Hunderttausende deutsche Facebook-Nutzer von Datenskandal betroffen


Vom jüngsten Datenskandal bei Facebook sind nach Angaben des Unternehmens deutlich mehr Mitglieder betroffen als bisher angenommen. Möglicherweise seien die Daten von bis zu 87 Millionen Nutzern auf unlautere Weise an die britische Firma Cambridge Analytica weitergegeben worden, teilte der US-Konzern am Mittwoch in einem Blogbeitrag mit. Laut der Nachrichtenagentur DPA könnten sich darunter auch rund 310.000 deutsche Nutzer befinden.

Bisher war in Medien von 50 Millionen die Rede gewesen. Die meisten der 87 Millionen Betroffenen gebe es in den USA, schrieb Technikvorstand Mike Schroepfer. Man werde sie darüber informieren.

Schroepfer berichtet über die Pläne des Unternehmens, die Datensicherheit seiner Plattform zu verbessern. So sollen Unternehmen einen eingeschränkteren Zugang zu Informationen von Facebook-Apps erhalten und alte Mitteilungsprotokolle gelöscht werden. Außerdem wolle der Konzern die Profil-Suche anhand von Telefonnummern und E-Mail-Adressen beenden. Dies sei in der Vergangenheit missbraucht worden.

Die Facebook-Aktie schloss am Mittwoch 0,6 Prozent tiefer. Seit Bekanntwerden des Skandals haben die Papiere 16 Prozent verloren.


Bei dem Datenskandal hatte der Entwickler einer Umfrage-App Informationen von Nutzern - und auch von deren Facebook-Freunden - an die Analysefirma weitergereicht. An der Umfrage haben sich 65 Nutzer aus Deutschland beteiligt, wie Facebook auf Anfrage von DPA sagte. Über die Erfassung der Informationen von Freunden - auch durch Verbindungen zu Nutzern in anderen Ländern - könnten bis zu 309.815 Facebook-Mitglieder aus Deutschland betroffen sein. Das sei die von Facebook errechnete maximale Zahl möglicher Betroffener - das gilt auch für die weltweite Schätzung von bis zu 87 Millionen Nutzern.

Angesichts der Ausweitung des Datenskandals fordern Europas Grüne mehr Transparenz von dem Unternehmen. „Facebook muss jetzt endlich alle Karten offen auf den Tisch legen und den Datenschutzbehörden vollen Zugang zu seinen Systemen bieten“, sagte der innen- und justizpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament, Jan Philipp Albrecht, dem Handelsblatt.


Scharfe Kritik äußerte Albrecht in diesem Zusammenhang an der Digital-Staatsministerin im Kanzleramt, Dorothee Bär (CSU). „Es ist skandalös, dass die Bundesregierung sich zeitgleich zu diesem Super-GAU (bei Facebook) mit Nutzerdaten auf EU-Ebene noch immer gegen eine scharfe Durchsetzung des Datenschutzes im Internet stellt und stattdessen die Interessen von Nutznießern ungewollter Datenauswertung vertritt“, sagte er.

Albrecht bezog sich dabei auf Bärs Haltung zur geplanten ePrivacy-Verordnung der EU, mit der sich Internetnutzer künftig gegen die Verarbeitung ihrer Kommunikationsdaten wehren können sollen. In einem Interview hatte die CSU-Politikerin kürzlich dazu gesagt: „Wir brauchen ein Regelsystem, dass unseren Unternehmen Chancen bietet und sie nicht zerstört. Wenn aber von der gut gemeinten, doch schlecht gemachten ePrivacy-Verordnung nur Google und Facebook profitieren und alle anderen Unternehmen leiden, ist das genau der falsche Weg.“


Seitdem bekannt ist, dass sich die britische Datenanalysefirma Zugang zu Informationen von Millionen Facebook-Nutzern verschaffte, steht das soziale Netzwerk unter erhöhtem Druck. Cambridge Analytica arbeitete vor der US-Präsidentenwahl mit dem Team von Donald Trump zusammen. Im Raum steht der Verdacht, dass die Daten von Facebook zum Wahlsieg beigetragen haben könnten. Die Beratungsfirma hat jedes Fehlverhalten von sich gewiesen.

Wegen des Skandals ermittelt etwa die britische Datenschutzbehörde, die US-Behörde Federal Trade Commission sowie die meisten Staatsanwaltschaften der US-Bundesstaaten.

Facebook steht bereits wegen Skandalen im Zusammenhang mit der Verbreitung von Falschmeldungen, der Beeinflussung von Wahlen sowie Datenschutzproblemen unter Druck. Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte in einer Telefonkonferenz, nach seiner Kenntnis gebe es keine Stimmen aus dem Verwaltungsrat des Unternehmens, die ihm zum Rücktritt drängten. Am 11. April wird er sich vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses dazu äußern müssen.