Nach 5 Jahren als Software-Entwickler bei Google wurde ich gefeuert — darum hat sich das positiv auf meine Karriere und meine mentale Gesundheit ausgewirkt

·Lesedauer: 7 Min.

Im April 2015 wurde ich von meinem ehemaligen Arbeitgeber entlassen. Fast fünf Jahre habe ich bei Google in Zürich gearbeitet. Etwa ein Jahr zuvor hatte ich einen Burn-out. Meine Produktivität sank rapide. Früher habe ich pro Woche etwa fünf Änderungen an der Codebasis, die Gesamtheit der zu einem Projekt gehörenden Quelltextdateien, vorgenommen. Dann sind sie im Durchschnitt auf eine pro Woche gesunken. Und das bei demselben Projekt, derselben Umgebung und denselben Rahmenbedingungen. Hätte man meine Produktivität in einem Diagramm dargestellt, hätte es ausgesehen, als wäre es von einer Klippe in die Tiefe gestürzt.

So konnte es nicht weitergehen. Ich musste etwas ändern. Ich wechselte das Team und ging in einen anderen Aufgabenbereich — in die semantische Suche. Doch das stellte sich als Fehler heraus. Die semantische Suche ist eine Suchmethode, bei der die Bedeutung einer Suchanfrage in den Mittelpunkt gestellt wird. Mithilfe von Hintergrundwissen wird bei einer semantischen Suchmaschine die inhaltliche Bedeutung eines Textes berücksichtigt. Diese optimiert die Suche. Das Problem dabei: Die Suche ist das größte und komplexeste Produkt bei Google. Außerdem beschäftigt es eines der intelligentesten Teams im Unternehmen überhaupt.

Meine Leistungsfähigkeit konnte sich nicht erholen — stattdessen sank sie weiter

Zu diesem Zeitpunkt begann sich auch mein Verhältnis zum Manager und Teamleiter zu verschlechtern. Sie hatten mich ins Team geholt, in der Hoffnung einen Mehrwert von mir zu erhalten. Doch diesen konnte ich damals nicht bieten. Der erste Instinkt meines Vorgesetzten war es, mich zu disziplinieren. Er ließ mich überwiegend vor dem Computer sitzen und überwachte jeden Schritt. Wann ich ankam, wann ich ging, was ich während meiner Arbeitszeit tat. Er verfolgte jeden meiner Arbeitsschritte. Das machte die Sache nur noch schlimmer für mich.

In privaten Gesprächen wurde ich gefragt, warum ich nicht einfach kündigen würde. Ich sagte, ich sei mit meinem Gehalt bei Google sehr zufrieden und würde es nicht missen wollen. Damals waren es ungefähr 152.000 Euro im Jahr. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, wenn Google mit meiner Leistung unzufrieden sein sollte, könnten sie mich ruhig entlassen. Aber ich würde nicht von selbst kündigen.

Ich kam in ein Leistungsverbesserungsprogramm

Ein Leistungsverbesserungsprogramm ist eine formelle Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Angestellten, in der genau festgelegt ist, wie viel Arbeit die oder der Angestellte in einem bestimmten Zeitraum zu leisten hat. In meinem Fall belief sich der Zeitrahmen auf zwei Monate.

Bereits nach einer Woche wurde mir allerdings klar, dass ich diese Zielsetzungen nicht erreichen würde. Ich verbrachte meinen Tag hauptsächlich damit, auf den Bildschirm zu starren. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich hatte alles bildlich vor mir. Doch ich konnte mich nicht dazu bringen, meine Arbeit zu erledigen. Ich verzweifelte zunehmend. Also ging ich kurze Zeit später zu meinem Vorgesetzten und sagte ihm, dass ich das Leistungsverbesserungsprogramm wahrscheinlich nicht überstehen würde.

Ein Gespräch mit der Personalabteilung und dem Leiter des Unternehmens folgte. Mir wurde gesagt, ich würde wegen „groben Fehlverhaltens“ entlassen werden. Dieser Kündigungsgrund hatte zur Folge, dass ich von Google die ersten drei Monate nach der Entlassung keine Arbeitslosenunterstützung erhalten würde. Wäre ich aus einem anderen Grund entlassen worden, hätte das Unternehmen laut meinem Vertrag noch drei Monate nach meinem Gehen mein Monatsgehalt und Sozialabgaben zahlen müssen.

Noch bevor die zwei Monate des Leistungsverbesserungsprogramms abgelaufen waren, erhielt ich in der darauffolgenden Woche meine Kündigung. Ich gab mein Arbeitsequipment an Google zurück und mein Google-Angestelltenkonto wurde geschlossen. Mein Manager begleitete mich aus dem Gebäude. Das Ganze dauerte zehn Minuten. Wir gingen in ein nahegelegenes Café, wo er mir ein Getränk ausgab. Wir unterhielten uns.

Jetzt verstehe ich, dass mein Vorgesetzter auf eine solche Situation nicht vorbereitet war

Mein Chef war ein ausgezeichneter Ingenieur und ein sehr kluger Mann. Unter anderem aus diesem Grund wurde ihm die schwere Aufgabe übertragen: sich um mich zu kümmern. Doch selbst ein erfahrener Manager mit vielen Jahren Erfahrung in einer Führungsposition hatte Schwierigkeiten, jemanden mit Burn-out zu betreuen.

Mein Vertrag hatte eine einmonatige Kündigungsfrist. Einen Monat war ich noch offiziell angestellt und bezog ein volles Gehalt, aber arbeitete nicht mehr. Google stellte mir ein ausgesprochen positives Referenzschreiben für künftige Stellen aus, ohne ein Wort über meine Produktivitätsprobleme zu erwähnen.

