40 Minuten online auf Lenta.ru: Wie es Journalisten gelang, Putin-kritische Artikel zu posten

Der russische Journalist Jegor Poljakow ist ehemaliger Mitarbeiter von Lenta.ru, einem der beliebtesten kremltreuen russischen Online-Portale.

Seinen Job wurde er von einem Tag auf den anderen los, als es ihm und seiner Kollegin Alexandra Miroschnikowa Anfang Mai gelang, kurzfristig kritische Artikel über Präsident Putin auf der Webseite zu veröffentlichen. Ausgerechnet am 9. Mai, dem Tag des Sieges, einem der wichtigsten russischen Feiertage.

"Putin muss gehen"

Einer der veröffentlichten Artikel trug etwa den Titel: "Putin muss gehen. Er hat einen sinnlosen Krieg losgetreten und führt Russland in den Abgrund."

Insgesamt wurden rund 20 solcher Texte kurzzeitig auf Lenta.ru veröffentlicht, sind aber mittlerweile nur noch im Webarchiv einsehbar. Für ihre Protestaktion hatten Poljakow und seine Kollegin Alexandra Miroschnikowa offenbar Überschrift und Text schon bestehender Artikel auf der Seite ausgetauscht.

Die Artikel, versehen mit dem Hinweis, der Inhalt sei nicht von der Redaktion genehmigt, blieben 40 Minuten lang online. Nach der Aktion mussten beide Journalisten Russland verlassen, da ihnen in ihrer Heimat strafrechtliche Verfolgung droht. Im Interview mit Euronews erklärt Jegor Poljakow seine Beweggründe.

"Sich raushalten ist leider genau dasselbe, wie sich daran zu beteiligen"

"Auf Lenta.ru wurden mehrere Artikel veröffentlicht, die, wie mir scheint, ziemlich wahrheitsgetreue Informationen darüber enthielten, was derzeit in Russland und in der Ukraine, unserem engsten Nachbarn und im Prinzip in der ganzen Welt geschieht.

Die Artikel berührten all die Themen, über die die russischen Behörden schweigen wollten. Ich habe diese Entscheidung schnell getroffen, wir standen einige Wochen total unter Schock nach dem Beginn des Krieges.

Dann habe ich nach der besten Option für mich und für mein Gewissen gesucht, was ich tun kann, um diese Situation zu beeinflussen.

Mir geht es darum, mit mir selbst im Reinen zu sein. Meiner Meinung nach versuchen viele Leute, die kollektive Verantwortung zu leugnen. Viele russische Mitbürger haben sich selbst lange Zeit damit beruhigt, dass sie mit diesem Krieg nicht zu tun haben, weil sie sich nicht in die Politik einmischen.

Aber nein, in einer modernen Gesellschaft, einer normalen modernen Gesellschaft, funktioniert das so nicht. Sich raushalten ist leider genau dasselbe, wie sich daran zu beteiligen.

"Die Tyrannei kann nicht ewig währen"

Es ist so, dass, wenn du dich aus dem Kampf heraushältst, aber der Kampf vor deinen Augen stattfindet, du Dich zu einem Komplizen machst, oder zumindest einem Zeugen.

In erster Linie aber geht es mir darum, anderen Russen, die genauso denken, das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind. Denn es wurden viele repressive Gesetze verabschiedet, und meine Mitbürger sind nun gezwungen, nach diesen Gesetzen zu leben.

Für ein paar Phrasen kann man mindestens eine Geldstrafe und maximal 15 Jahre Gefängnis bekommen. Ich vermute, dass dies das für viele einen furchtbaren Stress bedeutet. Vor allem für sie waren diese Artikel bestimmt.

Damit sie wissen, dass sie nicht allein leiden. Um sie irgendwie zu unterstützen, sie aufzumuntern, denn die Tyrannei kann nicht ewig währen. Früher oder später wird sie zu Ende gehen."

Hacker bringen Kritik an Ukraine-Krieg auf russische TV-Webseiten

Der Protest der beiden Lenta.ru-Redakteure erinnert an die bis dahin linientreue Journalistin Marina Owsjannikowa, die kurz nach Russlands Angriff auf die Ukraine vor einigen Wochen mit einem Anti-Kriegs-Plakat in die Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens gelaufen war.

Auch am jüngsten russischen Nationalfeiertag, dem 12. Juni, gelang es bislang unbekannten Hackern, eine Botschaft gegen den Krieg in der Ukraine auf Webseiten des russischen Staatsfernsehens zu platzieren.

Auf dem Streaming-Portal "Smotrim.ru" etwa stand am Sonntagabend neben Fotos von Zerstörung in der Ukraine der Text "Putin vernichtet Russen und Ukrainer! Stoppt den Krieg!", wie Internet-Nutzer berichteten.

Das Staatsfernsehen räumte später eine Hacker-Attacke ein, durch die weniger als eine Stunde lang "Inhalte mit extremistischen Aufrufen" angezeigt worden seien.

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