Venezuelas Fake-Börse


Hinter der abgedunkelten Glasfront des modernen Backsteinbaus in Caracas geht es ruhig zu: Lediglich 43 Käufe und Verkäufe meldete die Börse Caracas am vorletzten Handelstag des Jahres. Aktien im Wert von 27 Millionen Dollar wechselten über das elektronische Handelssystem ihre Besitzer. Eine überschaubare Bilanz.

Umso erstaunlicher, dass gerade am Aktienmarkt im Geschäftsviertel der Hauptstadt Venezuelas dieses Jahr ein Weltrekord aufgestellt wurde: Um 3882 Prozent hat der Index im Jahr 2017 zugelegt. Weil die Börse im Dezember leicht nachgab, ist der Indexgewinn über zwölf Monate noch beeindruckender: Um 4053 Prozent stieg der IBVC seit Ende Dezember 2016. Buenos Aires, die zweitbeste Börse in 2017, hat dagegen „nur“ 77 Prozent gewonnen.


Das ist erstaunlich: Venezuela steckt in der schwersten Krise seiner Geschichte. Im November hat das Land seine Anleiheschulden nicht bezahlt. Seitdem haben alle Rating-Agenturen Venezuela-Bonds auf Default, also „zahlungssäumig“, eingestuft. Die Wirtschaft steckt im vierten Jahr tief in der Rezession und ist seitdem um mehr als ein Drittel geschrumpft. Im Land mit den größten Ölreserven herrscht Hungersnot, weil der Regierung die Devisen fehlen, um Lebensmittel zu importieren.

Umso grotesker erscheinen daher die Wertzuwächse an der Börse. So ist der Banco Mercantil Servicios Financieros, ein Finanzdienstleister, derzeit 4,3 Billionen Dollar wert – also knapp fünf Mal so viel wie Apple, das teuerste Unternehmen an der Wall Street.

Das kann einfach nicht sein. Beim zweiten Blick auf die Notierungen in Caracas wird klar, dass es sich um eine Phantasie-Hausse handelt. Caracas ist eine Fake-Börse. Denn die Indexgewinne wie die Zuwächse der Unternehmenswerte sind nur nominal so beeindruckend – gemessen in Bolivar Fuerte, also der angeblich so starken Währung des Landes.


Die ist in der Realität jedoch so schwach wie keine andere Währung weltweit: Seit Anfang August hat der Bolivar auf dem Schwarzmarkt in Caracas von 10.000 auf jetzt 107.000 Bolivar abgewertet. Ein Euro wird schwarz sogar für 127.000 Bolivar getauscht, das ist ein daumendickes Geldbündel. Der Unterschied zum offiziellen Wechselkurs ist gewaltig: Offiziell ist der Dollar immer noch zehn Bolivar wert. Doch niemand kann in einer Staatsbank für zehn Bolivar einen Dollar tauschen. Die Regierung hält den offiziellen Tauschkurs künstlich hoch, um den Anschein einer starken Währung zu erhalten.

Tatsächlich hat sie mit dem Wechselkursregime Türen und Tor für Korruption geöffnet: Wer gute Kontakte zur Regierung hat, oder selbst Regierungsmitglied oder Militär ist, kann immer wieder Dollar zum offiziellen Wechselkurs erhalten, tauscht ihn dann schwarz gegen Bolivar, um dann erneut „offizielle“ Dollar zu kaufen – so dreht sich seit vielen Jahren die Korruptionsspirale. Inzwischen sind die Dollar jedoch so knapp geworden, dass dieses Korruptionsschema wohl nicht mehr im großen Stil stattfindet.


Die Gewinne schmelzen

Die Abwertung erklärt sich vor allem durch die hohe Inflation: Der Staat ist pleite. Deswegen lässt die Zentralbank ständig neue Banknoten drucken, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Wie hoch die Inflation nun ist, darüber herrscht kein Konsens – die Zentralbank veröffentlicht schon lange keine Makro-Daten mehr: Der Ökonom Steve Hanke gibt die Jahresinflation auf 2588 Prozent an. In Venezuela selbst rechnen unabhängige Ökonomen die Inflation anhand der Preisentwicklung für lebensnotwendige Güter und Dienstleistungen auf 2130 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten hoch.

Berücksichtigt man also die Abwertung plus die Inflation, dann schmilzt der Wert der Aktien genauso wie der Indexgewinn schnell zusammen. Dennoch stellt sich die Frage, warum in der kollabierenden Wirtschaft immer noch Aktien gekauft werden. Nachdem die Linksregierungen seit fast zwei Jahrzehnten die Privatwirtschaft weitgehend enteignet und verstaatlicht haben, sind nur noch 14 Unternehmen an der Börse gelistet. Übrig geblieben für den Handel sind fast nur noch Banken, etwa Banco de Venezuela, Mercantil und Provincial. Und ihnen geht es blendend, weil sie einem kredithungrigen Staat zu hohen Zinskonditionen Geld leihen.


Der Grund für das Interesse der Investoren an der Börse ist: Der Aktienmarkt ist eine der wenigen Möglichkeiten, Bolivar vor dem Wertverfall zu retten. Ausländische Investoren können am falschen venezolanischen Börsenboom nicht teilnehmen – selbst wenn sie es wollten. Die Aktien der sechs venezolanischen Unternehmen, die als ADR (American Depository Receipts) an der Börse in New York gelistet waren, werden dort nicht mehr gehandelt. Sie waren zuletzt sowieso nur noch im außerbörslichen Handel zu bekommen.

Doch jetzt lassen US-Investoren und Banken die Finger gänzlich von den Papieren: Die USA haben nach den manipulierten Wahlen in Venezuela Ende August Sanktionen verhängt. Seitdem ist es amerikanischen Banken verboten, venezolanische Aktiva zu kaufen. Neben Bonds gehören auch Aktien dazu.


Anlegen 2018 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 15 Teile und läuft vom 21. Dezember bis 4. Januar 2018. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (21.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (22.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (23.12.):Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (24.12.): Aktien Europa

Teil 5 (25.12.): Aktien Emerging Markets

Teil 6 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 7 (27.12.): Aktien Skandinavien

Teil 8 (28.12.): Gold

Teil 9 (29.12.): Devisen

Teil 10 (30.12.): Aktien USA

Teil 11 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 12 (1.1.2018): Die Fehler des Jahres 2017

Teil 13 (2.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (3.1.): Leser-Erwartungen 2018

Teil 15 (4.1.): Ölpreis