Amazons Angriff: Auf dem Sprung an die Börsenspitze

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Im Steigflug: Amazon will an der Börse ganz nach oben (Foto: © Amazon Inc.)


Es kann nun schnell gehen: Seit Jahresanfang hat Amazon mehr als 100 Milliarden Dollar an Börsenwert zugelegt – und Microsoft zeitweise als drittwertvollsten Konzern der Welt abgelöst. Es dürfte nur eine Durchlaufstation auf dem Weg nach ganz oben sein: Immer mehr Analysten und Börsenexperten halten den E-Commerce-Riesen für prädestiniert, bald den Börsenthron zu besteigen.

Es ist eine Machtdemonstration: Seit Beginn des Jahrzehnts dominiert Apple das Börsenranking der wertvollsten Konzerne der Welt scheinbar nach Belieben. Zweimal, 2013 und 2016, wurde die Vorherrschaft kurz von Exxon und Google unterbrochen.

Doch anno 2018 scheint Apples Börsenthron plötzlich angreifbar. Im Börsencrash der vorvergangenen Woche stürzte Apple in der Spitze um 16 Prozent gegenüber seinen Allzeithochs ab, und notierte plötzlich nur noch wenige Prozent vor Alphabet, ehe in der vergangenen Woche eine Kurserholung einsetzte, die den Abstand wieder auf 15 Prozent anwachsen ließ.

Börsenwert schon über 700 Milliarden: Amazon ist auf der Überholspur

Trotzdem sind die wertvollsten Konzerne der Welt erkennbar zusammengerückt: Plötzlich ist der Wettkampf um den Börsenthron ein Vierkampf geworden, weil es inzwischen auch die Nummer drei, Microsoft, und vier, Amazon, auf eine Marktkapitalisierung von mehr als 700 Milliarden Dollar bringen.

Vor allem Amazons Aufstieg gewinnt an Dynamik. In den sieben Wochen seit Jahresbeginn hat die Aktie an der Wall Street allein 24 Prozent zugelegt und dabei enorme 136 Milliarden Dollar an Börsenwert gewonnen, während die drei wertvollsten Konzerne lediglich Zuwächse im einstelligen Prozentbereich verbucht haben – der E-Commerce befindet sich eindeutig auf der Überholspur.

Scott Galloway: Amazon überholt Apple nach Börsenwert

Plötzlich scheint Amazon prädestiniert, zum ersten Apple-Herausforderer aufzusteigen: Nicht einmal ein Prozent trennt Amazon mehr von der Nummer drei, Microsoft, und ebenfalls nur noch neun Prozent von der Nummer zwei, Alphabet.

Für Marketing-Professor Scott Galloway ist Amazons fulminanter Aufstieg keine Überraschung. Der omnipräsente Bestseller-Autor („The Four“) sagte bereits im vergangenen Herbst und noch einmal zur Jahreswende Amazons Durchmarsch voraus, der auch vor Apple nicht haltmachen dürfte.  „Amazon überholt 2018 Apple nach dem Börsenwert“, prognostizierte Galloway zum Jahreswechsel.

Erster Billionen-Dollar-Konzern der Welt?

Bereits drei Monate zuvor erklärte Galloway gegenüber dem Finanzportal TheStreet.com: „Die Aktie kennt keine Schwerkraft. Amazon hat es geschafft, Gewinne durch Vision und Wachstum zu ersetzen“, bescheinigt Galloway Gründer Jeff Bezos bereits zu deutlich niedrigeren Kursen eine goldene Zukunft.

Galloways Prognose: Amazon wird Apple nicht nur auf dem Börsenthron ablösen, sondern auch als erstes Unternehmen die magische Bewertungsmarke von einer Billion Dollar knacken – und zwar noch in diesem Jahr.  Rund vier Monate nach der Einschätzung erscheint die Prognose nach Amazons Traumlauf an der Wall Street inzwischen keinesfalls mehr so gewagt.

„Alexa wird das iPhone der nächsten Dekade“

Als Grund für den Höhenflug nennt Scott Galloway den überraschenden Erfolg von Sprachassistentin Alexa, die gegenüber Apples früher gestartetem Pendant Siri als technisch überlegen gilt und Amazon inzwischen Verkäufe des smarten Lautsprechers Echo im zweistelligen Millionenbereich beschert hat.„Alexa wird das iPhone der nächsten Dekade“, ist sich Galloway sicher.

Amazon-Chef Jeff Bezos macht sich nach dem durchschlagenden Erfolg seiner Sprachassistentin auch keine Mühe mehr, die eigenen Ambitionen zu zügeln.  „Unsere Erwartungen an Alexa waren im vergangenen Jahr bereits sehr optimistisch, und wir haben sie weit übertroffen. Wir sehen positive Überraschungen in dieser Größenordnung sehr selten – erwarten Sie, dass wir unsere Anstrengungen intensivieren“, erklärte der mit Abstand reichste Mann der Welt am Rande der jüngsten Quartalsbilanz, mit der Amazon wieder einmal die Wall Street überzeugen konnte.

Starke Quartalsbilanz dank AWS-Boom 

Im Dezember-Quartal konnte der 23 Jahre alte Internetpionier die Analystenerwartungen erneut pulverisieren und erstmals einen Umsatz von mehr als 60 Milliarden Dollar vermelden. Mehr noch: Amazon beweist nachhaltig, dass es Geld verdienen kann. Der E-Commerce-Gigant verbuchte bereits das elfte Mal in Folge einen Quartalsgewinn und verdiente mit 1,9 Milliarden Dollar so viel wie nie.

Maßgeblichen Anteil daran hat weiter die boomende Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS), die um 45 Prozent zulegte und erstmals mehr als 5 Milliarden Dollar erlöste. Die  hoch profitable Cloudsparte ist die Gelddruckmaschine, auf die Jeff Bezos in der anhaltend defizitären Unternehmenshistorie so lange gewartet hat. AWS ist für 64 Prozent von Amazons operativem Gewinn verantwortlich.

Geheimwaffe Werbung

Doch Jeff Bezos verfügt noch über eine weitere massiv wachsende Konzernsparte, die bei Analysten bislang kaum Beachtung fand: das Werbegeschäft. Im abgelaufenen Quartal konnte Amazon bereits das zweite Mal in Folge mit Anzeigenverkäufen mehr als eine Milliarde Dollar umsetzen.

Nach Einschätzung von Werbelegende Sir Martin Sorrell besitzt Amazons Anzeigengeschäft großes Potenzial. „55 Prozent der Produktsuche in den USA geht von Amazon aus. Das ist ein großes Fragezeichen für Google“, sieht der Chef des weltgrößten Agentur-Netzwerks WPP Amazon in der Domäne von Google und Facebook im Angriffsmodus. „Am Ende des Tages wachsen sie unerbittlich.“  Der Vermögensverwalter Baird rechnet in diesem Jahr bereits mit Werbeerlösen von bis zu 4 Milliarden Dollar.