Für mich war dieser ganze Prozess sehr unangenehm. Ich ärgerte mich über die mangelnde Empathie seitens des Unternehmens. Nach wie vor bin ich der Meinung, sie hätten anders mit der Situation umgehen müssen. Ich möchte aber betonen: Ich fechte meine Entlassung nicht an — nur die Art und Weise, wie sie zustande kam. Es ist ein wahnsinnig unangenehmes Gefühl, wenn die Vorgesetzten einem nicht vertrauen.

Ich hätte früher einen Arzt aufsuchen müssen

Kein Mensch rechnet damit, krank zu werden. Vor allem erwartet niemand, Krebs, Diabetes oder Depressionen zu entwickeln, selbst wenn man sich über die Möglichkeit bewusst ist. Bis es passiert. Weder ein gesunder Lebensstil noch perfekte Gene können uns Menschen davor bewahren. Es kann jede und jeden treffen.

Einige Zeit nach meiner Kündigung beschloss ich, einen Arzt aufzusuchen. Relativ schnell wurde bei mir eine Depression diagnostiziert. Ich erhielt Medikamente und begann eine Therapie.

Depressionen zehren an unserer Motivation. Auch an der Motivation, etwas gegen die fehlende Motivation zu unternehmen. Und dazu gehört, zum Arzt zu gehen. Doch das ist der entscheidende Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste: sich überwinden, sich Hilfe zu suchen. Nur dann kann die Krankheit behandelt werden.

Ich musste lernen, dass einige meiner Symptome keine Anzeichen für Burn-out waren. Ich hatte ein geringes Selbstwertgefühl, teilweise auch Suizidgedanken. Ich musste erst lernen, dass diese Gedanken Anzeichen für eine schwerwiegende Depression sind. Dementsprechend habe ich gebraucht, um Hilfe zu suchen. Jetzt, sechs Jahre später, bin ich froh, dass ich bei Google gefeuert wurde und mich mit mir auseinandersetzen musste. Es hat mir geholfen, von meiner Depression und dem Burn-out zu genesen.

Google ist meiner Meinung nach eine Honigfalle

Google als Arbeitgeber wirkt verlockend. Die Bezahlung ist gut. Man ist von unglaublich klugen Leuten umgeben. Die Versorgung mit Essen und Getränken könnte nicht besser sein. Im Allgemeinen hat man wenig Probleme. Das macht das Unternehmen zu einem attraktiven Arbeitgeber. So auch für mich. Also blieb ich und blieb ich und blieb ich. Doch das war ein Fehler. Allerdings merkte ich das erst mit meinem Burn-out. Es zwang mich dazu, mein Leben zu überdenken, mein eigenes Denken und Verhalten zu reflektieren. Ich habe alles infrage gestellt, was vorher für mich natürlich war.

Mit meiner Kündigung hatte ich plötzlich mehr Zeit. Ich dachte darüber nach, was ich erlebt hatte, was meine Vorstellungen von der Zukunft sind und wie ich die Gegenwart gestalten möchte. Das war nicht unbedingt leicht. Programmieren war für mich bislang das einzige, was ich gemacht habe. Als das plötzlich weg war, war ich verwirrt. Seitdem habe ich ein paar Mal den Job gewechselt. Ich hatte die Gelegenheit, in völlig unterschiedlichen Umgebungen und an verschiedenen Projekten zu arbeiten. Erst war es schlimm, gefeuert zu werden. Bis ich realisierte, dass es mir auch eine Masse an neuen Chancen ermöglicht.

Was ihr tun solltet, wenn ihr euch in einer Situation befindet, die nach einem Burn-out aussieht

Als ersten Schritt empfehle ich euch, einen Arzt aufzusuchen. Viele Menschen leiden an Depressionen und Burn-out. Es gibt eine Fülle an Forschungsergebnissen zu der Verschränkung der beiden Erkrankungen. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befassen sich mit der Erforschung, Behandlung und Bewältigung dieser Krankheiten. Nutzt deren Fachwissen und versucht nicht, alles alleine zu schaffen.

Außerdem lege ich euch ans Herz: akzeptiert euren Zustand und euer Gefühl. Versucht nicht, die verbleibende Kraft dadurch zu steigern oder zu verbessern, indem ihr euch mit der Arbeit quält. Es wird euch nicht zu einem glücklicheren oder gesünderen Menschen machen — im Gegenteil. Es macht es häufig noch schwerer. Versucht, mit euren Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten, Familie sowie Freundinnen und Freunde über eure Gedanken zu sprechen. Schon das kann dabei helfen, die Situation anzunehmen und nach Lösungsansätzen zu suchen.

Manchmal ist es gut, eine Pause zu machen, um sich neu zu orientieren. Wie lang die sein mag, ist nur individuell zu bestimmen. Aber denkt immer daran, dass all eure Fähigkeiten, all eure Erfahrung und euer gesamter Charakter immer bei euch bleibt, egal was ihr unterbrechen oder beenden werdet. Es werden sich neue Möglichkeiten ergeben.

Ich lebe noch immer in der Nähe von Zürich und mir geht es gut. Ich arbeite in einer Software-Entwicklungsfirma einer autonomen Flugsteuerungssoftware. Ich habe ein hervorragendes Team. Es sind neugierige Menschen mit unglaublich diversen Fähigkeiten: von Optik, 3D-Druck und Chipdesign, über Luftfahrtzertifizierung und maschinellem Lernen, bis hin zu Fachwissen über Düsentriebwerke, Piloten und Entrepreneurship.

Ich würde also sagen, dass am Ende alles gut gegangen ist. Mein Burn-out war gewissermaßen ein hilfreicher und notwendiger Weckruf. Manchmal brauchen wir alle einen Tritt in den Hintern.

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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