70 Prozent der Lamborghini-Käufer bald jünger als 40 Jahre, sagt Chef Winkelmann — und schildert Pläne für neuen Elektro-Supersportwagen

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Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann (re.) im Gespräch mit Business-Insider-Autor Henning Krogh. Copyright: Jannik Abelt/ Lukas Linner
Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann (re.) im Gespräch mit Business-Insider-Autor Henning Krogh. Copyright: Jannik Abelt/ Lukas Linner

Stephan Winkelmann, 57, steht seit Ende 2020 wieder an der Spitze des 1963 gegründeten Sportwagenanbieters Automobili Lamborghini. Bei dem VW-Luxuslabel aus der italienischen Region Emilia-Romagna hatte der frühere Fallschirmspringer schon von 2005 bis 2016 das Kommando, es folgten Einsätze für die damalige Quattro GmbH in Deutschland und bei Bugatti Automobiles in Frankreich.

Beim Interview am Lamborghini-Stammsitz in Sant’Agata Bolognese spricht Winkelmann mit Business Insider über den Einstieg in die Hybridisierung, den Rückzug aus Russland sowie den Ausbau von Belegschaft und Vertriebsnetz.

Herr Winkelmann, mit dem Nachhaltigkeitsplan „Direzione Cor Tauri” hat Automobili Lamborghini vor einem Jahr seine Strategie rund um Dekarbonisierung und E-Mobilität präsentiert. Liegt das Unternehmen dabei im Plan?

Ja, in jeder Hinsicht. 2022 betrachten wir als das letzte Jahr mit Produktvorstellungen reiner Verbrenner. Das Huracán-Derivat Tecnica haben wir jüngst zur New York International Auto Show enthüllt, eine weitere Version des Huracán ist im Anflug. Und im Sommer bekommt unser Viersitzer Urus ein Facelift. 2023 wird der Nachfolger unseres Topmodells Aventador folgen. Und 2024 wiederum bringen wir die Plug-in-Hybridisierung des Urus und den Nachfolger des Huracán. Somit werden wir Anfang 2025 die komplette Modellpalette hybridisiert haben. Das läuft alles genau nach Plan.

Wie steht es um die Überlegungen zur Entwicklung einer vierten Baureihe?

Solche Gedankenspiele gibt es, und wir werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit umsetzen. Die Ideen kreisen etwa um das Jahr 2028. Dieses neue Auto sollte das Beste aus zwei Welten darstellen. Zum einen mit dem für die frühen Jahre von Lamborghini typischen 2+2-Konzept eines GT-Sportwagens. Zum anderen mit so praktischer wie zeitgemäß erhöhter Bodenfreiheit. Mit einer ansprechenden Rundumsicht, einem gutem Gefühl der Sicherheit. Und mit einem innovativen Bodystyle als Zweitürer. Dieses Fahrzeug wird dann der erste vollelektrische Lamborghini sein.

Die Volumenhersteller leiden unter der Chipkrise. Wie stark trifft der Mangel an Halbleitern den Anbieter Lamborghini mit seinen nur gut 8.000 Neuwagen pro Jahr?

Es gibt wohl kaum einen Zeitraum, über den sich in der Automotive-Branche mehr Sorgen angehäuft haben, als die vergangenen zweieinhalb Jahre. Erst die Coronakrise, dann der Chipmangel, jetzt Russlands Krieg in der Ukraine. Durch die Pandemie sind wir bislang gut hindurchgekommen. Bei den Chips hilft uns, dass wir Teil eines großen Konzerns sind – und eine kleine Marke, mit geringem Volumen, aber hohen Margen pro Fahrzeug. VW hat uns mit Vorrang behandelt. Insofern hatten und haben wir kaum Probleme bei der Versorgung mit Halbleiterbauteilen.

Stichwort „Margen“: Bei Lamborghinis deutscher Markenschwester Porsche ist man stolz darauf, seit jeher die profitabelste Marke im VW-Konzern zu sein. Stimmt denn das überhaupt noch – oder verdient die Marke mit dem Kampfstier im Logo inzwischen besser? In der Wolfsburger VW-Zentrale jedenfalls heißt es, dass Lamborghini 2021 sogar noch sattere Gewinnmargen hatte als die Zuffenhausener.

