Bosz nach irrem Derby vorerst weiter im Amt

Christoph Küppers, Sportinformationsdienst (SID)
Daniel Caligiuri schoss den 3:4-Anschluss für Schalke

Nach dem sagenhaften Finale eines phänomenalen Revierderbys für die Ewigkeit zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund kochten die Emotionen über.

Schalke-Torhüter Ralf Fährmann und BVB-Urgestein Nuri Sahin lösten mit einem giftigen Gerangel vor der Südtribüne eine Massenschubserei aus, wütende Fans von Borussia Dortmund versuchten, den Innenraum zu stürmen.

100 Meter entfernt stießen übereifrige Ordner die Schalker Helden von ihren ekstatischen Anhängern weg. Einig waren sich alle nur in einem: Solch ein Derby hat es in 92 Jahren noch nie gegeben.

"Purer Wahnsinn!", sagte Fährmann nach dem spektakulären 4:4 nach 0:4 im 173. Duell der Ruhrpott-Rivalen. (Das Spiel zum Nachlesen im TICKER)

"Die ganze Fußballwelt liebt solche Spiele. Wenn man das als Buch verfasst hätte, hätte man sich gefragt: Was ist das denn für ein Schwachsinn?"

Bosz wohl weiter im Amt


Allerdings dürfte BVB-Coach Peter Bosz Fährmann nicht zustimmen. Denn der Niederländer wackelte nach der anhaltenden Negativserie der Schwarz-Gelben.

Doch am Sonntagmorgen tauchte Bosz zumindest am Trainingszentrum in Brackel auf - und darf vorerst weitermachen.

Die Highlights des Spieltags am Sonntag ab 9.30 Uhr bei Bundesliga Pur im TV auf SPORT1

Darauf sollen sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Geschäftsführer Michael Zorc nach einer Krisensitzung unmittelbar nach dem Derby im Stadion verständigt haben.


Bosz fühlt "nur Enttäuschung"

"Wir sind gerade fassungslos wie wir die zweite Halbzeit gespielt haben. Wir müssen jetzt erst einmal einordnen, wie das passieren konnte", hatte Michael Zorc am Samstag noch gesagt.

Anschließend zogen sich die Bosse nach SPORT1-Informationen zu Beratungen über die künftige schwarzgelbe Ausrichtung zurück. Diskutiert wurde dabei auch der Trainer. 

Der angezählte Bosz machte aus seiner Niedergeschlagenheit nach dem Spiel keinen Hehl: "Ich fühle im ganzen Körper nur Enttäuschung. Es darf nicht passieren, dass wir 4:4 spielen, wenn wir in der ersten Hälfte so überzeugend spielen."

Sorgen um seinen Job mache er sich aber nicht, beteuerte der Coach auf der anschließenden Pressekonferenz: "Ich werde nie aufgeben. Das habe ich schon als Profi nicht getan und werde es auch als Trainer nicht tun."

Entsetzt musste Bosz nach einer grandiosen ersten Halbzeit, in der seine taktischen Änderungen voll aufgegangen waren, mit ansehen, wie seine Mannschaft kollabierte. 


"Ich habe keine Erklärung"

"Du führst 4:0 und hast sie komplett zerlegt", klagte Sahin kopfschüttelnd, "wir können noch eine Stunde reden - ich habe keine Erklärung." Er versicherte dennoch: "Wir stehen hinter unserem Trainer."

Am Sonntag (im LIVETICKER auf SPORT1) muss sich Watzke auf der Jahreshauptversammlung in der Westfalenhalle den Mitgliedern stellen - es könnte eine turbulente Veranstaltung werden.

Dabei hatte es lange nach einer historischen Demütigung des Erzrivalen ausgesehen. Der BVB lag durch Pierre-Emerick Aubameyang (12.), ein Eigentor von Benjamin Stambouli (18.), Weltmeister Mario Götze (20.) und Europameister Raphael Guerreiro (25.) 4:0 vorne - so schnell wie zuletzt vor 53 Jahren in einem Derby. 


Tedesco in der Hölle

Schalke-Trainer Domenico Tedesco hielt schon die weiße Fahne in der Hand. "Das 0:4 war die Hölle. Nach 25 Minuten habe ich den vierten Offiziellen gefragt, ob wir nur 70 Minuten spielen dürfen", berichtete er. Manager Christian Heidel überlegte: "Wie verkaufst du das jetzt?"

Dann kam das Sensationscomeback für die Geschichtsbücher. Guido Burgstaller (61.) und Amine Harit (65.) rissen die anfangs vollkommen überforderten Schalker aus der Schockstarre. Als Aubameyang auch noch Gelb-Rot sah (72.), "ist der Glaube zurückgekommen", sagte der überragende Leon Goretzka:

"Und auf der anderen Seite hat es angefangen zu rattern. Der Rest ist Geschichte." (Der Spielplan der Bundesliga)

Daniel Caligiuri (86.) und Naldo (90.+4) vollbrachten das Fußball-Wunder und hielten die Dortmunder in der Tabelle auf Distanz. Erst einmal hatte eine Bundesliga-Mannschaft ein 0:4 noch aufgeholt: Bayern München siegte 1976 beim VfL Bochum sogar noch 6:5.


Am Samstag ließ das unglaubliche Ende selbst die Besonnensten aufbrausen. Fährmann tat sein provokativer Jubel vor der Südtribüne, der die Tumulte ausgelöst hatte, mit etwas Abstand leid.

"Das war nicht gentleman-like, so darf ich mich nicht verhalten. Dafür möchte ich mich entschuldigen", sagte er. "Aber jeder weiß, wie es in meinem Herzen aussieht."

Ärger über Aubameyang

Selbst der Ur-Dortmunder Roman Weidenfeller, der mit seinem 24. Einsatz zum Schalker Rekordhalter Klaus Fichtel aufschloss, musste zugeben: "Man muss sagen, dass Schalke zu Recht noch einen Punkt geholt hat."

Allerdings übte der Torhüter auch deutlich Kritik am unnötigen Platzverweis von Aubameyang: "Es war einfach schwachsinning, sich da eine gelb-rote Karte abzuholen."

Auch Bosz war wenig erfreut. "Das darf nicht passieren. Das war zu aggressiv. Er wollte der Mannschaft helfen, indem er tief verteidigt, aber das passt momentan zu unserer Situation."