Jeden Abend Jubel und Tränen

An der Volksbühne wird mehr verabschiedet als nur der Intendant Frank Castorf.

BERLIN. Das wird ein großer Moment. Es ist zwar noch nicht ganz klar, wie es ablaufen wird, aber am Sonnabend, während oder nach der letzten Vorstellung von Frank Castorfs „Karamasow“-Inszenierung, wird der OST-Schriftzug von der Volksbühne abmontiert, ein Kran wird zum Einsatz kommen, alles ist schon genehmigt.

Es wäre toll, wenn die Demontage in die Inszenierung einbezogen wird, natürlich sollte sie am besten während des endlosen „Großinquisitor“-Monologes erfolgen, wenn Alexander Scheer auf dem Dach zwischen den drei Buchstaben herumklettert, verfolgt von einem Kamerateam, das die Bilder in den längst ausverkauften Bert-Neumann-Saal sendet. Als Iwan Karamasow breitet er seinen literarischen Entwurf über einen Besuch Gottes bei den Menschen aus. Jesus zeigt sich im 16. Jahrhundert in Sevilla, sagt nichts, wird sofort erkannt, macht einen Blinden wieder sehen, weckt ein totes Mädchen auf und kriegt es dann mit dem Großinquisitor zu tun, der den Schweigenden einkerkert und auf den Scheiterhaufen werfen will, weil er den Menschen die Freiheit gegeben hat. Und dann kommt ein toller Abgang: Jesus küsst den Großinquisitor und geht. Wir sehen den erschöpften Alexander Scheer dahingefläzt im blau leuchtenden O liegen und wie in einer Mondsichel am Kranausleger in die Nacht schweben. Immer kleiner werdend. Ein strahlender Punkt, der noch einmal bildfüllend aufblitzt, und dann der Schriftzug: The End.

Das Publikum erhebt sich, wie es sich derzeit an jedem Abend in der Volksbühne erhebt, klatscht und jubelt. Jeder, der noch eine Karte für die letzten Vorstellungen bekommen hat, berichtet von Tränen. Kein Abend vergeht ohne Premieren- oder Dernièrenfeier in der Kantine. Der Ausstoß an Kunst ist in der Volksbühne umso höher, intensiver und rücksichtsloser, je näher das Ende rückt.

Castorf drückte noch eine spontane, vierstündige Dostojewski-Inszenierung in den Spielplan, die letzte Premiere von René Pollesch ist gerade einmal zwei Wochen her und erlebte am Mittwoch als eine von fünf Veranstaltungen ihre letzte Vorstellung – um Mitternacht. Bei all dem Stress ist parallel eine große Gastspielreise nach Athen zu stemmen. Die Dramaturgie stellt einen Bildband zusammen, ab Montag soll auf der Website ein Bewegtbildarchiv freigeschaltet werden.

Das alles ist geradezu manisch und verfolgt die leicht zu durchschauende und natürlich seelengesundheitlich höchst bedenkliche Taktik, mit vollem Tempo auf das Ende zuzurasen, auf den 1. Juli, wenn nachmittags noch einmal Castorfs „Baumeister Solness“ gezeigt wird, noch einmal eine viereinhalbstündige Ewigkeit lang. Nach dem letzten Applaus, so gegen 21 Uhr wird das Publikum aus dem Theater geleitet. Die Türen schließen sich. Die Feier wird an diesem letzten Tag auf die Straße verlegt. Es wird Reden, Musik und eine Tafel geben, die bis zur Münzstraße reichen soll, die anliegenden Restaurants und Bars machen mit. Alexander Scheer wird irgendwie von seinem Mond wieder herabgefunden haben und als einer von vielen Volksbühnenschauspielern abrocken. Auch darauf kann man sich freuen, Eintritt frei.

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