Hunderte Hochhäuser in England mit ähnlichen Fassaden wie Grenfell Tower

Die britischen Behörden gehen davon aus, dass rund 600 Hochhäuser allein in England eine ebenso leicht entzündbare Fassadenverkleidung wie der ausgebrannte Grenfell Tower in London haben

Hunderte britische Hochhäuser haben nach Einschätzung der Behörden eine ähnliche Fassadenverkleidung wie der ausgebrannte Grenfell Tower in London. Bei bislang drei Hochhäusern in Großbritannien sei bereits dasselbe leicht brennbare Material wie am Grenfell Tower nachgewiesen worden, erklärte die Regierung am Donnerstag. Es sei davon auszugehen, dass allein in England rund 600 Hochhäuser mit ähnlichem Material verkleidet seien. Premierministerin Theresa May versicherte, niemand müsse in einem unsicheren Haus wohnen.

Im Zuge der von der Regierung angeordneten Untersuchung sämtlicher Sozialbauten sei in mehreren Fällen "leicht entzündliches" Material gefunden worden, sagte May im Unterhaus. "Laut einer Schätzung der Gemeindeverwaltungen haben etwa 600 Wohntürme ein ähnliches Fassadenmaterial."

Die zuständigen Behörden und die Feuerwehr seien bereits über die Untersuchungsergebnisse informiert, sagte May. Die Hausverwaltungen seien angewiesen worden, zusätzliche Brandschutz-Überprüfungen vorzunehmen. Private Immobilienbesitzer seien ebenfalls informiert worden, ihnen würden die Untersuchungsergebnisse zur Verfügung gestellt.

Eine Regierungssprecherin wollte auf Nachfrage von AFP nicht explizit sagen, dass das Material der Fassade des Grenfell Tower leicht entzündlich war - denn dies ist noch nicht offiziell bestätigt. Das offenbar billige Material der Außenverkleidung gilt jedoch als entscheidender Faktor für die rasche Ausbreitung der Flammen in dem Wohnturm im Westen Londons. Mindestens 79 Menschen kamen bei dem Feuer ums Leben.

"Wir können und werden nicht von Menschen verlangen, in unsicheren Häusern zu leben", sagte May. Nach Angaben der Premierministerin könnten etwa 100 Gebäude pro Tag untersucht werden. Sie forderte die Verwaltungen von Sozialbauten auf, Proben abzugeben, um die Überprüfungen zu beschleunigen. Bewohner unsicherer Gebäude sollten Ersatzwohnraum bekommen.

Die Überlebenden des Grenfell Towers sollen neue Wohnungen erhalten. Aber "niemand wird gezwungen irgendwo hinzuziehen, wo er nicht hinwill". Auch werde der Brand nicht als Vorwand für Einwanderungskontrollen genutzt, versprach die Regierungschefin. In dem Wohnturm lebten viele Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung. "Alle Opfer, egal welchen Einwanderungsstatus sie haben, werden die Hilfe bekommen, die sie brauchen." Londons Bürgermeister Sadiq Khan forderte im Radiosender LBC, dass allen Betroffenen Straffreiheit gewährt werden solle - auch denen, die ihre Wohnung illegal vermieteten.

Die britische Regierungschefin hatte am Mittwoch ein Versagen der Behörden bei der Reaktion auf die Katastrophe eingeräumt und sich entschuldigt. Am Donnerstag versprach sie im Unterhaus eine umfassende juristische Untersuchung: "Jeder Stein wird umgedreht."

Die Behörden rechnen damit, dass die Opferzahl noch steigen könnte. Am Donnerstag lagen nach Angaben der nationalen Gesundheitsbehörde noch zehn Verletzte im Krankenhaus, fünf von ihnen befanden sich in Lebensgefahr. Überdies ist unklar, wie viele Menschen sich zum Unglückszeitpunkt in dem Hochhaus aufhielten - Schätzungen gehen von 600 aus. Am Mittwoch wurde das erste Opfer beigesetzt. Dabei handelte es sich um einen 23-jährigen Flüchtling aus Syrien.

Infolge der Brandkatastrophe trat unterdessen der Gemeinderatsvorsitzende im Bezirk Kensington und Chelsea, Nicholas Holgate, zurück. Holgate erklärte, es habe eine Rücktrittsforderung von Gemeindeminister Sajid Javid gegeben. Er selbst bezeichnete einen Verbleib im Amt angesichts der "erschütternden Tragödie" in seinem Bezirk als unangemessen.

Das Material der Fassade am Grenfell Tower könnte nach Einschätzung von Experten nicht nur die Ausbreitung des Feuers beschleunigt haben. Es besteht auch der Verdacht, dass durch seine Verbrennung Hydrogenzyanid freigesetzt wurde, ein hochgiftiges Gas. Ein Sprecher des King's College-Krankenhauses sagte AFP, drei der zwölf Patienten, die dort nach dem Brand behandelt wurden, hätten vorsorglich ein Gegengift verabreicht bekommen. Der Fassaden-Hersteller Celotex bestätigte, dass das Material im Falle eines Brandes giftige Gase freisetzt.