging am 28. April 1979 von Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasste zunächst zwei Maschinen. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch inzwischen steckt die Fluglinie seit Jahren in der Krise.

1990er-Jahre

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004-2007

2004: Einstieg bei der Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda

2006: Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba

2007: Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge

2008

2008: Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen. 400 Millionen Euro sollen bis Ende 2014 eingespart werden.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.