400 Attacken in sechs Monaten – Richter in Großbritannien wollen Säure ächten

In Großbritannien häufen sich Angriffe mit Säure wie der auf Innogy-Vorstand Günther. Britische Richter stufen Säure als hochgefährliche Waffe ein.


Der Säureangriff auf den Innogy-Manager Bernhard Günther rückt eine Straftat in den Mittelpunkt, die in Großbritannien zum traurigen Alltag gehört. Dort gab es in den vergangenen Jahren eine Häufung von Säureangriffen.

Britische Richter ziehen nun die Reißleine und stellen bereits das Mitführen von Säuren unter Strafe, wie die Zeitung „Independent“ am Donnerstag berichtete. Das geht aus neuen Richtlinien hervor, die vom Sentencing Council, einem Organ des Justizministeriums, veröffentlicht wurden.

Erwachsenen, die bereits zum zweiten Mal verurteilt wurden, eine ätzende Substanz in der Öffentlichkeit mitzuführen, droht ab dem 1. Juni eine Gefängnisstrafe von mindestens sechs Monaten. Jugendliche unter 18 Jahren müssen eine viermonatige Haftstrafe absitzen.

In England und Wales wurden in den letzten sechs Monaten mehr als 400 Angriffe mit säurehaltigen Substanzen registriert. In Deutschland hingegen handelt es sich bei solchen Straftaten eher um Einzelfälle. Hierzulande wird ein Säureanschlag meistens als Körperverletzung geahndet, was eine Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren oder eine Geldstrafe nach sich zieht.

Laut des Independent-Berichts passen sich die neuen Richtlinien der bestehenden Gesetzgebung zum Mitführen von Messern an. Während jedoch Messer als gefährliche Waffe eingestuft werden, fällt Säure nun unter die Kategorie „hochgefährliche Waffe“, dessen Risiko über das einer einfachen Verletzung hinausgeht. Zwei Menschen sind bisher in Großbritannien in Folge von Säureattacken gestorben, viele weitere haben lebensverändernde Verletzungen erlitten. Nun steigt durch die hohe Zahl der Fälle der politische Druck auf die Behörden.

Laut Polizeiberichten seien einige der schwersten Übergriffe mit Schwefelsäure durchgeführt worden. Doch es seien auch dutzende andere ätzende Substanzen im Umlauf. Darunter seien auch einige, die nicht durch bestehende Verbote und freiwillige Verkaufsbeschränkungen abgedeckt sind.

Rachel Kearton, Leiterin des National Police Chiefs’ Council, warnte bereits im Dezember davor, dass Großbritannien eine der weltweit höchsten Raten an registrierten Angriffen pro Einwohner aufweist. „Es sind Stoffe wie Bleichmittel, chemische Reizstoffe – alles, was Sie in einem Küchenschrank finden könnten“, sagte sie dem Independent. „Wir müssen uns vor Augen halten, dass es sich nicht um illegale Substanzen handelt, sondern welche, die häufig im Haushalt verwendet werden und die wir wahrscheinlich alle besitzen.“

Bislang war die Polizei nicht in der Lage, ätzende Substanzen zu identifizieren, die häufig in Trinkflaschen versteckt sind, heißt es weiter. Ein Pilotprojekt, diese mit einem Teststreifen zu untersuchen, sei ebenfalls gescheitert.


Große Einzelhändler hätten nun ein freiwilliges Verkaufsverbot für gefährliche Produkte für Kinder unter 18 Jahren unterzeichnet. Die neuen Richtlinien des Sentencing Councils zielten neben Säuren auch auf Messer und andere Klingenwaffen, um sicherzustellen, dass Menschen, die sie wiederholt tragen oder zur Bedrohung anderer benutzen, schneller bestraft werden können.

Rechtsexpertin und Ratsmitglied des Sentencing Councils Rosina Cottage erklärte: „Zu viele Menschen in unserer Gesellschaft tragen Messer. Wenn jemand ein Messer hat, braucht es nur einen Moment der Wut oder Trunkenheit, damit es herausgenommen wird und andere verletzt oder gar getötet werden.“

Laut des Independent-Berichts verzeichneten die britischen Behörden allein von Juli bis September 2017 3359 Straftaten bei denen ein Messer eingesetzt wurde, 1708 Mal wurde der Besitz einer Waffe registriert und es gab 257 Fälle, bei denen mit einem Messer gedroht wurde.