Ich bin mit dem 580 PS starken Maserati Levante Trofeo von Hamburg nach München gefahren – das hat mich auf der Tour gestört

„Business Insider“-Testwagen im Lackton „Blu Emozione“: Blau gilt gemeinhin als beruhigend – willkommener Nebeneffekt bei Pausen vom „Fahrassistenzpaket Trofeo“. - Copyright: Henning Krogh
„Business Insider“-Testwagen im Lackton „Blu Emozione“: Blau gilt gemeinhin als beruhigend – willkommener Nebeneffekt bei Pausen vom „Fahrassistenzpaket Trofeo“. - Copyright: Henning Krogh

Die Älteren unter euch dürften sich erinnern: „Mein Maserati fährt 210 ...“, sang Anno Domini 1982 ein damals 22-jähriger Neue-Deutsche-Wellenreiter namens Markus. Das mache Spaß. Er gebe Gas. Sein Sportwagen-Song allerdings blieb laut Wikipedia ein „One-Hit-Wonder“.

40 Jahre später befindet sich die Autobranche in einem fundamentalen Wandel. Im kommenden Jahr bringt die italienische Edelmarke Maserati mit dem GranTurismo Folgore (letzteres Wort bedeutet „Blitz“) ihr erstes reines Elektrofahrzeug auf den Markt. Bereits 2020 war mit dem Ghibli Hybrid der erste Teilzeitstromer des 1914 gegründeten Traditionshauses aus Modena erschienen, das – wie etwa auch Opel – inzwischen zum Stellantis-Konzern gehört. Und von 2030 an soll das Luxuslabel mit dem markanten Dreizack im Logo gar nur noch E-Mobile produzieren.

Grund genug also, nochmals einen neuen Maserati der alten (puren Verbrenner-)Schule zu fahren. Einen, der nicht 210 fährt, sondern – wenn es denn partout sein muss – 299 km/ h. Diese Angabe zur Höchstgeschwindigkeit jedenfalls findet sich in der Zulassungsbescheinigung Teil I jenes Testwagens des Typs Levante Trofeo, den sich Business Insider bei Maserati Deutschland geliehen hat.

Ansässig ist das Unternehmen in Ulm, an der Nicolaus-Otto-Straße. Wie passend: Nicolaus August Otto (1832 – 1891) gilt als Erfinder des Hubkolbenmotors mit Fremdzündung. Einen solchen „Ottomotor“ trägt auch der Levante Trofeo unter der wuchtigen Haube – und was für einen.

Kunst am (Motoren-)Bau: Bei Ferrari in Maranello zusammengesetztes "Trophäen“-Triebwerk des im norditalienischen Maserati-Werk Mirafiori komplettierten Levante.  - Copyright: Henning Krogh
Kunst am (Motoren-)Bau: Bei Ferrari in Maranello zusammengesetztes "Trophäen“-Triebwerk des im norditalienischen Maserati-Werk Mirafiori komplettierten Levante. - Copyright: Henning Krogh

Aus 3,8 Litern Hubraum schöpft dieser Achtzylinder bis zu 580 PS. Sein maximales Drehmoment beträgt 730 Newtonmeter, wie sie so manchem Lkw zur Ehre gereichen würden. Doch das Highlight des Twin-Turbo-Aggregats für gesteigert statusbewusste Straßenverkehrsteilnehmende ist eine Nachbarschaftskooperation nobler Natur: Die „Trophäen“-Maschine hat Maserati zwar in Eigenregie entwickelt, lässt sie aber von Ferrari montieren.

Dieser prestigereiche Flitzerfertiger mit Sitz in Maranello unweit Modenas hat mit dem (zwölfzylindrigen) Purosangue neuerdings selbst eine Art Levante-Rivalen im Programm. Schon länger locken Lamborghini mit der brachialen Baureihe Urus und Aston Martin mit dem gediegenen DBX um On- und Offroadfans mit Hang zur High-End-Performance.

