5 Gründe, warum wir 2018 öfter auf Smartphones und Social Media verzichten sollten

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger

 

Ein Selfie geht immer: Die Welt ist Smartphone-süchtig geworden (Foto: AP/Chris Pizzello/Invision)

Neues Jahr, neue Vorsätze. Weniger essen, mehr Sport – weniger Smartphone-Nutzung. Auf vielen Vorsatz-Listen dürfte der liebgewonnene digitale Alleskönner plötzlich auftauchen. Schuld an der Wandlung vom Saulus zum Paulus sind immer neue Forschungserkenntnisse, die die schlimmsten Befüchtungen bestätigen. Smartphones sind schlecht für unsere (psychische) Gesundheit – vor allem wegen des Suchtfaktors Social Media.

1. Zeitkiller Smartphone

Montagmorgen um 7 Uhr in der S-Bahn: Der Anblick gleicht einem Science-Fiction-Film. Alles blickt mit geneigtem Kopf auf ein etwa 15 x 7 x1 cm großes Stück Hightech mit Glasschicht. So wie die 20er-Jahre mit dem Radio und die 60er-Jahre mit dem Farbfernseher verbunden sein werden, hat das Smartphone die 10er-Jahre des 21. Jahrhunderts definiert.

Der Siegeszug begann 2007 mit der Einführung von Apples iPhone, das ab dem iPhone 4, das 2010 in den Handel kam, massenmarktauglich wurde. Heute dominieren iPhones, Samsung Galaxy-Geräte oder Huawei-Smartphones unseren Alltag – ob wir es wollen oder nicht. Wir managen unsere Verabredungen in WhatsApp-Chats, wir kommunizieren mit Freunden, Kollegen, Bekannten und Verwandten über unsere mobilen Mail-Apps oder gleich über den Facebook Messenger und scrollen endlos durch das weltgrößte soziale Netzwerk oder das Fotonetzwerk Instagram – und ganz selten telefonieren wir auch noch mit unseren smarten Telefonen.

Vor allem jedoch verplempern wir dramatisch unsere Zeit mit unserem Smartphone. Wie der US-Marktforscher Flurry herausgefunden hat, verbringen US-Verbraucher am Tag fünf Stunden mit mobilen Endgeräten, den Löwenanteil davon mit dem Smartphone. Marktforscher eMarketer kommt für die Smartphone-Nutzung in den USA ebenfalls bereits auf deutlich mehr als vier Stunden.

Die Nutzung von iPhone & Co. übertrifft damit inzwischen längst das Fernsehen. Zu 92 Prozent werden dabei Apps wie Facebook, Instagram, Snapchat & Co. genutzt, nur 8 Prozent im Web gebrowst. Wenn wir bereits ein Viertel unserer Wachzeit mit dem Smartphone verbringen, mindestens eine Hälfte arbeiten, ist klar, dass kaum noch etwas vom Tag bleibt. In anderen Worten: iPhone, Samsung Galaxy, Facebook, Instagram, WhatsApp & Co. haben längst unmerklich einen großen Teil unseres Tages ‚entführt‘, ohne dass wir es eigentlich merken…

Im Video: Auf diesen Smartphones funktioniert WhatsApp bald nicht mehr

2. Unsere Konzentration leidet 

Die Konsequenzen der exzessiven Smartphone-Nutzung fallen heutzutage wohl nur noch Menschen auf, die zumindest die Hälfte ihres Erwachsenenlebens ohne iPhone & Co. verbracht haben – eine Zeit, ohne ständige Echtzeit-Updates von neuen Mails, Chat-Nachrichten, Tweets, Facebook-Kommentaren, die neusten Aktien- und Bitcoinkurse – ständig vibriert das Smartphone, signalisiert mit Tönen, dass wieder eine neue Nachricht eingetroffen ist, die ja wichtig sein könnte oder es blinkt das Display mit einer neuen Benachrichtigung auf.

Das Smartphone hat uns in der vergangenen Dekade dahingehend domestiziert, always on zu sein – immer erreichbar, immer präsent, immer darauf vorbereitet, dass eine neue Eilmeldung oder wenigstens ein neuer Beitrag im WhatsApp-Gruppen-Chat eintrudelt – oder zumindest irgendjemand unser neues Profilbild auf Facebook liked.

Tatsächlich greifen wir dementsprechend über 80 Mal am Tag nach dem Smartphone und berühren dabei das Display unfassbare 2617 Mal, wie der Softwareentwickler dscout bereits Mitte 2016 in einer Studie herausgefunden hat. „Facebook untergräbt die Produktivität in komischer Weise“, gab selbst Seriengründer Sean Parker, Facebooks erster Präsident Ende vergangenen Jahres zu. Dr. Adrian Ward, Psychologie-Professor der Texas University in Austin, hat unterdessen in einer Studie nachgewiesen, dass bereits die bloße Präsenz eines Smartphones ausreicht, um unsere Denkaktivität zu reduzieren. In anderen Worten: Smartphones schwächen unsere Konzentrationsfähigkeit

3.  Unsere Hirnaktivität verändert sich

Weitaus gravierender dürften unterdessen die Spätfolgen unseres massiven Smartphone-Konsums sein – besonders bei immer jüngeren Nutzern, die praktisch mit iPhone & Co. aufgewachsen sind und bereits im Kindesalter auf die Dauerinteraktion mit dem Display konditioniert  wurden. „Nur Gott weiß, was es mit den Gehirnen unserer Kinder anrichtet“, äußerte sich Sean Parker in Bezug auf Facebook und andere Social Networks, die am Ende den Rohstoff der Smartphone-Nutzung bilden, auf einer Podiumsdiskussion besorgt und vor allem selbstkritisch. Schließlich hatte Parker Facebook in der frühen Phase ab 2005 auf Wachstum getrimmt.

