„Ab morgen kriegen sie in die Fresse“


Als Andrea Nahles gefragt wird, ob sie etwas von ihren Vorgängern im Amt übernehmen würde, muss sie schmunzeln. „Das waren ja alles Jungs.“ Wohl wahr. Nahles ist die erste Frau, die in der Geschichte der Bundesrepublik die Bundestagsfraktion der SPD anführt.

Rund 90 Prozent erhielt die 47-Jährige bei der Abstimmung der SPD-Fraktion am Mittwoch – ein gutes Ergebnis. „Ich bin sehr dankbar für diesen Vertrauensbeweis. Das ist für mich der Beginn eines Erneuerungsprozesses der SPD.“ Etwas schlechter kam Carsten Schneider weg, der als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer die rechte Hand von Nahles sein wird und 77 Prozent holte. Gemessen an den Holprigkeiten –der Personalie war ein ordentlicher Flügelstreit vorausgegangen – ging das Ergebnis aber in Ordnung.


Die SPD war am Mittwoch bemüht, nach den schwierigen Tagen seit der Wahlschlappe vom Sonntag wieder etwas Ruhe einkehren zu lassen. Nahles versuchte in ihrer Rede vor den Fraktionskollegen, den Blick nach vorn zu richten. Die SPD, die bei der Bundestagswahl mit 20,5 Prozent ihr schlechtestes Nachkriegsergebnis einfuhr, müsse ihr Profil schärfen. So seien Antworten auf den neuen „digitalen Kapitalismus“ überfällig. Große globale Internetkonzerne stellten zwar Leute ein, bezahlten aber keine Steuern, sagte sie.

Auch müsse die SPD deutlicher machen, wie es im Land gerechter zugehen soll, damit Menschen in ländlichen Regionen wieder Mut fassen. „Wir sind natürlich die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Aber was heißt das? Wie spüren die Leute das im Alltag?“ Weitere Schwerpunkte der SPD im Parlament würden die Sicherheitspolitik und Europa. Alle Themen müssten europäisch mitgedacht werden, so wie es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gerade gefordert habe: „Wir werden die Europapartei in diesem Parlament werden.“


Wenig Hoffnung hat Nahles auf eine Annäherung mit der Linkspartei. Dafür sehe sie momentan keine ermutigenden Signale. Vor allem nicht, solange die Linkspartei die Frage nicht geklärt habe, ob sie mit der AfD zusammenarbeiten wolle oder nicht. Die Neuausrichtung der SPD werde nicht stur nach einem Links-Rechts-Schema ablaufen. „Es geht nicht um eine Himmelsrichtung. Wenn es so einfach wäre, wäre es schön.“

Eine Rolle rückwärts in eine große Koalition wird die SPD laut Nahles auf keinen Fall machen. „Das müsste auch jetzt jeder kapiert haben.“ SPD-Altkanzler Gerhard Schröder äußerte jedoch Zweifel, ob die schnelle Absage seiner Partei nach der Wahlniederlage an eine rechnerisch mögliche neue große Koalition richtig ist. „Ob das besonders klug war, dass sich die Partei aus den Verhandlungen rausgenommen hat“, hinterfragt Schröder. „Aber es ist entschieden worden.“ Das müsse nun die Generation verantworten, die auch entscheide. „Ich hätte mir das angeschaut“, sagte der 73-Jährige mit Blick auf die mögliche Bildung einer großen Koalition.


Nahles will davon nichts wissen. Es sei nicht ganz einfach, von der Regierungs- direkt auf die Oppositionsbank zu wechseln. Nun gelte für sie persönlich und die SPD: „Einfach umparken im Kopf.“ Sie habe das Gefühl, die Bundestagsfraktion habe die Oppositionsrolle bereits voll angenommen, sagte sie nach ihrer Wahl zur Fraktionschefin – um dann noch richtig einen rauszuhauen: Auf die Frage, wie sich die letzte Kabinettssitzung mit der Union angefühlt habe, antwortete sie mit breitem Lachen: „Ein bisschen wehmütig – und ab morgen kriegen sie in die Fresse.“