In 4,1 Sekunden von null auf 100

Konzeptionell ist der Levante ein SUV. Vom Allradantrieb und zulässigen Gesamtgewicht – stattliche 2.825 Kilogramm – her ist er ein schwerer Geländewagen. Für den sein Hersteller allerdings, anders als bei den weniger potenten Levante-Versionen „GT Hybrid“ und „Modena“ sowie „Modena S“, keine Anhängerkupplung offerieren mag.

Womöglich schlicht aus Sorge um die Dauerhaltbarkeit der Deichseln von Wohnwagen oder Schlauchboottrailern unter „Express-Zug“: Den Spurt von null auf Tempo hundert nämlich vermag der Trofeo wie ein Sportwagen in 4,1 Sekunden zu bewerkstelligen, sofern ein beherzter Tritt erfolgt auf das silbrig glänzende Gaspedal.

Letzteres übrigens lässt sich zusammen mit dem Pendant für die Bremse auf Wunsch per Knopfdruck im Abstand zum Fahrersitz verstellen. Zumindest hier also, im Pedaltunnel und als Sonderausstattung, hat auch der Levante Trofeo schon „Elektroantrieb“ zu bieten.

Licht und Schatten: Testfahrer Henning Krogh hatte am Steuer des Leih-Maserati meistens gute Laune – in engen Autobahnbaustellen allerdings kam sein Gemüt an Grenzen. - Copyright: Henning Krogh
Licht und Schatten: Testfahrer Henning Krogh hatte am Steuer des Leih-Maserati meistens gute Laune – in engen Autobahnbaustellen allerdings kam sein Gemüt an Grenzen. - Copyright: Henning Krogh

Als Grundpreis stellt Maserati für den Levante Trofeo 153.272 Euro in Rechnung. Zum Vergleich: Für 152.048 Euro gibt es bei der deutschen VW-Premiummarke Porsche einen mit 550 PS nur wenig schwächeren Cayenne Turbo als „Kassenmodell“.

Mit allerlei Extras für den Levante Trofeo wie Panorama-Glasschiebedach, geschmiedeten 22-Zoll-Felgen (Mischbereifung: 265/35 R22 vorn, 295/30 R22 hinten) und „Maserati ‚Active Shifting’ Carbonschaltwippen“ zur manuellen Bedienung des ZF-Achtganggetriebes kommen im Testwagen 169.099 Euro zusammen. Erneut zur Einordnung: Für gut 35.000 Euro mehr rückt Porsche sein bis unter das coupéartige Dach mit Technik-Gimmicks vollgestopftes Top-SUV Cayenne Turbo GT (640 PS) heraus.

Wie ein Porsche wird auch der Test-Maserati links vom Volant gestartet und ausgestellt, hier per Tastendruck. Der formschöne und wie aus dem vollen Metall gefräst wirkende Hauptschlüssel des Levante Trofeo kann in Hosen- oder Handtasche verbleiben.

Neptuns Dreizack oft fest im Blick: Levante-Lederlenkrad sowie mit den Zeichen „-" und „+“ versehene Schaltwippen aus Kohlenstofffasern als "Trofeo“-Sonderausstattung.  - Copyright: Henning Krogh
Neptuns Dreizack oft fest im Blick: Levante-Lederlenkrad sowie mit den Zeichen „-" und „+“ versehene Schaltwippen aus Kohlenstofffasern als "Trofeo“-Sonderausstattung. - Copyright: Henning Krogh

Der Sound dieses SUV ist schon im Leerlauf ein Ohrenschmaus – und wird bis zu besagten Kraftspitzen bei 6750 Umdrehungen der Kurbelwelle pro Minute immer kerniger. Mechanisch samtig läuft das Herzstück des Fast-Dreitonners in jeglichem Lastbereich.

Überhaupt sind Fahrkomfort und Komfort beim Fahren zentrale Stärken des Levante Trofeo. Ob Luftfederung oder Lenkradheizung – Luxus schreibt Maserati groß. Klein hingegen, gar allzu winzig für grobmotorisch strukturierte Herrenhände, ist dem altehrwürdigen Autoanbieter das Bedienungsfeld für die Lenkradwärmung geraten.