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„Die Motivation bei der Entwicklung der frühen Applikationen – und Facebook war die erste – war: Wie können wir so viel Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer wie möglich bekommen“, gab der frühere Gründer von Napster zu. „Das bedeutete, dass wir einen regelmäßigen Dopaminausstoß triggern mussten, weil jemand ein Bild oder Post likte oder kommentierte. Das führte dazu, dass mehr Leute mehr Content lieferten, die wiederum mehr Likes und Kommentare erzeugten“, erklärte Parker das Suchtprinzip des Social Networks.

Wie ein Pawloscher Hund sich in Abhängigkeit von seinem Besitzer befindet, so wird unser Gehirn inzwischen in immer kürzeren Abständen auf neue Impulse  von unserem Smartphone trainiert. Rastlos scrollen wir im Facebook-Feed und der Twitter-Timeline umher, immer in der Hoffnung, einen neuen Dopaminausstoß triggern zu können, der uns vermeintlich einen kurzen Glücksmoment beschert. Dass die Suche nach dem digitalen Kick schnell zur Sucht werden kann, wird damit gern ausgeblendet…

4. „Soziale Medien sind ein Krebsgeschwür“

„Facebook ist eine soziale Bestätigungsmaschine, genau die Sache, die ein Hacker wie ich entwerfen würde, weil es sich die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche zunutze macht“, gab Sean Parker im vergangenen November zu.  „Die Erfinder – ich, Mark Zuckerberg und Kevin Systrom bei Instagram – haben das verstanden. Und wir haben es trotzdem gemacht“,  zeigt sich der Tech-Milliardär selbstkritisch.

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Auch ein anderer früherer Facebook-Mitarbeiter zeigt Reue. „Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert“, erklärt Chamath Palihapitiya, ab 2007 verantwortlicher Manager für das Nutzerwachstum, mit Blick auf die Like-Kultur. „Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinander reißen“ ,

Social Media-Dienste, die den Löwenanteil der genutzten Smartphone-Apps ausmachen, erfreuen sich so großer Beliebtheit, weil sie eindringlich an menschliche Urinstinkte appellieren.  LinkedIn-Gründer Reid Hofmann hatte deswegen vor Jahren die These in den Raum gestellt, dass erfolgreiche Social Networks an die sieben Todsünden erinnern – Facebook etwa profitiere von der Eitelkeit seiner Nutzer, LinkedIn etwa von der Gier.

Im Umkehrschluss können Social Media-Dienste entsprechend aber auch jede Menge toxische Emotionen wie Neid, Missgunst und Hass freisetzen. Der Schweizer Besteller Autor Rolf Dobelli („Die Kunst des guten Lebens“) nennt Facebook deswegen „eine Neidmaschine”, vor der man sich besser fernhalten solle.

„Es macht mich nur nervös, weil ich mich verpflichtet fühle, stets etwas zu posten. Und als Konsument hat man das Gefühl, den anderen gehe es besser als einem selber: Sie haben es lustiger, sie haben schönere Ferien, sie haben die glücklichere Familie. Studien zeigen, dass Leute nach einer Facebook-Session unglücklicher sind als davor“, erklärt Dobelli zuletzt in einem Interview – was Facebook sogar zuletzt teilweise bestätigte. Dobellis aufrüttelndes Urteil: „Die sozialen Medien sind für mich wie ein Krebsgeschwür. “

5.  Alles ist gesagt, gepostet und geteilt

Viele Nutzer dürften in diesen Tagen auf ein Jubiläum blicken: Zehn Jahre ist das iPhone auf dem Markt, praktisch ebenso lange sind Social Networks wie Facebook und Twitter, später auch Instagram auf dem Massenmarkt angekommen. Nach einer Dekade drängt sich für viele Nutzer die Frage nach einer Bilanz auf. Was bringt mir die permanente Smartphone-Nutzung, was die Omnipräsenz in den sozialen Medien?

Gerade zum Start ins neue Jahr lohnt es sich, einmal Tabula rasa zu machen. Bei ehrlicher Betrachtung dürfte die Ernüchterung inzwischen groß ausfallen. Wie wichtig ist die aufpoppende Eilmeldung der Tagesmedien wirklich, wie notwendig ist es, im WhatsApp-Chat auf den letzten Kommentar zu antworten, wie wichtig, ein neues Foto bei Facebook vom Spaziergang an der Alster zu posten – ein Motiv, das wir Jahr für Jahr fotografiert haben?

Bei ehrlicher Betrachtung müssen wir feststellen: (Fast) alles scheint gesagt, gepostet und geteilt. Die aufregende Pionierzeit der sozialen Medien liegt längst hinter uns, seit Jahren werden wir im Newsfeed, in Timeline und Threads mit der ewigen Wiederholung des Gleichen zugemüllt. Gleichzeitig wird unser Leben jeden Tag kürzer. Verplempern wir es nicht mit Nichtigkeiten, Wiederholungen und Banalitäten auf den Smartphones im Allgemeinen und Social Networks im Besonderen. Auf ein erlebnisreiches 2018!