Tatsache ist, dass Lamborghini mit dem Urus in den vergangenen Jahren das Volumen verdoppelt hat. Dadurch stehen wir viel solider dar und können massiv in die Zukunft investieren. Unser Geschäftsjahr 2021 lief sehr gut. Wir arbeiten daran, dass der Erfolg weitergeht. Porsche fährt seit Jahrzehnten tolle Ergebnisse ein. Diese Probe aufs Exempel müssen wir erst noch liefern.

Wie geht es weiter mit Lamborghini auf dem russischen Markt? Und wie in der Ukraine?

Unsere Aktivitäten auf dem russischen Markt haben wir ausgesetzt. In der Ukraine hatten wir in den vergangenen Jahren keinerlei Verkaufsaktivitäten. Dort allerdings produziert ein wichtiger Zulieferer Kabelstränge für Lamborghini. Wir fahren dabei jetzt auf Sicht. Seit Kriegsbeginn hatten wir lediglich drei Tage Produktionsausfall für die Huracán-Linie. Inzwischen konnten wir einen Puffer für fünf Tage aufbauen. Hut ab vor der Belegschaft in der Ukraine. Dort mussten Schichten gestrichen werden, wegen Bombenalarms. Es ist toll, was die Teams dort leisten.

Was passiert mit jenen neuen Sportwagen von Lamborghini, die für russische Käufer bestimmt waren?

Insgesamt, über alle unsere Märkte weltweit betrachtet, haben wir einen Auftragsbestand von deutlich über einem Jahr. Da ist es natürlich nicht im Geringsten ein Problem, die Autos anderweitig zu verteilen.

Der Viersitzer Urus, das mit Abstand meistverkaufte Modell von Lamborghini. Copyright: Jannik Abelt/ Lukas Linner
Der Viersitzer Urus, das mit Abstand meistverkaufte Modell von Lamborghini. Copyright: Jannik Abelt/ Lukas Linner

Wird Lamborghini eines Tages womöglich zurückkehren auf den russischen Markt?

Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen. Niemand weiß, was dort das „neue Normal“ sein wird und wie die geopolitische Lage nach dem Krieg aussehen wird.

Ob Neon, Palladium oder Kupfer – bei vielen Rohstoffen für den Autobau klettern die Einkaufskosten rasch in die Höhe. Muss Lamborghini bald die Preise erhöhen?

Auch für uns sind die steigenden Rohstoffkosten selbstverständlich ein Thema. Bis heute jedoch haben wir die besagten Erhöhungen nicht an die Kunden weitergegeben. Und momentan planen wir auch keine signifikanten Änderungen der Preise unserer Neuwagen.

Der Nachfolger des Aventador Ultimae dürfte auch Innovationen rund um Bits und Bytes zu bieten haben. Wie wichtig ist Konnektivität für künftige Zielgruppen von Lamborghini?

Das ist eine gute Frage und nicht leicht zu beantworten. Wir merken, dass es einen Wechsel gibt zu jüngeren Käuferschichten und damit wachsendes Interesse an Connectivity. Hier profitieren wir von den entsprechenden Plattformen des VW-Konzerns. Darüber hinaus streben wir hausgemachte Lösungen an. Denken Sie etwa an die die ausgefeilte Telemetrie beim Huracán-Sportmodell STO. Derlei kommt hervorrragend an. Für immer mehr Lamborghini-Interessenten ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, jene Funktionen, die ihr Smartphone bietet, auch im Fahrzeug vorzufinden. In unserer Huracán-Reihe bieten wir etwa „Alexa“ an und „What3words“.

Ist automatisiertes Fahren ein Tabu für das Selbstlenker-Label Lamborghini?

Hier existiert bei uns für künftige Zeiten schon eine Trennung im Geiste. Zum einen werden wir die zwei besonders alltagstauglichen Baureihen mit vier Sitzen haben, den Urus-Nachfolger und besagten 2+2-GT. Beide fahren vollelektrisch. Daneben werden wir sehen, was wir mit den beiden Supersportwagen machen, also den Nachfolgern von Huracán und Aventador. Die Kernfrage hier ist, ob wir mit Hybridisierung und synthetischem Benzin auch über das Jahr 2030 hinaus Verbrenner werden anbieten können. Wer sein Auto täglich benutzt, möchte neben Design, Emotion und Performance auch einen gewissen Komfort geboten bekommen, so für den Straßenverkehr in Ballungsgebieten. Insofern könnte es durchaus sein, dass Lamborghini beim Urus und der vierten Baureihe eines Tages automatisiertes Fahren auf Level 3 oder Level 4 offerieren wird. Wichtig ist dabei: Typisch Lamborghini, das werden sie auf jeden Fall sein.