Lässt sich dies noch als lässliche Sünde werten, so wünscht man dem „Fahrassistenzpaket Trofeo“ spätestens nach der Langstrecke von Hamburg nach München ewige Verdammnis. Das Helferlein-Cluster umfasst ausweislich des offiziellen Datenblatts folgende Extras: „Adaptive Geschwindigkeitsregelanlage mit Stop & Go und Spurhalteassistent, Surround View 360°-Kamera, Auffahrwarnsystem mit erweitertem Bremsassistenten und automatischem Notbremssystem, Verkehrszeichenerkennung, Aktiver Fahrassistent (Stau- und Autobahnassistent, Fußgängererkennung“).

Elektrisch betätigtes Panorama-Glasschiebedach: Hebt den Schwerpunkt des SUV, aber auch das Wohlbefinden auf seinem Gestühl in „Pieno Fiore Naturleder (Cuoio). - Copyright: Henning Krogh
Elektrisch betätigtes Panorama-Glasschiebedach: Hebt den Schwerpunkt des SUV, aber auch das Wohlbefinden auf seinem Gestühl in „Pieno Fiore Naturleder (Cuoio). - Copyright: Henning Krogh

Und viele dieser Extras führen etwa in engen Baustellen auf der Bundesautobahn 7 zu einem fast permanenten Geblinke und Gebimmel. Klar, das Gros der Funktionen ist justierbar in der Sensitivität oder lässt sich deaktivieren. Dennoch bleiben Zweifel, ob Maseratis Elektronik-Ingenieure jemals mit komplett eingeschaltetem „Mäusekino“ von Modena nach Brindisi gefahren sind. Wenn ja, dann wird wohl auch auf diesen gut 800 Kilometern inoffiziell bisweilen lauthals geflucht worden sein.

Aber bestimmt auch leise gelobt: So geben die vorn 12-fach verstellbaren Sportsitze des Levante Trofeo guten Halt, sind belüft- und beheizbar. Auf den hinteren Plätzen schaffen abgedunkelte Seitenscheiben mit Wärme- und Geräuschdämmung, großzügige Beinfreiheit und Sitzheizungen rundum Behaglichkeit. Und zum guten Schluss der 5,02 Meter langen, 1,98 Meter breiten und 1,70 Meter hohen Fuhre steht ein 580 Liter großer Gepäckraum zur Verfügung.

Dass die Maserati-Entwickler vor Jahren mit einiger Liebe zum Detail an die Arbeit gegangen sind, beweist die automatische Schließung der geöffneten Heckklappe. Erst nach einer ausgedehnten „Gedenksekunde“ fährt der Deckel nieder, großgewachsene Lademeister können somit rechtzeitig ihren Schädel in Sicherheit bringen.

Dreck- und Heckpartie: Rückwärtige Ansicht des Leih-Levante im winterlichen Bayern nach fast 1000 Kilometern auf der Nord-Süd-Achse von Hamburg nach München. - Copyright: Henning Krogh
Dreck- und Heckpartie: Rückwärtige Ansicht des Leih-Levante im winterlichen Bayern nach fast 1000 Kilometern auf der Nord-Süd-Achse von Hamburg nach München. - Copyright: Henning Krogh

Dass wiederum Markus, der deutsche Pop-Artist, vor Jahrzehnten neben gewissen sängerischen über gewisse seherische Fähigkeiten gebot, belegen einige seiner Liedtextzeilen. „Und kost' Benzin auch drei Mark zehn – scheißegal, es wird schon geh'n“, trällerte der junge Mann über einen Literpreis von umgerechnet gerade mal 1,53 Euro.

Und es ging ja wirklich. Vor allem noch viel weiter bergauf – mit den Spritnotierungen: Rund 40 Cent mehr waren zu berappen, als 40 Jahre später der leere Levante befüllt werden musste. Einen kombinierten Verbrauch nach WLTP von 14 bis 14,6 Liter pro 100 Kilometer gibt Maserati an – und einen ebenfalls beträchtlichen Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid von 317 bis 330 Gramm pro Kilometer. Im Testbetrieb von Business Insider wurden es fast fünf Liter mehr. Nebst entsprechend happigeren CO2-Emissionen. Markus besang das damals so: „Der Tankwart ist mein bester Freund – hui, wenn ich komm, wie der sich freut“.