Gibt es Pläne für Karosseriederivate vom meistverkauften Lamborghini, dem Urus? Etwa ein Cabriolet oder eine Version mit verlängertem Radstand und mehr Platz im Innenraum?

Der Urus hat uns in der Tat eine Vielzahl neuer Möglichkeiten erschlossen. Mit ihm denken erstmals auch jene Menschen über die Anschaffung eines Lamborghini nach, für die ein puristischer Supersportwagen niemals infrage kommt. Und es gibt global immer mehr Menschen, die sich derlei leisten können. Lamborghini muss immer eine inspirierende Marke sein, nicht nur ein Produktlabel. Dafür brauchen wir einen holistischen Ansatz. Die junge Generation verlangt Nachhaltigkeit. Im Jahr 2025 dürften 70 Prozent unserer Kunden im Alter von unter 40 Jahren sein, vor allem diese Menschen fordern Umweltverträglichkeit ein. Ein offener Urus ist nicht vorgesehen. Und viel Platz wird auch das vierte Modell zu bieten haben. Lamborghini hat eine kleine Mannschaft, wir müssen uns fokussieren.

Aventador in finaler Version „Ultimae“ – 2023 bringt Lamborghini den Nachfolger seines Topmodells
Aventador in finaler Version „Ultimae“ – 2023 bringt Lamborghini den Nachfolger seines Topmodells

Automobili Lamborghini und Audi verbindet eine enge Partnerschaft. Wie fänden Sie einen Start der Ingolstädter VW-Premiummarke im Jahr 2026 in der Formel 1?

Als Angestellter eines Automobilherstellers halte ich die Formel 1 für die Krone des Motorsports. Wenn Audi dort einsteigen würde, wäre das schon etwas Sensationelles.

Wird Lamborghini die Belegschaft – derzeit rund 1.800 Beschäftigte – weiter aufstocken?

Wir arbeiten an neuen Berufsprofilen, die sich aus der Transition von Verbrennern zur Elektrisierung sowie aus der zunehmenden Digitalisierung ergeben. Und für die Arbeit am vierten Modell werden wir gewiss noch zusätzliche Mitarbeitende benötigen.

Automobili Lamborghini kooperiert international mit 173 Händlern in 52 Märkten. Ist bei diesen Zahlen eine nennenswerte Ausweitung geplant?

Bei der Anzahl der Partner wird es keine riesigen Sprünge geben, aber in den nächsten Jahren dürften 10 bis 20 hinzukommen. Und wir bekommen immer wieder Anfragen aus Märkten, in denen Lamborghini noch nicht vertreten ist. Dabei gilt es stets abzuschätzen, ob das zu erwartende Volumen den Aufwand auch langfristig rechtfertigt.

Lamborghini verstärkt seine Aktivitäten in Indien. Was verspricht sich das Unternehmen vom Geschäft auf dem Subkontinent?

In Indien haben wir 2021 sehr gut abgeschlossen, das Land bietet weiterhin attraktive Wachstumschancen. Der indische Botschafter in Italien wird uns in Sant’Agata Bolognese schon bald besuchen. Und die Awareness in den sozialen Medien rund um Lamborghini hat gerade auf dem indischen Markt enorm zugelegt.

Gern arbeitet Lamborghini mit Lifestyle-Labeln zusammen, etwa bei Modeartikeln wie Schuhen. Was ist die Idee dahinter?

Wir arbeiten permanent an unseren Markenwerten, an der Positionierung von Lamborghini. Manche der Lamborghini-Kunden wünschen sich eine Art Style-Guide: Was geht, was geht eher nicht? Bei der Beantwortung solcher Fragen wurde ich selbst stark von meinem Vater geprägt, der im diplomatischen Dienst stand. Wir deklinieren den folgenden Anspruch durch: Lamborghini möchte mehr sein als ein Auto. Fast schon eine Art Lebenseinstellung. Und auf jeden Fall immer inspirierend.

Welche Aufgaben stehen weit oben auf Ihrer Managementagenda für 2022?

Das sind zum einen die Vorbereitungen auf den nächsten Schritt des Unternehmens, die Hybridisierung. Zum anderen werden wir gut haushalten müssen, weiterhin überzeugende Resultate zeigen auf unserem Erfolgsweg.

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